“Wenn Sie mir bitte folgen wollen”, sagt Hayat Erkanal und gleitet von der Hafenmole ins Wasser. Seine Besucher aus Deutschland sind bereit zu folgen, hatte er doch schon fernmündlich gebeten, Badehose und Unterwasserkamera einzupacken.
Das Meer ist nicht sehr einladend, weil die Brühe von Izmirs Güllegolf mitunter bis hier nach Urla, halben Wegs zum offenen Wasser der Ägäis, schwappt. Doch was schluckt man nicht alles im Dienste der Wissenschaft – und so platschen die Gäste beherzt hinterher und tauchen mit Schnorchel und Taucherbrille ein in die Bronzezeit an der kleinasiatischen Westküste.
Denn Limantepe verspricht bislang Ungesehenes. Nah dem heutigen Izmir hielt man sich vor 5000 Jahren nicht mit Dörfern auf, sondern schuf aus dem Stand eine Stadt. Verschanzten sich die ersten Trojaner hinter aufgebesserten Feldmauern, trutzte Limantepes Wall bereits um 3000 v. Chr. mit Bausch und Bastion. Friedlichen Seefahrern standen jedoch die Tore offen, ja man kam ihnen sogar mit einem Steg im ummauerten Hafen entgegen – dem ersten seiner Art an den Ägäis-Küsten.
Limantepe hatte Oberwasser, bis Troja sich militärisch mit den Mykenern maß – und unterlag. Durch den verlorenen Krieg gewann die Stadt an den Dardanellen Größe bis heute. Hymnen auf Hektor & Co. waren der Evergreen der Sänger; nichts ließ man über das wehrhafte Troja – alias Ilion – kommen und bewahrte die Festungsreste bis in die Römerzeit als Antiquität.
Kein Dichter, kein Sänger und damit kein Sterbenswörtchen dagegen von Limantepe, das vor Homers Geburtshaustür lag. Hätte der Dichter einen Schimmer gehabt und Vorsänger mit weniger Hang zu Helden, wäre vielleicht noch ein Händlerepos entstanden – über die Buddenbrooks der Bronzezeit.
Sommer 1997: Im falben Dämmer schimmern Myriaden von Muscheln, die einen uralten Wall verschalen. Fünf Meter breit und hoch ist die Mauer, um 50 Meter verlängert sie eine Landzunge ins Meer. Ausgebuchtet mit Türmen folgt sie auf 100 Metern dem Küstenbogen und kehrt nach einer Lücke mit weiteren 30 Metern getürmter Steine zum Ufer zurück. Von diesem Damm zweigt ein halb so dicker anderer ab, der 15 Meter in die Mitte der eingefaßten Wasserfläche reicht.
Vertauscht man die Fisch- mit der Vogelperspektive, fallen die Schuppen von den Augen: Ein Kai als Bastei gegen Sturm und Angreifer, Einfahrt und Pier ergeben glasklar einen Hafen. Vor 5000 Jahren mußte man für den Durchblick nicht – wie der bdw-Fotograf – mit dem Kran 18 Meter in die Lüfte. Damals war das Mittelmeer fünf Meter niedriger und schlug gerade an die Fundamente der neugebauten Brandungsbarriere.
Das Bassin dahinter wurde bald Sammelbecken für Handelsflotten aus Übersee, die an Land ihre Visitenkeramik hinterließen: Tafelgeschirr mit Ritzdekor kutterte man von den Kykladen heran, Ägina steuerte Griechentöpfe bei, mit der auf dieser Insel üblichen Mattbemalung. Als sich später die Kreter kultivierten, setzten sie feine Tülleschüsseln über, quasi die Prototypen der Sauciere.
Dank des Hafens ging’s rasant bergan auf dem Hafenhügel, “Limantepe” auf türkisch. Die Senkrechtstarter der frühen Bronzezeit hatten mit ihrer Zentrale umsichtig eine Stelle gewählt, die das Fortkommen beschleunigte: Vor der Nase die Ägäis, mit Inseln dicht an dicht ein bequemer Seesteg gen Westen.
Im Rükken ein Flußtal, das den direkten Weg nach Inneranatolien öffnete. Nach dem Pilotwall steigerte sich der zweite Wall um 2700 v. Chr. zum Meisterwerk, das – von der Zeit leicht auf sechs Meter gestutzt – bis heute überdauerte.
