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Echos der Erdgeschichte
Der Teutoburger Wald ist nicht nur für römische Soldaten eine bleibende Erinnerung gewesen. Das Mittelgebirge ist ein aufgeschlagenes Buch der Erdgeschichte. Man muss die Seiten nur zu lesen wissen. Es lohnt sich
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Text: Oliver Abraham
Wie ein Riegel liegen die deutschen Mittelgebirge vor der Tiefebene, die bis zur Nordsee reicht. Eine natürliche Mauer, vor Jahrmillionen angespült, hingeweht, gefaltet und wieder abgetragen. Zumindest zum Teil. Und das führt dazu, dass man in wenigen Schritten viele Jahrmillionen durchmessen kann. Erdgeschichte ist greifbar; in den Steinen, Pflanzen, selbst im Wasser klingt ein Echo aus der Zeit nach, als es noch nicht mal Dinosaurier gab.
„Im Natur- und Geopark Terra.vita, also auch im Teutoburger Wald, sind nahezu durchgängig 300 Millionen Jahre Erdgeschichte zu sehen“, sagt der Geologe Tobias Fischer vom Natur- und Geopark Terra.vita, der heute diese Zeitreise mit uns unternimmt.
Wandert man hier durch den Wald, öffnen sich immer wieder Zeitfenster in vergangene Hunderte Millionen Jahre. Ganze Lebensräume sind in ihrer Vielfalt – versteinert natürlich – erhalten; manche sehr bedeutend, andere sogar einzigartig. Aufgrund der Gesamtheit und Vielzahl dieser seltenen, fossil erhaltenen Lebenswelten und tektonischer Spezialfälle, wie zum Beispiel der Berg Hüggel, erhielt der Natur- und Geopark im Jahr 2015 den Titel eines „Unesco Global Geoparks“. „Das ist die höchste Auszeichnung, die eine Großraumlandschaft solcher Art erhalten kann“, so Fischer.
Eine Welt aus Kalk und Sandstein
Der Teutoburger Wald besteht fast ausschließlich aus Kalk- und Sandstein. Die geologische Geschichte ist damit älter als die Zeit ab der Auffaltung. „Bis zur Gebirgsbildung war die Region, in der der Teutoburger Wald heute liegt, von einem Meer bedeckt“, erklärt Tobias Fischer. „In einem Zeitraum zwischen rund 140 Millionen und 80 Millionen Jahren vor heute lagerten sich daher mächtige Sedimentschichten ab, die erdoberflächennah im Teutoburger Wald zu finden sind. Örtlich treten auch Erdschichten der älteren Erdzeitalter zutage.“ Flüsse spülten Sand in dieses Meer, daraus entstand der Sandstein, aus den kalkhaltigen Schalen von Meereslebewesen wurde Kalkstein.
Dann stießen vor knapp 95 Millionen Jahren zwei Kontinentalplatten zusammen. Im Grunde geschah diese Kollision für unser Verständnis natürlich unglaublich langsam. Doch wichtig war sie. Die gesamte Europäische Platte geriet durcheinander, schob sich in Falten zusammen und zerbrach in kleine Schollen. Die Pyrenäen hoben sich empor. Und der Teutoburger Wald.
Tobias Fischer schiebt mit den Fingern seinen Hemdsärmel hoch, um diesen Vorgang zu verdeutlichen. „An meinen Fingern am Bund ist die Falte am höchsten.“ Doch der Stoff knautscht sich hoch bis zur Schulter. „Dort werden sie kleiner, der Teutoburger Wald ist die letzte Falte.“ Wo wir jetzt stehen, schob sich damals die nördliche Scholle über die südliche, Gesteinsschichten richteten sich auf, senkrecht sogar, manche kippten über.
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Heute hat der Teutoburger Wald in der Regel drei parallel verlaufende Kämme, wobei der nördliche Hauptkamm mit den hohen Bergen aus hartem Sandstein besteht und deswegen der höchste ist. Im Kalkstein der Südkämme sind hingegen die meisten Fossilien vorhanden.
Betrachtet man die Kämme des Teutoburger Waldes, so sind sie eine stete Abfolge von Berg und Tal, ein wenig sieht es aus wie ein Sägeblatt. Den letzten Schliff hat die Landschaft erst in der Eiszeit bekommen. Die Gletscher formten damals die Durchbrüche und räumten auch die Längstäler aus.
