Die Altertumsforschung sorgt immer wieder für Überraschungen: Die neueste: Der „typisch griechische” Tempel stammt gar nicht aus Hellas. Der österreichische Bauforscher Anton Bammer schaute in Ephesus unter den gigantischen Tempel der Artemis, um hinter mögliche Vorbilder zu kommen. Ganz ohne Muster, so seine Überlegung, gelingt im 6. Jahrhundert v.Chr. kein solcher Kult-Komplex mit 50 auf 103 Meter, plus 120 Säulen als Fassung. Die Architekten des Weltwunders, so fand Bammer heraus, waren wohl an eine bestimmte Bauform gebunden, hatten jedoch bei den Dimensionen freie Hand – Artemis’ neues Haus wird 40mal größer als ihr letztes. Das maß gerade 13,5 mal 6,5 Meter, war aber mit Cella und 20 Säulen ganz das perfekte Parthenon im Kleinformat. Was diesem Winzling archäologisch den Spitzenplatz sichert, ist das Datum der Grundsteinlegung: Das zerschlagene Geschirr, zur Füllung der Fundamente verwendet, stammt – das Dekor macht’s deutlich – aus der Endphase der geometrischen Epoche. Da aber, Mitte des 8. Jahrhunderts v.Chr. baut man in Hellas Hütten, keine „klassischen” Tempel. Bammer überrascht weiter: Der erste Tempel ist nicht der älteste Kultbau in Ephesus. Als Basis aller heiligen Hallen entpuppte sich bei den Nachforschungen ein Megaron mit zentralem Herd – eine ursprünglich anatolische Bauform. Wie kam der hellenistische Nimbus zustande?
Auch die Antike hatte ihr Amerika. Denn Übervölkerung wurde schon im Altertum zum Problem – besonders in Griechenland. Zwar blühten die Geschäfte der Stadtstaaten, die machten aber um 750 v.Chr. nicht mehr alle satt. Korinther & Co setzten Segel und schwärmten aus. Im Westen wird an der Küste der italienischen Halbinsel Neapolis (die neue Stadt) gegründet. Ischia und Um(ei)land nennen die Einwanderer Pithekussai, Archipel der Affen. Massilia an der Rhonemündung kommt später – als Marseille – groß heraus, und Syrakus auf Sizilien wurde zum umkämpften Stützpunkt für die Handelsflotten. Im Süden wollen sich die Griechen schlau machen, sie siedeln am Nil und in der Cyrenaika im heutigen Libyen. Die Ägypter waren seit jeher ihre Lehrer in Philosophie und Mathematik, und von den Libyern lernten sie praktische Sachen wie „vier Pferde zusammenspannen”, weiß Herodot zu berichten. Im Osten, so soufflierte dem Urhistoriker die mündliche Überlieferung, hätten Äonen vor seiner Zeit schon Ionier aus Athen den Sprung über die Ägäis geschafft. Herodot, um 490 v.Chr. geboren, war ein Kind der ersten griechischen Kolonie – Milet.
In der Antike war der Osten golden und Kleinasien das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie in Amerika wurde an der Küste Anatoliens alles etliche Nummern größer. Stilgemäß bezogen auch die Gottheiten Hochhäuser, Artemis etwa ihren Weltwunder-Tempel in Ephesus, „der in die Wolken sich hebt”, wie der Poet Antipatros staunte, der im 2. Jahrhundert v.Chr. ein Wort bei der Wahl der antiken Weltwunder mitsprach. Zu den Wolkenkratzern paßten die Gedankengebäude, die das herrschende Weltbild auf den Kopf stellten – ganz Ionien wurde zur Denkfabrik. Vier Vertreter der frühen Einsteins, die das Abendland andachten: Thales von Milet sagte die Sonnenfinsternis am 28. Mai 585 v.Chr. voraus. Der Bezwinger des Dreiecks, Pythagoras, wurde auf Samos geboren und spielte da schon mit den Zahlen. Nach Platons Tod verließ Mitdenker Aristoteles das spießige Athen, sann befreit im Osten weiter und kam da auf die Logik. Und Hippokrates, daheim auf der Ägäis-Insel Kos, war Pionier der modernen Medizin.
