Wie haben die Menschen in der Jungsteinzeit zusammengelebt, welche Rolle spielte biologische Verwandtschaft für soziale Bande und wie waren ihre Familien aufgebaut? Einblicke in diese Fragen können alte Gräber liefern. Eines der am besten erhaltenen Gräber der Jungsteinzeit befindet sich in der englischen Gemeinde Hazleton in Gloucestershire. Die Grabstätte Hazleton North stammt aus der Zeit von etwa 3700 bis 3600 vor Christus und unterteilt sich in zwei voneinander getrennte, L-förmige Kammern. Eine ist über einen nördlichen Eingang erreichbar, eine über einen südlichen.
Großfamilie in jungsteinzeitlichem Grab
Ein Team um Chris Fowler von der Newcastle University hat nun die DNA aus den Knochen und Zähnen der in Hazleton North begrabenen Personen analysiert und auf dieser Basis den bisher ältesten Stammbaum der Welt rekonstruiert. „Ein außergewöhnlicher Befund ist, dass ursprünglich in jeder der beiden Grabhälften die sterblichen Überreste von zwei Zweigen derselben Familie beigesetzt wurden“, berichtet Fowler. „Dies ist von weitreichender Bedeutung, denn es deutet darauf hin, dass auch die architektonische Gestaltung anderer neolithischer Gräber etwas über die Verwandtschaftsverhältnisse in diesen Gräbern aussagen könnte.“
Von den 35 Personen, deren DNA Fowler und seine Kollegen analysierten, waren 27 eng miteinander verwandt: Sie bildeten fünf Generationen einer Großfamilie. „Das ist der erste direkte Beweis dafür, dass zumindest einige neolithische Gräber anhand der Verwandtschaft organisiert waren“, schreiben die Forscher. Die rekonstruierten Abstammungslinien der Individuen deuten darauf hin, dass in der damaligen Gesellschaft Polygamie üblich gewesen sein könnte. „Wir beobachteten sechs Fälle von mehreren Fortpflanzungspartnern“, berichten die Forscher. Als Stammeltern der Großfamilie identifizierten sie einen Mann und vier Frauen. Diese Frauen hatten alle mit demselben Mann Nachkommen, teils aber zusätzlich weitere Nachkommen mit einem anderen Vater. Da auch diese „Stiefsöhne“ in dem Grab bestattet waren, folgern die Forscher, dass soziale Vaterschaft in der neolithischen Gemeinschaft ähnlich wichtig gewesen sein könnte wie biologische Vaterschaft.

Väterliche und mütterliche Abstammung von Bedeutung
Auffällig war, dass 26 der 35 untersuchten Individuen männlich waren. Abgesehen von zwei im Kindesalter verstorbenen Mädchen wurden fast ausschließlich Frauen in dem Grab beigesetzt, die sich mit männlichen Mitgliedern der Familie fortgepflanzt hatten. Erwachsene Töchter befanden sich nicht in dem Grab. „Das deutet auf eine virilokale Bestattung hin, das heißt auf eine Bestattung in der Linie des männlichen Partners und nicht in der Linie des Vaters“, erklären die Forscher. Frühere Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass in Grabkammern vor allem Männer bestattet wurden, während Frauen womöglich eher verbrannt und ihre Überreste außerhalb der bis heute erhaltenen Gräber verstreut wurden.





