Die Gefahr schien fern zu sein. „In diesem Jahr”, schrieb der Florentiner Chronist Matteo Villani 1346, „begann sich im Osten, in China und Nordindien und weiteren Gebieten, die an die dortigen Küstenregionen grenzen, unter den Menschen jeden Alters und Geschlechts eine Pestseuche auszubreiten. Man fing an, Blut zu spucken, und der eine starb sofort, der andere nach zwei oder drei Tagen… Die Pest kam in Schüben und erfasste ein Volk nach dem anderen und innerhalb eines Jahres ein Drittel des Erdteils, der Asien heißt.” Was Villani nicht ahnte: Es sollte nur ein Jahr dauern, bis die verhängnisvolle Krankheit Europa erreichte und dort ihren tödlichen Feldzug weiterführte (siehe Karte S. 25).
Auch aktuell baut sich ein Schreckensszenario auf: Diesmal wütet nicht die Pest in Asien, sondern Ebola in Afrika, wo die Seuche immer weitere Kreise zieht. Und es gibt erste Opfer in den USA und Europa. Könnte sich die Geschichte wiederholen? Droht uns, wie im Mittelalter, eine Pandemie, der niemand Herr wird? Stehen wir vor einer Krise, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttert?
Die aktuelle Situation in Westafrika lässt sich durchaus mit jener im mittelalterlichen Europa vergleichen. Damals wie heute traf die Seuche die Menschen völlig unvorbereitet. In den derzeitigen Krisenherden Guinea, Sierra Leone und Liberia hatte niemand mit einem Ausbruch gerechnet – schließlich ist Ebola traditionell in Zentralafrika beheimatet – und schon gar nicht mit einer solchen Eskalation.
Auch die Pest hatte sich unbemerkt den Weg nach Westen gebahnt. Schätzungsweise jeden dritten Europäer raffte sie dahin – von 1347 bis 1352 waren es rund 25 Millionen Menschen. In Westafrika schnellen die Opferzahlen ebenfalls in die Höhe. Im Juli war von 350 Toten die Rede, Ende Oktober schon von 5000. Bis Jahresende könnte die Zahl der Infizierten auf 20 000 (Angaben der WHO), wenn nicht sogar auf 200 000 (Hochrechnungen der Columbia-Universität) angewachsen sein. Entsprechende Schätzungen anzustellen ist ebenso schwierig, wie die Frage zu beantworten, ob und wann es gelingen wird, das Virus aufzuhalten.
Für das menschliche Immunsystem ist die Erkrankung ein Super-GAU. Es reagiert „völlig unkoordiniert”, erklärt Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg. Erbrechen, Durchfall und Fieber sind die Folge. Es kommt zu inneren Blutungen. Die Organe versagen, bis zu neun von zehn Patienten sterben.
Fünf Wochen bis zum Tod
Fieber, Krämpfe, Erbrechen und innere Blutungen – auch diese Symptome wurden im Mittelalter beschrieben. Die Krankheitsverläufe von damals und heute muten derart ähnlich an, dass der Zoologe Christopher Duncan und die Demografin Susan Scott von der Universität Liverpool bereits 2001 die Vermutung äußerten, es könne sich bei der Seuche, die im Mittelalter als „ Pest” bezeichnet wurde, um ein Ebola ähnliches Fieber gehandelt haben. Aus den Aufzeichnungen englischer Sterberegister des 14. Jahrhunderts lasen die Wissenschaftler heraus, dass zwischen der Ansteckung und dem Tod eines Menschen in der Regel 37 bis 38 Tage lagen – das ist drei Wochen länger als bei der heute bekannten Beulenpest. Die Inkubationszeit von Ebola kann bis zu drei Wochen betragen. Treten die ersten Symptome auf, wird die Krankheit ansteckend – und führt meist nach 7 bis 10 Tagen zum Tod.