Auch schöngeistig tat sich in Ionien Bahnbrechendes. Jamben und Hexameter erhöhten die Sprache und verschafften ihr einen schönen Rahmen. In der Architektur entstand eine ureigene Säule: Die dorische Säule wird zur allseits bekannten ionischen gesteigert, mit einer Volute als Krönung. Vor den Stadtstaaten des Vaterlands legt das kleinasiatische Milet – selbst kolonialen Ursprungs – im 8. Jahrhundert v.Chr. los, seine Boote nehmen Kurs nach Norden: Rund ums Schwarze Meer gründet sie 50 Tochterstädte, darunter so berühmte wie Sinope und Trapezunt. Auch die übrigen Tochterstädte entwickelten – wie Milet – schnell eigene Aktivitäten, die sie oft genug in direkte Konkurrenz zu den Mutterstädten im festländischen Vaterland brachten, sei es in Geistesleben, Handel oder Architektur. Mi- let war drauf und dran, Athen den Rang abzulaufen (bild der wissenschaft 8/1999, „ Milet – die verkannte Metropole”). Wann wanderten die Griechen in Kleinasien ein? Weil sich da die antiken Geschichtsschreiber einig sind, war das bis dato für die Archäologen keine Frage: Als Kodrus letzter König von Athen war, brach Sohn Neleus zum Kolonisieren gen Osten auf, behaupten unisono Pausanias und Kollegen. Wissenschaftler von heute rechneten anhand der Genealogien zurück und kamen auf 1000 v.Chr. als das Jahr des Auszugs aus Attika.
Dieses Datum müßte sich doch leicht mit Funden untermauern lassen, dachte eine junge Forscherin aus Griechenland. Irene Lemos ging bei ihrer Recherche davon aus, daß man vor 3000 Jahren nie Nonstop über die Ägäis geschippert ist. Als Raststation boten sich die Inseln an, und bei den Zwangsaufenthalten – Poseidon war immer schon wetterwendisch – wird einiges vom Umzugsgut auf der Strecke geblieben sein. Diese Scherben stechen durch ihr „ geometrisches” Zackenmuster hervor. Ihren Stil, so die Schlußfolgerung der Nachfahrin, werden die Aussiedler in der neuen Heimat beibehalten haben. Irene Lemos sichtete die archäologische Ausbeute auf den Kykladen und an der türkischen Westküste. Wider Erwarten waren da die Gefäße mit dem strengen Dessin eine Seltenheit, dafür häuften sich neben den Inlandsprodukten solche mit fremd-floralen Schnörkeln. Diese Keramik aber wurde um 1200 v.Chr. getöpfert, deshalb datiert die Griechin den großen Exodus ihrer Altvordern nun um 200 Jahre zurück. In den folgenden Epochen wanderten zwar immer wieder Griechen nach, doch setzt Irene Lemos die Initialkolonisierung der türkischen Ägäis-Küste durch die Griechen an die Wende von der Bronze- zur Eisenzeit.
„Viel zu spät”, läßt sich dazu Wolf-Dietrich Niemeier aus Milet vernehmen. Der Heidelberger Archäologieprofessor ist auf eine viel frühere Einreisewelle gestoßen. Schon im 4. Jahrtausend v.Chr. kamen Fremde von den griechischen Inseln, wie Obsidiangeräte aus den Vulkanglas-Vorkommen auf der Ägäis-Insel Milos belegen. Kurz darauf hinterlassen die Kreter jede Menge Erkennungszeichen, wie Altar, Fresken und Siegel. Für flüchtige Besucher ist das zuviel des Guten, und so ist für Ausgräber Niemeier das frühe Milet ganz klar eine Kolonie Minoas.
Als dann die Mykener bei Milet das Terrain sondierten, war das Hethiterreich Hatti in Zentralanatolien eine Großmacht, vor der selbst RamsesII. zeitweise kuschte. Daß die Hethiter sich auch weit nach Westen orientierten, beweist die diplomatische Korrespondenz in ihren Staatsarchiven. Hielt man lange die Zuordnung der Ortsnamen für reine Spekulation, gilt es nun als erwiesen: Millawanda steht für Milet, Arpasa ist Ephesus und Ahijawa bedeutet Achäer, die Griechen Mykenes. Durch Einzelfunde zeichnet sich immer deutlicher ab: In Kleinasien verbanden sich die Kulturen durch alle Zeiten. Und es geschah, was der Altmeister der Archäologie in der Westtürkei, Ekrem Akurgal, so zusammenfaßt: „Die Weisheit des Orients wurde in Ionien zur Wissenschaft.” Und zum Nährboden für die Kultur des Abendlandes.
Kompakt Die griechischen Kolonien in Kleinasien überflügelten rasch die Mutterstädte. Die Einwanderer übernahmen vieles von den Einheimischen – zum Beispiel die Form der Tempel. Die Verbindung mit den anatolischen Kulturen schuf die Grundlage für die abendländische Zivilisation.
Waltraud Sperlich





