In der neuen Studie ( http://www.pnas.org/content/111/24/8788.full) wurde nun die Timeline von über 300.000 englischsprachigen Nutzern eine Woche lang auf besondere Weise selektiert: Ein Teil der Nutzer sah vorwiegend Meldungen, in denen die Freunde positive Gefühle beschreiben, der andere Teil sah vorwiegend Meldungen mit negativen Äußerungen. Mehr als drei Millionen Meldungen wurden dazu mittels Schlagworten automatisch in eine von beiden Kategorien einsortiert. Die Forscher interessierten sich dafür, welche Wirkung diese selektierten Meldungen auf die Nutzer haben. Tatsächlich beschrieben die Nutzer in ihren eigenen Statusmeldungen vermehrt ähnliche Gefühle wie ihre Freunde, nachdem sie deren Nachrichten gelesen hatten.
Die Studie belegt, dass sich Stimmungen über soziale Plattformen übertragen. Dieser Effekt ist als emotionale Ansteckung bekannt: Trifft man etwa einen traurigen Freund, ist die eigene Stimmung danach ebenfalls gedrückt. Die Studie zeigt, dass dieser Mechanismus auch dann funktioniert, wenn kein direkter verbaler Kontakt zwischen den Personen besteht. Gefühle lassen sich also über Facebook übertragen. Und durch die Selektion der Timeline kann Facebook sie beeinflussen.
Im Interview mit bdw beschreibt James Fowler, Professor an der Universität von Kalifornien, seine eigene Forschung bei Facebook. Obwohl er an der aktuellen Studie nicht beteiligt war und diese zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht veröffentlicht war, beschreibt er die Grundlage einer solchen Studie: Demnach interessiere sich Facebook besonders dafür, „welchen Einfluss die Freunde eines Nutzers auf ihn selbst haben.” Er beschreibt die Grenzen, die sich die Forscher bei solchen Studien selbst setzen: „Facebook speichert, wenn sich jemand das Profil einer anderen Person anschaut. Das sind unsichtbare Daten, die wir niemals verwenden würden, weil das zu sehr in die Privatsphäre des Einzelnen eindringt. Aber wenn wir die Inhalte untersuchen, die jemand in einem Post an seine Freunde mitteilt, ist das in Ordnung.” Damit skizziert er die umstrittene Studie: Auch in dieser wurden nur die Meldungen der Nutzer anonym ausgewertet; die Studie hält sich somit genau an die selbst auferlegten Grenzen der Forscher.
Fowler weiß, wie dünn das Eis ist, auf dem Facebook-Forscher sich bewegen und kennt die Grundsätze: „Die oberste Regel des Data Science Teams lautet: Sei nicht unheimlich – also mache den Leuten keine Angst damit, was du alles über sie herausfinden kannst.” Die Anonymität der Nutzer sowie der Schutz ihrer Privatsphäre sieht Fowler gewährt – und glaubt daher an das Einverständnis der Nutzer: „Wir müssen sie gar nicht darum bitten, und ihnen ist auch nicht klar, dass sie der Forschung damit helfen.” Universitäten sind an strenge wissenschaftliche Richtlinien gebunden, nach denen Teilnehmer einer Studie informiert werden müssen. Die neue Studie umging diese Vorgaben jedoch, da sie von einem Unternehmen durchgeführt wurde. Facebook sieht zugleich die Manipulation der Nutzerdaten durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen abgedeckt. Doch selbst die Fachzeitschrift PNAS, in der die Studie veröffentlicht wurde, äußerte öffentlich Sorge über das Vorgehen – ein bemerkenswerter Schritt. ( http://www.pnas.org/content/early/2014/07/02/1412469111.full.pdf+html)