Der sicherste Weg, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern, ist die Quarantäne von Erkrankten und ihren Kontaktpersonen. Nur über seinen Wirt gelangt das Virus um die Welt. „Die Menschen in Westafrika sind extrem mobil, das ist in diesem Fall ein großes Problem”, sagt Robert Kappel, Afrika-Experte am Berliner GIGA-Institut (German Institute of Global and Area Studies). „Viele Menschen fahren in Kleinbussen von einer Stadt in die andere, auf die Märkte und um Verwandte zu besuchen.” Die Regierungen versuchen gegenzusteuern: Sie verhängen Ausgangssperren und machen die Grenzen dicht. Ähnliche Vorsichtsmaßnahmen gab es im Mittelalter: Städte verschlossen bei Ausbruch der Seuche ihre Tore und ließen keine Reisenden ein, schon gar nicht, wenn sie aus den betroffenen Gebieten kamen. Einigen Zentren wie Mailand, Nürnberg und Würzburg gelang es auf diese Weise tatsächlich, die erste Pestwelle unbeschadet zu überstehen. Gelangte der Tod trotzdem in die Stadt, wurden die Infizierten nach Möglichkeit abgesondert – 40 Tage galten als optimal.
Menschen von anderen Menschen fernzuhalten ist dann sinnvoll, wenn eine Krankheit von Mensch zu Mensch übertragen wird. Beim Ebola-Virus ist das der Fall (siehe Kasten S. 27), bei der Pest nicht unbedingt. Denn zu einer direkten Übertragung – etwa durch Husten – kann es nur kommen, wenn die Pestbakterien in die Lunge gelangt sind und sich die sogenannte Lungenpest entwickelt hat. Gewöhnlich werden die Bakterien von Rattenflöhen übertragen.
1894 identifizierten die beiden Ärzte Alexandre Yersin und Shibasaburo Kitasato unabhängig voneinander ein stabförmiges Bakterium als Erreger der Beulenpest, die damals in China grassierte. Yersin nannte es „Pasteurella pestis” – und glaubte, in ihm auch den Auslöser des Schwarzen Todes im Mittelalter gefunden zu haben. Heute wird es ihm zu Ehren Yersinia pestis genannt.
Das Pestbakterium springt von infizierten Ratten über Flöhe auf den Menschen über. Es verlässt seinen Wirt allerdings erst dann, wenn er gestorben ist. Das heißt: Zu Zeiten der Pest müsste es regelmäßig zu massenhaftem Rattensterben gekommen sein. Berichtet wird darüber nicht. „Meines Wissens verzeichnet kein einziger westeuropäischer Chronist das Auftreten einer Epizootie, das heißt eines Massensterbens unter Ratten”, schreibt der amerikanische Historiker David Herlihy in „Der Schwarze Tod und die Verwandlung Europas”. Wie kann das sein? Ist den Geschichtsschreibern das Rattensterben entgangen – oder hat es überhaupt nicht stattgefunden? Solche Ungereimtheiten geben den Verfechtern der Ebola-Theorie Auftrieb.
Andere Forscher sehen nach wie vor das Pestbakterium als Corpus delicti: Vor drei Jahren wies der Biochemiker Johannes Krause, der mittlerweile das Max-Planck-Institut für Geschichte und Naturwissenschaften in Jena leitet, in Skelettfunden eines Londoner Pestfriedhofs die DNA mittelalterliche Pestbakterien nach.
Die Ferndiagnose bleibt schwierig. Vielleicht wüteten auch mehrere Krankheiten gleichzeitig. Die Menschen im Mittelalter kannten weder Bakterien noch Viren und wussten nicht, wie sich die Seuche übertrug. Eines aber erkannten sie schnell: Die Gefahr kam übers Wasser und nahm Kurs auf die wichtigsten Häfen der damaligen Zeit – Genua, Venedig, Marseille. Heute streichen Fluggesellschaften wie Air France und British Airways Verbindungen nach Westafrika. Die Häfen der Hauptstädte Conakry, Monrovia und Freetown werden immer seltener angefahren. Früher versuchten panische Küstenbewohner, Handelsschiffe aus dem Osten in Brand zu stecken, bevor sie anlegen konnten. Die Menschen wollten verhindern, dass die Seuche an Land ging.
Große Kälte und heftiger Regen
Es ist kein Zufall, dass die Pest ausgerechnet im Europa des 14. Jahrhunderts dermaßen wütete, und es gibt Gründe, warum Ebola gerade jetzt in Westafrika grassiert. Der gemeinsame Nenner ist die geschwächte physische Widerstandskraft der Bevölkerung, meint der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Rolf Walter von der Universität Jena.
In den Jahrzehnten vor der Pest war es in Europa nach kalten Sommern, schweren Wintern und heftigen Regenfällen zu Missernten gekommen. Während des „Großen Hungers” von 1315 bis 1317 mussten sich viele Menschen von verseuchten Tieren, Kräutern und „ widerlichen Pflanzen” ernähren, wie der Florentiner Arzt und Politiker Giovanni Morelli notierte. Millionen starben.