Ein prägendes Detail des Teutos, wie die Einheimischen ihn nennen, ist der Hüggel. Er liegt unmittelbar nördlich der Höhenzüge des Teutoburger Waldes zwischen Hasbergen und Hagen und nicht direkt in dessen Bergkette. Dennoch ist dieser kleine Berg einen Abstecher wert. Er ist ein geologisches Bilderbuch: „Dieses Gebiet hat in seiner Hunderte Millionen Jahre alten Geschichte eine unglaubliche Veränderung mitgemacht – auf seiner tektonischen Reise Richtung Norden lag es zuerst in tropischen Sümpfen, später in einer heißen Sandwüste und zwischendurch war es immer wieder vom Meer überflutet“, erzählt Fischer.
Vor rund 95 Millionen Jahren schoben die Kräfte aus dem Erdinneren alles durcheinander. Entlang eines im Bereich des heutigen Teutoburger Waldes verlaufenden Bruches wurden Platten nicht nur übereinander geschoben, entlang der Kollisionszone wurden auch unmittelbar angrenzende Gesteinsblöcke an die Oberfläche gepresst. Der Hüggel ist ein solcher, in der Fachsprache ein sogenannter Horst. „Durch den enormen Druck zerbrachen die Gesteinsschichten und er wurde sehr stark erhitzt. In die entstandenen Klüfte drang heißes, mit Mineralien gesättigtes Wasser ein“, sagt Tobias Fischer, „bei der Abkühlung kristallisierten Mineralien und Metallerze aus.“
Das blieb den Menschen nicht verborgen. Seit dem Mittelalter betrieben die Leute hier Bergbau. Aber der Hüggel ist noch sehr viel mehr, ist bedeutender. Denn hier finden sich versteinerte Lebenswelten mit Spuren ihrer Bewohner, aber keine Fossilien selbst. Im Stollen unter dem Hüggel geht es gar auf eine Wattwanderung – in ein Watt, das 245 Millionen Jahre alt ist.
Ein See verschwindet geheimnisvoll
Im Jahr 2014 wurde ein alter Bergwerkstollen am ehemaligen Silbersee für Besucher geöffnet. Jahrzehntelang befand sich in diesem Steinbruch im Hüggel ein bei Ausflüglern überaus beliebter Badesee, der türkis schimmernde Silbersee. Doch dieser See verschwand Ende der 2000er Jahre aus noch immer nicht völlig geklärten Gründen. Allenfalls episodisch steht noch Wasser am Grund des Steinbruches.
In den Trockenzeiten geleiten Guides des Natur- und Geoparks Terra.vita Besucher in den Stollen. Einer von ihnen ist Claus-Peter Gödecke. Er führt durch einen Wald aus mächtigen Buchen und wilden Kirschen hinab in den Steinbruch und stoppt am alten „Strand“ des einstigen Badesees. Zig Meter über Grund steht man auf schräg gestellten Kalkplatten. Wenige Meter weiter stehen zwei Figuren von Urahnen der Dinosaurier auf einer Platte, einen guten Meter groß. So sahen diejenigen Exemplare möglicherweise aus, die hier einst, vor rund 245 Millionen Jahren, eine Wattwanderung unternahmen.
„Bei Ebbe sind die Saurier wohl ins Watt gegangen und haben nach Eiern von Pfeilschwanzkrebsen gesucht“, sagt Katharina Opladen, die zweite Führerin an diesem Tag, und zeigt Bilder von solchen Krebsen. Ihr Kollege Gödecke schließt die schwere Tür im Berg auf, ein Verschlag gebaut aus Autobahnleitplanken schirmt den Eingang in den Hüggel gegen Steinschlag ab. Heute leben hier Molche und Höhlenspinnen. Salamander und Fledermäuse verzichten darauf – sie könnten im Winter ertrinken – wenn der sonderbare See wieder flutet.
Im Stollen ist nicht nur Geologie zu sehen, sondern auch das verlassene Werkzeug der Bergleute. Gödecke stoppt und zeigt, was der Laie ohne Hilfestellung kaum erkennen würde: An der Decke befinden sich eine Muschelbank und Spuren von Krebsen, Warmwasserkorallen und Rippelmarken eines längst vergangenen Meeres. Dann geht es munter weiter durch das Kuriositätenkabinett der Triassteine. Eine schneckenförmige Struktur zum Beispiel war der Wohnbau eines Krebses. Fährten des Thalattosauriers hier, Wurmlöcher dort. Überweht und untergegangen, 150 Millionen Jahre ist das her.