Im Schutz der Bastionen expandierte der Marktflecken zur Handelsmetropole, mit 60000 Quadratmetern die geborene Großstadt. Der Hafen sicherte die Zukunft und bald erforderten reihenweise Einbaumladungen den Ausbau der Lagerhäuser. Voll im Aufwärtstrend, wurden auch die eigenen vier Wände ein paar Nummern größer. Die massiven Fundamente vertrugen mindestens zwei Geschosse, die aus Lehmziegeln aufgemauert wurden. In jeder Hinsicht hochherrschaftlich, weiteten sich drinnen die Zimmer zu Sälen.
Inmitten der neuen Geräumigkeit aber wirken Gänge paradox, in denen selbst die schmaleren Schultern von einst arg in die Enge kamen. Die rätselhaften Flure neben den Räumen sind für den Ausgräber Goldgruben, sie belegen mit massenhaft Scherben weite Alte-Welt-Reisen: Made in Obermesopotamien waren robuste Vorratsamphoren, die mit örtlichen Gefäßen die Schlauchgelasse füllten.
Diese Nahrungsbehälter in kühlen Tiefen bringen dann Sinn in die Sackgassen – besonders wenn man, wie Hayat Erkanal, alle Grabungstage gräßlich warmes Cola nippt. “Diese Korridore halb unter der Erde könnten Kühlkammern gewesen sein, um Essen und Getränke über den langen Sommer zu retten.”
Wein war sicher dabei, denn den hatten schon die Vorgänger in der Steinzeit in Limantepe aus Wildreben gestampft. Mit dem ältesten Tropfen, Jahrgang 3500 v. Chr., konnte man seinerzeit auf eine weitere Entdeckung und damit auf eine neue Ära anstoßen – die des Kupfers.
In diesem vorgeschichtlichen Platz der Geistesblitze schmiedeten danach die Kupferzeit-Nachfahren ihr Glück mit einem Frühgeschichte machenden Metall-Mix. Schon früh gelang ihnen die Legierung, die der ganzen Epoche den Namen gab: Bronze. Mehr als diese erste Alchemie grenzte aber die Rohstoffbeschaffung an Hexerei. Kupferminen gab’s nicht zu knapp im lokalen Küstengebirge, doch für das unentbehrliche Zinn mußte man weit hinter alle anatolische Berge. Expeditionen zogen bis in den fernen Nordosten Kleinasiens ans Kaspische Meer.
Limantepe importierte Luxussteingut, transferierte dafür metallurgisches Know-how und lieferte Ideen. Jenseits der Ägäis kopierten frühe Griechen die Häuser mit dem temperierten Korridor, etwa in Lerna auf dem Peloponnes und auf der Insel Ägina.
Ihre Religion behielten die notorischen Neuerer jedoch für sich, sie war wohl wenig schicklich. All ihre Geschäftspartner ringsum ehrten die Große Mutter, en miniature verewigt in den Idolen. In Limantepe betete man den Mann an, genaugenommen einen Teil von ihm. S’hochheilig Glied, fein aus edlem Stein geschaffen, steht um 2600 v. Chr. für den Glauben. Nicht genug der Göttinnenlästerung, setzte man dem Phallus noch einen Affenkopf auf.
Sei’s nun ein Primate als Gott oder ein Bittopfer für tierische Zeugungskraft – auch Hayat Erkanal preist den omnipotenten Affen: “Ein derartiger Tierkult ist in der Vorzeit und in diesen Breiten ohne Beispiel.”
Um 1800 v. Chr. beten in Limantepe die kleinen Leute zum exotischen Gott. Denn über dem einstigen Nobelviertel haben sich Handwerker eingerichtet. Wo früher Handelsfürsten ein großes Korridorhaus führten, wird nun Stoff gewalkt und an Essen geschwitzt. Da die Nachfolger im ehemaligen Palastareal bescheidene Hütten bauten, blieben – zur Freude der Archäologen – viele Steine auf den alten.
Trotz des inzwischen gestiegenen Meeresspiegels funktioniert der Hafen wie gehabt: Neben den traditionellen Ruderfrachtern legen immer mehr der modernen Lastsegler an – und der Affe ist weiter obenauf. Außer ihm schmükken Importgötter die Hüttenaltäre, wie Potnia, die Madonna der Mykener, die bald so gottlos in Ilion wüten.
In Limantepe machen keine Heroen von sich reden, dafür ist man den Bronzezeitgenossen in Troja aufs neue voraus: Ware wird nicht länger mit der anderen beglichen – bezahlt wird mit harter Währung. Bleiringe sind bare Münzen, die wenigstens für den Siegeszug des Geldes sorgen.
Der allererste Weltenkrieg um Troja setzt der Bronzezeit ein plötzliches Ende. Mit den Hochkulturen verschwinden um 1200 v. Chr. die Hochburgen in der Versenkung: Auf dem Peloponnes Mykene, in Anatolien das hethitische Hattusa, an der Levante diverse Stadtstaaten und in Kleinasien die merkantile Kapitale in der Izmir-Bucht.