Auch die westafrikanischen Länder Guinea, Sierra Leone und Liberia blicken auf auszehrende Jahrzehnte zurück. Bürgerkriege, Massaker, Korruption, Misswirtschaft und Drogenkartelle ziehen sich bis in die Gegenwart. 2013 wurden Liberia und Guinea von der Weltbank zu den zehn ärmsten Ländern der Erde gezählt. In Guinea hat jeder Einwohner im Schnitt umgerechnet rund 380 Euro zum Leben – pro Jahr. In Liberia sind es 295 Euro.
„Liberia hat mehr als 4 Millionen Einwohner und nur 44 Ärzte. Während des Bürgerkrieges sind viele von ihnen in die USA ausgewandert”, sagt Afrika-Experte Kappel. Es fehle an Strom und fließend Wasser, an geteerten Straßen und medizinischen Einrichtungen. „In der Hauptstadt Monrovia mit einer Million Einwohnern gibt es sechs öffentliche Krankentransportwagen.”
Viel können die Menschen dem Virus nicht entgegensetzen. Zwar ist die internationale Hilfe angelaufen, trotzdem sind die örtlichen Behandlungszentren heillos überfüllt. Zu lange wurde die Krise unterschätzt – von der Weltgemeinschaft genau wie von den Betroffenen. Warnungen, sich von Infizierten fernzuhalten, wurden ebenso in den Wind geschlagen wie die Aufforderung, die traditionellen Totenwaschungen zu unterlassen. Nach wie vor weigern sich viele Menschen, Hilfe von außen anzunehmen. „Mich wundert es nicht, dass der Glaube und das Vertrauen in die Politik fehlen”, meint René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes in Frankfurt am Main. „Im Bürgerkrieg wurden etlichen Menschen von den eigenen Landsleuten die Arme abgehackt.”
Auch die mittelalterliche Gesellschaft stand der Obrigkeit skeptisch gegenüber. Selbst drakonische Strafen hielten manche Familien nicht davon ab, ihre kranken Angehörigen zu verstecken, um sie nicht in die schrecklichen Pestspitäler bringen zu müssen. Die Pestärzte des Spätmittelalters, die sich Schnabelmasken aufsetzten, in der Hoffnung, die in Essig getränkten Schwämme darin würden die Atemluft filtern, müssen ähnlich verstörend gewirkt haben wie die dick vermummten Ärzte der Gegenwart. Zwar sind die Kommunikationsmöglichkeiten heute ungleich größer als damals, die Macht der Gerüchte aber ist ungebrochen. Etliche Afrikaner sind überzeugt davon, dass die Weißen die Ebola eingeschleppt haben, um die Schwarzen zu töten. Mitte September wurden im Südosten Guineas acht Teilnehmer eines Aufklärungsteams ermordet und ihre Leichen in den Abwassertank einer Grundschule geworfen. Auch im Mittelalter suchte man nach Sündenböcken – und fand sie schnell: Die Pest sei das Ergebnis eines Komplotts der Juden gegen die Christenheit, hieß es.
Vor 700 Jahren zerstörte die Seuche die starren Strukturen, die den Menschen Halt gegeben hatten. Die Obrigkeit, die Medizin, ja selbst die katholische Kirche waren machtlos. Zuhauf mussten Kranke ohne Sterbesakramente aus dem Leben scheiden – eine damals ungeheuerliche Vorstellung. Die Leichen wurden auf bloßen Brettern davongetragen, wie es Giovanni Boccaccio in seinem „ Decamerone” beschreibt. Massengräber waren die letzte Ruhestätte.
Das gesellschaftliche System des Mittelalters wurde von außen torpediert und bröckelte von innen. Da den Zünften die Mitglieder wegstarben, mussten sie ihre strenge Aufnahmepolitik ändern. Die Ständeordnung weichte auf. Wer die Pest überlebt hatte – und fortan immun gegen sie war – , fand sich nicht selten als reicher Erbe wieder. „Die gewöhnlichen Leute mochten aufgrund der Fülle und des Überflusses, die sie vorfanden, nicht länger in den gewohnten Gewerben arbeiten”, notierte der Florentiner Chronist Villani, „sie begehrten die teuersten und leckersten Speisen … , während Kinder und gewöhnliche Frauen in all den schönen und kostspieligen Gewändern der Vornehmen einhergingen, die gestorben waren.” Wirtschaftshistoriker Walter spricht in seinem Buch „ Geschichte der Weltwirtschaft” von den „größten Vermögensverschiebungen oder -umschichtungen in der europäischen Geschichte … In der Regel nahm die Obrigkeit die Vermögen verstorbener Christen und Juden an sich; viele Erbschaften und Schenkungen fielen an die Kirche, besonders an die Orden.”
