Das Amphitheater ist eine römische Erfindung, die von Rom aus ihren Siegeszug in fast alle Provinzen des Reiches antrat. Nur im Osten existierten wenige dieser imposanten Rundbauten, da dort die griechische Kultur vorherrschte. Allerdings: In Bulgariens Hauptstadt Sofia, dem römischen Serdica, gab es ein Amphitheater. Einen ersten Hinweis darauf fanden Bauarbeiter schon 1919 im Zentrum der Stadt – eine Steintafel, deren Relief Kämpfe zwischen Menschen, Bären, Krokodilen und Löwen zeigt.
Über acht Jahrzehnte später, im Jahr 2004, kam der Beweis ans Tageslicht: Nur rund 100 Meter vom Fundort der Reliefplatte entfernt stießen Archäologen des Nationalen Instituts für Kulturdenkmäler unter der Leitung von Sharin Velitschkov nach dem Ausheben einer Baugrube für ein Hotel auf die Überreste des Ostteils der Arena. Dort hatte einst der untere Rang des Zuschauerraums mit Plätzen für Senatoren, Priester und Honoratioren der Stadt gestanden. Der Fund war so sensationell, dass man den Bauplan für das Hotel kurzerhand änderte und die alte mit der neuen Architektur verband: Im Hotelsaal „Arena di Serdika” ist heute die restaurierte Osttribüne zu sehen.
2006 legte Velitschkov dann auch den Westteil des Amphitheaters frei. Zusammen mit dem Teil unter dem Hotel ließen sich nun Lage und Ausmaße der Anlage genau bestimmen: Allein die ovale Arena misst 60,5 mal 43 Meter. Vom Zuschauerraum sind noch 5 Meter hohe Mauern erhalten. Stellenweise sind die Bögen über den Eingängen und Ansätze der Gewölbe der umlaufenden Korridore zu sehen. Die einstige Höhe der Zuschauertribünen, auf denen bis zu 20 000 Besucher Platz fanden, lag bei 20 Metern, vermutet der Ausgräber. Diese archäologische Entdeckung ist beispiellos für den Balkan. Doch die größte Überraschung folgte erst noch. Von anderen Arenen war bekannt, dass sich unter ihnen ein kompliziertes System von Räumen und Gängen befand. Gladiatoren und Tiere warteten dort auf ihren blutigen Auftritt. Auch Vorratsräume, Leichenkammern und Bühnenaufbauten waren hier untergebracht. Doch Derartiges wurde in Sofia nicht gefunden. Stattdessen stießen die Archäologen auf ein noch älteres Gemäuer: die Fundamente eines römischen Theaters mit enormen Ausmaßen.
„Es gibt keinen anderen Ort in Europa, an dem man ein Amphitheater über einem Theater gefunden hat”, sagt Velitschkov begeistert. Das Theater wurde um die Wende vom zweiten zum dritten Jahrhundert gebaut, wie Münzfunde beweisen. Zerstört wurde es wohl bei der Invasion der Goten 268. Den Bau des Amphitheaters ordnete womöglich Kaiser Diokletian an, als er im Juni 293 in Serdica weilte. Für dieses Datum sprechen Münzen und Keramikfunde. Als die Hunnen Serdica zwischen 441 und 447 nach Christus in Schutt und Asche legten, fiel auch dieses Gebäude in Trümmer.
Die Reste der kolossalen Anlage bringen auch kolossale Probleme mit sich: Der private Hauptsponsor hat sein Engagement inzwischen eingestellt. Und manche Teile des Amphitheaters können nicht weiter ausgegraben werden, weil sie auf Grundstücken der britischen Botschaft und des deutschen Goethe-Instituts stehen. Die Archäologen befürchten: Wenn nicht bald gehandelt wird, vernichten Grundwasser, Regen und Frost das römische Erbe. ■
Ronald Sprafke





