Dies vermutet der renommierte Sprachwissenschaftler Joseph H. Greenberg von der Stanford University, der zu Beginn dieses Jahres den ersten von zwei Bänden über “Eurasiatisch” herausgegeben hat.
Greenberg schließt sich mit seiner Theorie der so genannten “Out of Africa”-Theorie an, die besagt, dass die Wiege der Menschheit in Afrika stand und dass der Mensch vor 100.000 bis 150.000 Jahren von dort die übrigen Kontinente besiedelte. Anfangs waren es wohl nur etwa 2000 Menschen, die von ihrer afrikanischen Urheimat aufbrachen und sich über Asien, Europa, Sibirien und die beiden Amerikas verstreuten. Sie passten sich den Lebensbedingungen ihrer neuen Umgebung an und über Generationen veränderte sich auch ihre Sprache. Allerdings blieben Greenberg zufolge die Dialekte, die auf den einzelnen Kontinenten schließlich gesprochen wurden, noch so weit ähnlich, dass sie zu Super-Familien zusammengefasst werden können. Eine dieser Super-Familien nannte Greenberg vor einigen Jahren in seinem Buch “Languages in the Americas” (1987) “Amerindisch”. Darunter subsummiert er die Indianer-Sprachen, die in den heutigen USA und in Südamerika bis heute gesprochen werden. Ausdrücklich nicht dazu gehören die eskimo-aleutische Sprachfamilie in Alaska und die Na-Dene Sprachfamilie im Westen des heutigen Kanadas und in einigen Regionen der USA. Das Eskimo-Aleutische steht in Verwandtschaft zum Nord-Asischen und zu Europa, während die Na-Dene-Gruppe etwas rätselhaft ist, da sie Sprachen zusammenfasst, die nur mit einigem linguistischen Tiefgang als miteinander verwandt identifiziert werden können. Vermutlich sind die Na-Dene-Sprachen mit sibirischen Dialekten verwandt. Kennzeichnend für die amerindischen Sprachen ist nach Greenberg zum Beispiel, dass Wörter, die mit “n” beginnen, fast immer den Sprecher bezeichnen, also ‘ich’, ‘mein’, ‘wir’, ‘unser’ bedeuten. Wörter, die mit “m” beginnen, bezeichnen dagegen den Anderen, also die 2. Person. Im Eurasiatischen, dem Greenberg sein neues Buch widmet und das vom Englischen bis zum Japanischen fasst alle Sprachen Europas und Asiens umfasst, bedeutet ein “m” am Anfang eines Wortes oft die erste Person: Englisch “me”, Finnisch “minä”, Russisch “menja”, “mne”, Alt-Japanisch “mi”. Der “n”-Laut steht in vielen eurasiatischen Sprachen nicht für die 2. Person wie im Amerindischen, sondern wird für die Verneinung gebraucht, von “no”/ “not” im Englischen, “non”/ “ne” im Französischen, “njet” im Russischen” bis zur Endung “-nai”, mit der im Japanischen Verben verneint werden. Greenbergs Theorie ist nicht unumstritten – obwohl er sich bei seinen Forschungen mit den großen Etymologen (Wortherkunftsforschern) und den Indogermanisten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, wie etwa Edward Sapir und Franz Boas, auseinander gesetzt hat und teilweise auf ihre Ergebnisse zurückgreift. Die meisten Sprachwissenschaftler würden sich nicht so weit vorwagen. Sie sagen, dass Sprache sich derart schnell verändert, dass sie bestenfalls ein paar tausend Jahre zurück verfolgt werden kann. Andere Kritiker, die sich auf sein Gedanken-gebäude zunächst einlassen, halten es für unzulässig, schon Verwandtschaften zu sehen, wenn sich Wörter aus verschiedenen Sprachen ähnlich sind. Das kann Zufall sein, argumentieren sie – oder daran liegen, dass die eine Sprache bei der anderen Sprache auf Grund eines Sprachkontakts Wörter “ausgeliehen” (entlehnt) hat. Sie wollen erst dann eine Verwandtschaft anerkennen, wenn sich die Ähnlichkeit einstellt, so wie sich etwa der “p”-Laut im Indoeuropäischen zum “f”-Laut im Englischen und Deutschen entwickelte, wie man es etwa an “pater” – “father” / “Vater” oder an “pro”-“for” / “für” noch erkennen kann (so genannte “1. Lautverschiebung”). Greenberg will tatsächlich auch solche lautlichen Entsprechungen gelten lassen, die zwischen zwei oder mehr Sprachen immer wieder erscheinen – ohne dass sie regelhaft erwartbar werden. So zeigt er beispielsweise, dass zwischen dem englischen “do” und dem französischen “faire” mehr Verwandtschaft besteht als auf den ersten Blick sichtbar ist. Das “d” im Englischen kann nämlich dem “f” im Französischen entsprechen, wie es auch bei den Wörtern “head” und “chef” der Fall ist. Diese lautlichen Entsprechungen erwartet Greenberg aber nicht in allen Fällen.
Um dem Vorwurf der Beliebigkeit zu entgehen, stellt Greenberg Tabellen mit möglichen lautlichen Entsprechungen zwischen zwei Sprachen auf – für das Englische und Französische hat er 82 augelistet – und zählt die Vorkommnisse dieser Entsprechungen. Dadurch kommt er beispielsweise zu dem Ergebnis, dass “k” im Französischen in nur einem fall einem “f” im Englischen entspricht (“quatre” – “four”), dafür aber drei Mal einem “h” im Englischen (z.B. “qui” – “who”, s. Grafik).
Anders als viele seiner Kollegen in der Linguistik zieht Greenberg für seine Forschungen auch die Erkenntnisse aus der Anthropologie heran. Die Datierung der großen ur-amerikanischen Sprachfamilien bringt er mit dem Auftauchen verschiedener Kulturen auf diesen Kontinenten in einen Zusammenhang. So berechnet Greenberg das Erscheinen der ersten Sprache in Alaska auf 12.000 Jahre vor unserer Zeit. Dies passt mit dem Auftauchen der so genannten Clovis-Kultur zusammen, deren Stätten nach allgemeinem Konsens der Archäologen etwa 11.500 Jahre alt sind (vergleiche Krach um den ersten Amerikaner in Heft 8). Trotz seiner kühnen Theorien und der Kritik, die ihm entgegengehalten wird, ist Greenberg kein Außenseiter in seiner Zunft. Er ist einer der wenigen Linguisten, die zur amerikanischen National Academy of Sciences gehören – der exklusivsten wissenschaftlichen Organisation der USA.