So luxuriös sich das Leben für manche Menschen nach der Pest gestaltete, so entbehrungsreich war es während der Seuche. Es fehlte an allem: an Arbeitskräften, an Brot, an sauberem Wasser. Der Preis für Trauerkerzen und Getreide schoss in die Höhe. „ Verteuerung infolge von Verknappung ist ein ehernes Gesetz der Wirtschaftsgeschichte”, erklärt Walter. Wenn es weniger Menschen gibt, können weniger Waren hergestellt werden. Wenn die Nachfrage nach diesen Waren steigt, steigt auch ihr Preis. Momentan haben sterile Handschuhe Hochkonjunktur, im Mittelalter war es Hühnerfleisch, das als Prophylaktikum galt.
Große Hungersnot befürchtet
In Westafrika wiederholt sich im Kleinen, was in Europa im Großen geschah. Vor allem die Einbrüche in der Landwirtschaft machen den Menschen zu schaffen. „Im Herbst ist Pflanzzeit für Produkte wie Reis und Cassava”, sagt Afrika-Experte Kappel, „doch die Aussaat findet nicht statt. Die Menschen gehen nicht mehr auf ihre Felder – sie haben Angst.” Dabei ernährt sich der Großteil der Menschen durch Eigenanbau. Obst, Gemüse und Fleisch werden normalerweise auf den Märkten verkauft, doch auch die sind geschlossen. „Noch haben die Menschen ein paar Reserven, aber was ist im kommenden Frühjahr?”, fragt Kappel. Auch die Welthungerhilfe warnt: In wenigen Monaten, ab März nächsten Jahres, wird es zu großen Hungersnöten in den betroffenen Gebieten kommen.
Dass Hungersnöte mit sozialen Unruhen einhergehen, davon berichten auch mittelalterliche Quellen. „Städte, Mauern, Felder, Haine, Wege und Gewässer werden … von Räubern umlauert … In der Nähe von Genua kam zum Beispiel ein Heer zum Lagern. Da stahlen sich vier Kriegsknechte davon, um Ortschaften und Menschen auszurauben”, zitiert der Historiker Klaus Bergdolt in seinem Buch „Der Schwarze Tod in Europa” einen Zeitgenossen.
Westafrikas Wirtschaft befindet sich auf Talfahrt. Die großen Industrien – wie der Diamantenabbau in Sierra Leone oder die Eisenerzminen in Liberia – verbuchen enorme Einbußen, nicht zuletzt, weil ausländische Investoren mitsamt ihren Mitarbeitern das Land verlassen. „Allein aus einer Mine in Liberia wurden 600 Ingenieure abgezogen”, sagt Kappel. „Auch die großen Gummi- und Holzplantagen mit teilweise Tausenden Beschäftigten sind betroffen.”
Die Folge: Nicht nur Arbeitsplätze für die Bevölkerung, sondern auch Steuereinnahmen für den Staat gehen verloren. „Die wirtschaftlichen Konsequenzen der Krise sind katastrophal”, sagt Kappel. Liberias Wirtschaftswachstum könnte im kommenden Jahr um 11,7 Prozent zurückgehen, warnte die Weltbank. In Sierra Leone sei mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 8,9 Prozent zu rechnen, in Guinea um 2,3 Prozent. Greift Ebola weiter um sich, könnten auch internationale Schwergewichte wie Nigeria mit seinen Öl- und Gasvorkommen betroffen sein. „Das dürfte auch der Weltmarkt spüren”, meint Kappel.
Eine globale Dimension wird die Ebola-Epidemie annehmen, wenn sie in Indien Fuß fassen kann. Viele Inder sind in Westafrika im Handel beschäftigt. Schon jetzt stehen Tausende, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind, dort unter Quarantäne. „Den Vorteil, den das Ebola-Virus heute gegenüber den Erregern im Mittelalter für sich verbucht, ist die hohe Bevölkerungsdichte”, sagt Wirtschaftshistoriker Walter. „Afrika ist ein Menschenherd, und auch in Indien könnte sich das Virus in den Slums ausbreiten wie ein Feuer bei Wind.” Fieberhaft wird jetzt nachgeholt, was in den letzten Jahrzehnten nicht lukrativ erschien: die Erforschung von Medikamenten und Impfstoffen.
