Der Erste Weltkrieg kostete über neun Millionen Soldaten das Leben. In den ersten Kriegswochen starben allein auf deutscher und französischer Seite etwa 300 000 Männer. Maschinengewehre, Gasgranaten, Flammenwerfer und Artilleriegeschütze zerfetzten Menschen wie Papier. Geradezu fatalistisch waren die Großmächte im Sommer 1914 in diesen Krieg marschiert, verheizten ihre Soldaten an der Ost- und Westfront, in den Alpen, in Afrika und am Balkan.
Zum Inbegriff für die hemmungslose Vernichtung von Menschenleben wurde der Stellungskrieg an der Westfront. Von Belgien durch Frankreich bis ins Elsass fraßen sich die Schützengräben in den Boden – und die Bombardements in die Seelen der ausharrenden Soldaten. Vor allem der Befehl zum Angriff sorgte für Angst und Schrecken: Abertausende fielen auf offenem Feld im Maschinengewehrfeuer. Erstmals in der Geschichte kehrten Legionen von Veteranen völlig traumatisiert zurück. Die Nervenärzte waren hilflos.
Längst nicht alle Toten konnten von den Schlachtfeldern geborgen werden. Viele fanden ihre letzte Ruhe in hastig ausgehobenen Massengräbern. Traditionell kümmern sich heute nationale Gräberdienste um deren Bergung. Doch auch immer mehr Archäologen nehmen sich der Gefallenen in Gräbern, Schützengräben und Unterständen an. Französische, belgische und britische Forscher interessieren sich stärker denn je für die Stätten des Ersten Weltkriegs. Sie wollen mehr über die „Vergessenen” und ihren Alltag im Feld wissen. Welche teils erschütternden Details die Archäologen dabei ans Licht gebracht haben, zeigen drei eindrucksvolle Beispiele.
Verloren im Schutz des Stollens
18. März 1918, kurz vor Sonnenaufgang am Südende der Westfront – die Deutschen lassen Gasgranaten auf französische Stellungen regnen. Keine 600 Meter entfernt erwidern die Franzosen das Feuer. Wenige Stunden später werfen französische Flieger Bomben ab. Die deutschen Soldaten ziehen sich zurück und flüchten 150 Meter hinter der Front in einen unterirdischen Schutztunnel, den Kilianstollen. Die Erde bebt unter dem stundenlangen Beschuss. Plötzlich gibt die Holzkonstruktion des etwa 125 Meter langen Stollens nach – die meterdicke Erddecke bricht ein und begräbt über 30 Soldaten unter sich. Als die Artilleriegeschütze verstummen, können einige Männer geborgen werden. 21 bleiben verschüttet.
92 Jahre später rücken Bagger im elsässischen Carspach an. Hier soll eine Schnellstraße entstehen. Die Maschinen fräsen tiefe Schnitte in den Boden, Archäologe Michaël Landolt und seine Kollegen vom Landesamt für Archäologie suchen die Umgebung ab (siehe Interview ab S. 71). 2010 werden sie fündig. Holzbalken reihen sich in tiefen Gräben aneinander, führen bis zu sechs Meter in die Tiefe, wo sich die deutschen Soldaten einst in den Schutz des Holzstollens zurückgezogen hatten.
Die Forscher fanden vieles gut erhalten vor: Türen, Feldbetten, Emaille-Schilder, Warnglocken, die Reste der Telefonverkabelung, Granaten. Sie konnten auch nachweisen, dass der Stollen nach dem schweren Bombardement für kurze Zeit wieder benutzt wurde – und dass man versucht hatte, die verschütteten Kameraden zu bergen. Ein Unterfangen, das erst die Archäologen zu Ende brachten. 2013 im Juli wurden die 21 deutschen Soldaten aus dem Kilianstollen feierlich beigesetzt.
Die vergessenen Toten
In Nordfrankreich verlief die Westfront mitten durch die Region Nord-Pas-de-Calais, vorbei an dem Städtchen Arras. Während der Kriegsjahre tobten dort mehrere Schlachten, Arras wurde fast völlig zerstört. Im vergangenen Jahrzehnt legten Archäologen um Alain Jacques vom Service Archéologique de la Ville d’Arras und Yves Desfossés vom benachbarten Service Régional de l‘Archéologie Champagne- Ardenne rund 6000 Fund- orte des Ersten Weltkriegs frei. Neben Schützengräben und Wachtürmen entdeckten sie auch viele Gräber von Gefallenen. Noch heute ist von schätzungsweise 670 000 Toten nicht bekannt, auf welchem Friedhof sie liegen. Die meisten hatte man hastig in Bombenkratern vergraben – mitsamt Marschgepäck und Uniform.
Die Funde in solchen Massengräbern rühren an: „Bei einem gallo-römischen Grab gehen wir nüchtern archäologisch vor”, so die Forscher. Anders bei den Soldatengräbern: Die Skelette tragen Spuren von Gewalteinwirkung und konfrontieren die Archäologen mit Einzelschicksalen. Tiefe Anteilnahme löste etwa der Fund eines Massengrabs in Point du Jour bei Arras aus: 20 britische Soldaten lagen dort nebeneinander in einem 15 Meter langen Graben, ihre Arme ineinander verschränkt. „Das Grab bezeugt eindrucksvoll, wie eng die Kameradschaft dieser Männer war”, schreiben die Forscher.
Militärische Erkennungsmarken konnten die Ausgräber keine mehr entdecken, wohl aber Regimentsabzeichen. Und die belegen, dass die Toten zum 10. Bataillon des britischen Lincolnshire Regiments gehörten, das als „Grimsby Chums” in die Geschichte einging – die Kameraden aus Grimsby.
Das 1000 Mann starke Bataillon stammte aus Nordostengland, die Männer waren zum Teil auf dieselbe Schule gegangen, hatten sich freiwillig gemeldet – und starben fast alle, als die Briten im April 1917 eine Großoffensive gegen die Deutschen starteten.
Ateliers im Schützengraben
Aschenbecher, Flugzeugmodelle, Zündholzbüchsen – solche Objekte finden Archäologen zuhauf in den Gräben und Unterständen des Ersten Weltkriegs. Doch viele davon sind etwas Besonderes: Soldaten aller Nationalitäten haben sie während Feuerpausen oder in Gefangenschaft aus leeren Geschosshülsen gefertigt. Manche Veteranen brachten sie als „Mitbringsel” vom Schlachtfeld nach Hause.
Sich als Künstler zu betätigen, dürfte den Männern und ihrer geschundenen Psyche eine Pause verschafft haben. „Während der langen Wartezeit in den Gräben”, so die französischen Archäologen Yves Desfossés und Alain Jacques, „bekämpften die Soldaten die trügerische Ruhe und die Ungewissheit, ob sie überleben würden, mit der Herstellung von kleinen nützlichen Dingen.” •
Karin Schlott findet die Trench Art schön, aber auch bedrückend.
von Karin Schlott