Die bewegte Erdgeschichte hat auch ihre Spuren in der Vegetation an der Oberfläche hinterlassen. Vor allem der Kalk aus dem alten Meer ist ein Gestalter des Lebendigen. Und genau wie unter Tage braucht es oben einen Kundigen, beziehungsweise eine Kundige, die beim Betrachten hilft. Hier ist das Lea Reichmann. Sie ist Försterin bei den Niedersächsischen Landesforsten und zuständig für Waldökologie und Naturschutz. Sie ist unterwegs zu einem inzwischen mehr als 50 Hektar großen Waldgebiet, dessen erste Flächen vor 50 Jahren aus der Nutzung genommen wurden – dem Naturwald am Großen Freeden, drei Kilometer östlich von Bad Iburg.
Ein Holzlaster blockiert den Waldweg, der Kran lädt Buchenstämme auf, links des Weges findet eine normale Forstwirtschaft statt. Und rechts? Sieht es nicht viel anders aus. Auf den ersten Blick zumindest nicht – Buchen vor allem, Bergahorn, ein paar Kirschen und Eichen. Manche Bäume sind 35 Meter hoch, man kann weit sehen in diesem Wald. „Forstwirtschaftlich betrachtet passiert hier nichts mehr – das Ziel ist eine natürliche Waldgesellschaft“, sagt Lea Reichmann. Sie parkt den Wagen, ruft Karten auf dem Tablet-Computer auf, leint Jagdterrier Didi an und geht in den Wald. Für Besucher gilt hier ein Wegegebot und -verbot.
Es ist typischer Teutoburger-Wald-Wald: ein Waldmeister-Buchenwald. Hier findet sich auf weiten Strecken eine Pflanzengesellschaft, die von Waldmeister geprägt ist. Man riecht ihn im Mai und zeitiger im Jahr den Bärlauch. Von Abschnitt zu Abschnitt haben die Bäume auch im Naturwald dieselbe Größe, sie sind gleich alt. Das ist zurückzuführen auf die Forstwirtschaft, die diesen Wald einst plante und anlegte. Eine Postkarte von 1910 zeigt etwa noch Kahlschläge am Großen Freeden. Das absolute Nichtstun, das Sich-selbst-entwickeln-lassen kommt erst in Gang. Und es wird dauern, bis sich das Waldbild verändert hat; 50 Jahre sind nicht viel, nicht mal eine Baumgeneration. Als sicher gilt, dass konkurrenzschwache Bäume der Buche weichen. „Ein geringer Anteil an Mischbaumarten wird sich halten können – hierzu zählen standortgerechte Baumarten wie Esche, Ulme, Ahorn oder Kirsche“, glaubt Reichmann. Aber man wird sehen. Denn die Flanken des Osnabrücker Osnings (bis ins 17. Jahrhundert hieß der Teutoburger Wald Osning) sind steil, die Bodenkrume nimmt rasch ab, je höher es geht. Der Boden beginnt streckenweise zu skelettieren, wie die Fachleute das nennen, bleicher Kalkstein, ohnehin nah unter Flur, tritt mehr und mehr hervor. Das sind nicht die besten Bedingungen für Bäume. Bei langer Trockenheit geht es manchem Baum an den Kragen. Was aus diesem Wald wird? In ein paar Hundert Jahren wird man mehr wissen.
Es geht höher hinauf, wird immer steiler. Was heute am Großen Freeden steht, ist die natürliche Waldgesellschaft. Der Boden ist bedeckt von Wald-Bingelkraut. Je höher wir kommen, desto mehr Kalkstein liegt auf dem Boden, ein dichter Bestand von Bergahorn kurz vor der Kuppe, ein paar tote Buchen. „Die bleiben stehen, sie bieten zum Beispiel Höhlenbrütern einen Unterschlupf.“ In einer toten Esche entdeckt Lea Reichmann ein Loch, „wohl vom Mittelspecht, für einen Schwarzspecht ist es zu klein“.
Der Wind bewegt Bäume, reibt sie aneinander, sie knirschen, es knackt verdächtig. Deshalb ist der Kammweg auch seit einigen Jahren gesperrt. Die Bäume stehen nun noch weiter auseinander. Am Boden glitzert und glänzt Perlgras im Licht. „Auch dieses Bild, diese Ausstattung ist typisch für die Kalkrücken des Teutoburger Waldes“, sagt Lea Reichmann.
Das alte Meer, welches den Kalk hier abgelagert hatte und damit den Wald von heute und morgen prägt, verschwand eben nicht komplett. Das Echo der See hat sich auch unterirdisch niedergeschlagen. Unterhalb von Bad Rothenfelde – und somit ganz nah am Teutoburger Wald – befindet sich ein Salzstock.
