Um den Entwicklungsgrundlagen der Religionen nachzugehen, haben die Forscher um Russell Gray von der University of Auckland die Weltanschauungen von 583 Gesellschaften aus allen Regionen der Erde untersucht und sie mit den historischen, sozialen und ökologischen Faktoren der entsprechenden Kulturen abgeglichen. Durch statistische Methoden entwickelten die Forscher ein Modell, aus dem hervorgeht, welche Faktoren im Zusammenhang mit den Charakteristika der jeweiligen Religionen stehen.
Harsche Umwelt – Götter mit erhobenem Zeigefinger
Die Auswertungen der Forscher verdeutlichten einen Faktor, der offenbar eine wichtige Rolle gespielt hat: Gesellschaften, die sich in Umwelten entwickelt haben, in denen Nahrung und Wasser knapp sind, glauben eher an moralisierende Gottheiten. “Wenn das Leben besonders hart oder unsicher ist, glauben die Menschen an ausgesprochen große Götter”, bringt Gray das Ergebnis auf den Punkt. Möglicherweise bot dieser Glaube für die betreffenden Gemeinschaften Vorteile, sagen die Forscher. Es ist bereits aus anderen Studien bekannt, dass religiöse Vorstellungen mit starken moralischen Regeln kooperatives Verhalten fördern. Dies erscheint unter schwierigen Lebensbedingungen natürlich besonders vorteilhaft.
Den Forschern zufolge gibt es noch weitere Faktoren, die für Gesellschaften charakteristisch sind, die Religionen mit erhabenen Gottheiten entwickelt haben: Es handelt sich um Kulturen mit ausgeprägten politischen Strukturen, die über regionale Gemeinschaften hinausgehen. Eine typisches Merkmal dieser Gesellschaften sei beispielsweise auch die organisierte Viehhaltung, sagen die Forscher.
Ein Modell sagt Merkmale voraus
Unter Einbeziehung aller anderen Faktoren und der besagten ökologischen Faktoren erreicht das Modellsystem der Forscher eine 91-prozentige Genauigkeit bei der Vorhersage, inwieweit die Gottheiten von Menschen einer bestimmten Region moralisierende Charakteristika aufweisen. “Das Gesamtbild ist, dass der Glaube letztlich durch eine Kombination von historischen, ökologischen und sozialen Faktoren geprägt ist”, resümiert Co-Autor Carlos Botero von der North Carolina State University in Raleigh. Das Team will nun an dem Forschungsthema dran bleiben und weiter ins Detail gehen: Die Forscher planen Prozesse zu erforschen, die beispielsweise zur Entwicklung von Tabus, Beschneidungs-Praktiken oder zu anderen kulturellen Merkmalen von Gesellschaften geführt haben.





