Im Nordwesten Frankreichs, auf dem Gebiet der heutigen Bretagne und Teilen der Normandie dominierte in der Bronzezeit die armorikanische Tumulus-Kultur. Sie hinterließ mehr als tausend Hügelgräber, in denen meist einzelne Tote hohen sozialen Rangs bestattet wurden. Anders als die meisten „normalen“ Verstorbenen jener Zeit erhielten diese hochrangigen Toten reiche Grabbeigaben mit ins Jenseits, darunter vor allem Waffen wie Feuerstein-Pfeilspitzen und Bronzedolche und Äxte. Auch Schmuck aus Bronze und Gold sind in solchen Fürstengräbern erhalten.
Jetzt haben Archäologen des französischen Nationalinstituts für präventive Archäologie (INRAP) in der Normandie ein weiteres dieser bronzezeitlichen Fürstengräber entdeckt. Bei Ausgrabungen im Vorfeld von Bauarbeiten nahe des Orts Écouché-les-Vallées im Bezirk Orne stießen sie an einem der Hänge des Orne-Tals auf ein Grab, das sie auf die Zeit um 1900 bis 1800 vor Christus datieren. Die Forschenden gehen davon aus, dass dieses Grab ursprünglich von einem Grabhügel überdeckt war, der aber im Laufe der Jahrtausende durch Erosion und Landwirtschaft eingeebnet wurde. Auch das Skelett des Verstorbenen ist nicht erhalten, weil Knochen und andere organische Relikte durch den sauren Boden zersetzt worden sind.
Feuerstein-Pfeilspitzen und Bronzedolche
Noch erhalten sind dafür die noch an ihren ursprünglichen Positionen liegenden Grabbeigaben, die diesen Grabfund klar als armorikanisches Fürstengrab charakterisieren: „Die Grabgrube enthielt prestigeträchtige Beigaben, ein wahres Reisegepäck für das Jenseits“, berichtet das INRAP. Unter den Funden sind 31 Pfeilspitzen aus Feuerstein, die auffallend kunstfertig gearbeitet sind. „Der Grad der technischen Raffinesse kann nur von Meister-Handwerkern erreicht worden sein“, so die Archäologen. Pfeilspitzen dieser Qualität seien fast ausschließlich im Kontext von hochrangigen Bestattungen zu finden, sie galten als Zeichen von Reichtum oder Macht.

Ebenfalls im Grab fanden sich das Fragment eines Bergkristall-Schmuckstücks – möglicherweise Teil eines Anhängers – und zwei Dolche aus Bronze. Der größere der beiden Dolche war rund 30 Zentimeter lang und weist noch Reste einer Lederscheide auf. Der kleinere, rund 20 Zentimeter lange Dolch war hingegen ursprünglich von einer weit selteneren Scheide aus Korbgeflecht umgeben, wie das Team feststellte. An beiden Dolchklingen sind noch Teile der metallenen Stifte zu erkennen, mit denen die Bronzeklingen einst an Holzgriffen befestigt waren. Diese sind jedoch ebenfalls nicht erhalten. Die Machart dieser Dolche sei aber typisch für die armorikanische Kultur, erklärt das INRAP.
Mehrere Bronzezeit-Stätten auf engem Raum
Interessant ist an diesem neu entdeckten Fürstengrab jedoch auch lokale Kontext: Zum einen sind solche Gräber der armorikanischen Hügelgrabkultur in der Bretagne zwar häufig, in der östlich angrenzenden Normandie aber weitaus seltener: Bisher wurden erst sechs solcher Grabstätten gefunden, wie die Archäologen erklären. Zum anderen scheint das Grab von Écouché-les-Vallées Teil eines größeren Ensembles von Ritualstätten und Gräbern gewesen zu sein. Nur wenige hundert Meter entfernt liegt eine kleinere Kreisanlage, die wahrscheinlich einst eine Kultstätte darstellte. Im sechs Kilometer entfernten Ort Moulins-sur-Orne wurde eine größere, von Gräben umgebene Einfriedung entdeckt.
Diese Ansammlung mehrerer Bronzezeit-Stätten auf engem Raum könnte dafürsprechen, dass dies das Kerngebiet eines Herrschaftsbereichs der regierenden Eliten war. Der Tote im Fürstengrab könnte ein Vertreter dieser Elite gewesen sein.
Quelle: INRAP, Service régional de l’archéologie (Drac Normandie)