Das Meer verschwand, das Salz blieb
„Das Salz stammt aus dem Zechstein-Meer“, sagt Sabine Leclercq-Fröbel von der Kurverwaltung. „Dieses Urzeitmeer bedeckte die Gegend um Bad Rothenfelde vor rund 250 Millionen Jahren.“ Zig Millionen Jahre vergingen, Erdplatten verschoben sich, Ufer lagen woanders, Ozeane verschwanden. Das Wasser verdunstete und Salz blieb übrig. Schicht um Schicht, Erde wie Stein überdeckte dieses Salz, es versank in der Tiefe der Erdkruste. „Daher befinden sich unsere Salzvorkommen in rund 3000 Meter Tiefe“, berichtet sie. „Unterirdische Wasseradern laugen den Salzstock aus. Und die dort vorkommende Kohlensäure treibt die Sole nach oben.“ Und zwar direkt in das Heilbad am Teutoburger Wald. Sabine Leclercq-Fröbel führt durch den Kurpark – gediegenes Setting mit Konzertmuschel, mächtige Bäume wispern im Wind. 1724 wurde die Alte Quelle entdeckt, erbohrt und inwertgesetzt. Ein knappes halbes Jahrhundert später errichtete die Gemeinde das Alte Gradierwerk und um das Jahr 1820 das zweite. Mediziner und Patienten wussten um die wohltuende Wirkung der Aerosole aus salzhaltigem Wasser. Kuren wurde schick. Das sieht man noch heute: Villen in Parks, im Jugendstil und der typischen Bäderarchitektur mit verspielten Ornamenten an Fassaden und Holzveranden.
Noch beeindruckender aber ist die Unterwelt des Kurparks. Unter dem gesamten Park befindet sich ein Gangsystem, in dem Sole von der Quelle zum Gradierwerk geleitet wurde und wird. Fast 300 Jahre sind die Gänge alt. Um das Stollensystem zu erkunden, geht es zusammen mit Leclercq-Fröbel in einem Blumenbeet in den Untergrund. Ein Gang, gemauert aus Ziegeln, Wasser tropft, Sole fließt durch dicke Rohre, Spinnweben hängen an der Decke und kleine Tropfsteine auch, Wurzeln drücken durch die Fugen. „Wir vermuten, dass es noch viel mehr Gänge gibt, als die, die bisher bekannt sind!“
Von hier kommt 250 Millionen Jahre altes Salz wieder an die Oberfläche. Die beiden Gradierwerke sind eine Konstruktion aus bis zu 14 Meter hohen Wänden mit einem inneren Stützwerk aus Fichtenstämmen und gehören zu den größten in Europa. Hier rieselt die Sole an den Außenwänden über ein Geflecht aus Schwarzdornzweigen. Dabei reichert sich die Luft in unmittelbarer Umgebung mit Mineralien an. Zudem wird die Quellsole maximal konzentriert. Beim Salzsieden sparte das früher Brennholz, heute geht die aufkonzentrierte Sole in die Bäder und zur medizinischen Anwendung.
Oben auf dem Gradierwerk arbeitet Thomas Wilker. Er sorgt dafür, dass die Sole fließt. Das salzige Wasser wird auf das Werk gepumpt, fließt durch hölzerne Rohre und Rinnen. Mit Zapfen – ebenfalls aus Holz – öffnet oder schließt Wilker Zuläufe und steuert den Fluss der Sole, bevor sie über die Schlehenzweige hinabrieselt.
Der Eindruck eines fernen Meeres
Der Teutoburger Wald steht nah und deutlich am Horizont. Im Inneren des Gradierwerkes klingt ewiger Regen. Wer mag, kann sich ein Regencape anziehen, im Nebel vor der Inhalationskammer sehen die Leute damit aus wie Gespenster. Auf, in und um das Gradierwerk riecht es wie bei einem Deichspaziergang: nach Gischt, nach Hafen und nach einem Sturmtag am Meer und fein nach Jod. Man atmet, schmeckt, riecht und fühlt einen Tag am Meer. Ein Meer, das vor Urzeiten hier wogte.
Hinter dem Rosengarten ist das Brunnenhaus vom Wittekind-Sprudel; klarer, klassischer Bauhaus-Stil. Gradiermeister Thomas Wilker kontrolliert dieses Wasser täglich, ein Apotheker einmal monatlich. Auch was eine Viertelmilliarde Jahre unter drei Kilometer Fels im Schoß der Erde ruhte, darf ohne Prüfung gemäß der Deutschen Heilmittelverordnung nicht in Umlauf kommen.
Später reicht Sabine Leclercq-Fröbel ein Glas Quellsole; kühl, prickelnd aufgesprudelt, salzig in der Stärke von Meerwasser, köstlich im Geschmack, leichte Note von Eisen. Ein Schluck vom Ur-Ozean in einem feinen Café am Kurpark von Bad Rothenfelde. So schmeckt Erdgeschichte.
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