Fünf Jahrhunderte nach dem Untergang der Moneymaker in Limantepe ist auch ihr Hafen im Meer versunken. Um 700 v. Chr. werden in dieser Gegend grobes Eisen und feine Verse geschmiedet. Homer war hier zu Hause und sang sicher in Klazomenai, Limantepes “moderner” Überbauung. Um deren klassische Trümmer kümmerten sich 1980 n. Chr. französische Archäologen, bis ein kolossales Gemäuer darunter sie einschüchterte. Hayat Erkanal wurde zu Hilfe gerufen, der in Urla aufgewachsen ist, lang aber am Euphrat zur Arbeit ging.
Voller Elan legte der 57jährige 1993 los – und mit Tempo ansehnliche Teile der Befestigungs- und Wohnanlagen frei. Erkanal ist Pionier in diesem Gebiet. Denn mit Ausnahme von Troja, das dem besessenen Querdenker Schliemann zu verdanken ist, sah man an den türkischen Küsten vor lauter (griechischen) Säulen die Bronzezeit nicht.
“Niemand hatte da Augen für ältere Stätten, weil wohl die hellenistischen Tempel verblendeten”, klagt Hayat Erkanal. Für den Archäologie-Professor der Universität Ankara ist Limantepe ein Glücks-, aber kein Einzelfall. Bei Geländebegehungen hat er bei Izmir zwölf weitere frühgeschichtliche Siedlungen aufgespürt. Weit mehr vermutet er im Meer und im Schwemmland der Flußdeltas (siehe “Angst vor Anatolien”, Seite 64).
Schon wird in Ephesos und Milet seine These untermauert, daß viele ionische Renommierbauten fest auf bronzezeitlichen Grundfesten thronen. Archäologen ohne klassische Scheuklappen haben denn in der Ägäis auch reichlich Burgen zu bieten. Als Limantepes Bastionen aufgetürmt wurden, mauserten sich auch die Mauern auf Ägina und den Kykladeninseln Syros und Kea zu beträchtlichen Festungsanlagen.
Mit der Stadt an der Geldküste entstanden auf Limnos, Lesbos, Chios und Milos stattliche Siedlungen, später gefolgt von der Kolonie der Künstler und Händler auf Santorin. Auf Samos steckt eine bronzezeitliche Feste im Sumpf, die ihre Entdecker, Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), bereits als neues Troja apostrophieren. All diese Funde harren der Ausgrabung – die Bronzezeit drängt vor.
Eine laute Lasterhupe bringt Hayat Erkanal aus der Grube und zurück in die Gegenwart. Sein köchelndes Cola wird in ein eisgekühltes umgetauscht – kostenloser Service einer örtlichen Brauerei. Am Wochenende wird Bier nachgereicht, auf daß man im bescheidenen Ärchäologen-Camp feiern kann. Sonntags kommt ein Arzt aus Izmir, der die Ausgräber unentgeltlich behandelt.
Hätte Hayat Erkanal, der mit Frau, Hund und Katze zur hochsommerlichen Grubenarbeit angereist ist, nicht eine Reihe solcher Wohltäter, säße er längst auf dem trockenen. Im Vergleich zu ihren deutschen Berufsgenossen sind die türkischen Archäologen wirklich arm dran.
Die von ihrem Staat bewilligten Mittel sind so minimal, daß Erkanal seine Wohnung verkaufte, um sich ein paar Grabungs-Arbeiter leisten zu können.
Und wäre die Gemeinde Urla nicht der große Gönner, hätte Erkanal längst einpacken müssen: Sie spendiert die Quartiere und das tägliche Börek, sprich Vollpension aus der besten Garküche. Auch Urlas Stadtoberhaupt sorgt sich um die Ausgrabungsstätte: Weil eine Durchgangsstraße die Schnitte schneidet, will Bülent Baratali sie verlegen. Die Zustimmung hat er dem Gemeinderat ebenso abgerungen wie das Ja für ein weiteres Projekt: Urla soll ein Museum bekommen, allein für die vielen Funde aus Limantepe.
Unterstützung bekommt Hayat Erkanal, der ausgezeichnet Deutsch spricht, von ganz unerwarteter Seite: Der Imam predigt auch hier den Weg zurück, nur meint er explizit den in die Bronzezeit. Nach dem Freitagsgebet strömt ein Zug Gläubiger von der Moschee zur Grabung. Limantepe wird Pilgerstätte – nicht nur für die Wissenschaft.
Waltraud Sperlich