Solche „Zufallskonjunkturen”, wie sie Rolf Walter nennt, gehören ebenfalls zu den wiederkehrenden Folgen von Krisen. Während der Pest im Mittelalter begannen die Mediziner, über verbindliche Verhaltensnormen nachzudenken und systematisch nach den Ursachen der Seuche zu suchen. Wenigstens in diesem Punkt ist die Wissenschaft heute weiter. Das Ebola-Virus ist als Ursache bekannt. Doch es verändert sich schneller, als Gegenmittel bereitstehen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, der sich nur gewinnen lässt, wenn sich die Welt endlich als Gemeinschaft begreift. •
BETTINA GARTNER ist promovierte Historikerin. Die ehemalige bdw-Redakteurin lebt im einst pestgeprüften Südtirol. Die Berichte aus Afrika haben sie tief berührt.
von Bettina Gartner
Kompakt
· Fieber, Krämpfe, Erbrechen und innere Blutungen – Pest und Ebola erzeugen ähnliche Symptome.
· Beide Seuchen können um sich greifen, wenn ein Volk durch Hungersnöte oder Kriege geschwächt ist.
· Wenn Ebola außer Kontrolle gerät, hat das weitreichende globale Folgen – auch in Europa.
LESEN
Rolf Walter Geschichte der Weltwirtschaft. Eine Einführung Böhlau, 2006, € 16,90
David Herlihy Der Schwarze Tod und die Verwandlung Europas Wagenbach, 2000, € 10,90
Klaus Bergdolt Der schwarze Tod in Europa Die große Pest und das Ende des Mittelalters C.H. Beck, 2011, € 14,95
Bernd Neumann Ebola und andere Killerkeime Riva, 2014, €14,99
INTERNET
Informationen des Robert Koch-Instituts rund um Ebola und die aktuelle Epidemie: www.rki.de/DE/Content/InfAZ/E/Ebola/Ebola-Virus.html
Informationen zum Arbeitskreis STAKOB des Robert Koch-Instituts: www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/Stakob/ Stakob_node.html
Wie ansteckend ist Ebola?
Bei der Erforschung der Ebola, die sich derzeit in Westafrika ausbreitet, beobachten die Wissenschaftler eine Mutation des Virus. „Sie ist nicht stärker als erwartet, weil Viren generell schnell mutieren”, sagt Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Marburg. „Das Problem ist, dass niemand weiß, welche Auswirkungen die Veränderung in den Gen-Sequenzen mit sich bringt: Erhöht oder verringert sie die Mortalität? Macht sie das Virus mehr oder weniger pathogen?”
Zurzeit ist Ebola erst dann ansteckend – und überhaupt nachweisbar –, wenn die ersten Symptome auftreten. Dies geschieht zwischen 2 und 21 Tagen nach der Infektion. Das Virus überträgt sich von Mensch zu Mensch durch den Kontakt von Schleimhäuten oder kleinen Wunden mit den Körperflüssigkeiten (Schweiß, Speichel, Blut, Sperma) und Ausscheidungen (Erbrochenes, Urin, Kot) von Kranken. Über die Luft wird das Virus nicht übertragen. Eine entsprechende Mutation halten Experten für unwahrscheinlich. Doch Becker schränkt ein: „Wenn ein Ebola-Patient jemandem direkt ins Gesicht niest, kann der sich über Augen, Mund und Nase sehr wohl anstecken.”
Keine erhöhte Nervosität
bdw: Herr Professor Gottschalk, welche Frage beschäftigt Sie und Ihre Kollegen in den deutschen Behandlungszentren derzeit besonders?
Gottschalk: Das entscheidende Problem spielt sich nicht hier in Deutschland ab, sondern in Westafrika. Die Hilfe vor Ort ist nach wie vor nicht ausreichend, und die Westafrikaner werden es aus eigener Kraft nicht schaffen, die Seuche in den Griff zu bekommen. Mit konventionellen Methoden wird das nicht möglich sein, fürchte ich, da hilft nur noch ein Impfstoff.
In Deutschland wurden bislang (Stand: 27.10.2014) drei Ebola-Patienten aufgenommen: einer in Hamburg, einer in Frankfurt, einer in Leipzig. Wie behandelt man sie?
Intensivmedizinisch. Die Krankheit verläuft sehr dramatisch. Das Virus greift jede Körperzelle an, jedes Organ kann ausfallen. Im Grunde können wir nur versuchen, den Ausfall der Organe mit modernen medizinischen Möglichkeiten aufzufangen.
Die bisherigen Ebola-Patienten wurden unter kontrollierten Bedingungen nach Deutschland gebracht …
…und dahinter steckt ein riesiges Räderwerk: Sie müssen ein Flugzeug für den Transport haben und viele Genehmigungen. Bundesregierung, Ländervertreter, Auswärtiges Amt, Polizei, Berufsfeuerwehr, Behandlungszentren, das Robert Koch-Institut – alle sitzen an einem Tisch.
Was passiert, wenn ein Mensch, der sich unwissentlich infiziert hat, in Deutschland einreist, so wie es vor Kurzem in den USA passiert ist?
Sobald die ersten Symptome auftreten, würde der Patient schnell vorstellig werden. Die Leute hierzulande haben Angst und sind vorsichtig. Die Krankenhäuser müssen eigenständig evaluieren, ob sie ausreichend vorbereitet sind. Von 2010 bis 2013 hat das Bundesministerium für Forschung und Technologie ein Programm mit 1,2 Millionen Euro gefördert, das eine Selbstevaluation der Kliniken zur Aufnahmebereitschaft von hochinfektiösen Patienten ermöglicht. Damals wussten wir noch nicht, dass Ebola auf uns zukommt.
In Spanien und in den USA haben sich Pflegekräfte mit Ebola infiziert. Sind die deutschen Spezialisten besorgt?
Ich kann in unseren Einheiten keine erhöhte Nervosität feststellen. Gesunder Menschenverstand und Schutzmaßnahmen helfen eigentlich gegen das Virus. Beides ist bei uns optimal.
Ebola zieht immer größere Kreise
Die Zahl der Ebola-Patienten in Westafrika ist seit März 2014 geradezu explodiert. Zum Redaktionsschluss Mitte Oktober waren in Guinea, Sierra Leone und Liberia mindestens 10 000 Menschen an dem Erreger erkrankt und mindestens 5000 daran gestorben. Die Zahlen hatten sich etwa alle drei bis vier Wochen verdoppelt. Die WHO geht von einer noch deutlich höheren Dunkelziffer aus. Die Epidemie begann im Südosten Guineas, dann wurden Erkrankungen in den Nachbarländern Sierra Leone und Liberia gemeldet. Reisende trugen das Virus weiter nach Senegal und Nigeria. Immerhin: In diesen beiden Ländern, die schon bei den ersten Erkrankungen vorbildlich reagiert hatten, gilt die Seuche inzwischen als besiegt. In den USA, Norwegen, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Deutschland wurden und werden Patienten ebenfalls behandelt. Die große Sorge der Forscher ist, dass das Virus in ein Land mit einem schlechten Gesundheitssystem gelangt – wie Indien – und sich dort dann eine zweite Front bildet.
Der Feldzug der Pest
Der Herd der Seuche, die im 14. Jahrhundert Europa verwüstete, befand sich in Zentralasien. Händler, die Murmeltierpelze voller Pestflöhe mit sich führten, verschleppten die Krankheit über die Seidenstraße. Nachdem mongolische Soldaten die genuesische Handelsniederlassung Kaffa auf der Krim mit Pesttoten beschossen hatten, gelangte die Seuche im November 1347 auf einem Handelsschiff nach Messina. Der Weg über das Wasser machte aus der Pest eine Pandemie, die Europa in die Zange nahm. Ihre Ausbreitung folgte einem charakteristischen Muster, das der amerikanische Historiker David Herlihy beschreibt: Anfangs griff die Seuche von einem Hafen auf den nächsten über. Im Winter hielt sie meist inne, breitete sich im darauffolgenden Frühjahr im Hinterland der betroffenen Häfen dann weiter aus und erreichte gleichzeitig auf dem Seeweg den nächsten Hafen. Auf diese Weise zog der Schwarze Tod immer größere Kreise. Von Messina wurde er Anfang 1348 in Pisa, Genua, Venedig, Marseille und Barcelona eingeschleppt. Über die Küsten gelangte er ins Landesinnere und über die Alpen. Deutschen Boden erreichte die Pest erstmals im Jahr 1349 von Nordwesten her in Köln.





