Viele Flüsse neigen dazu, sich immer mal wieder neu zu betten: Die wissenschaftlich Avulsionen genannten Verlagerungen von Flussläufen haben die Entwicklung vieler Auenlandschaften der Welt geprägt. In der Regel handelt es sich aber um einen langsam fortschreitenden oder schrittweisen Prozess im Verlauf von Jahren oder Jahrzehnten. Denn meistens werden die Avulsionen durch die Anhäufung oder das Abtragen von Sedimenten in bestimmten Flussbereichen verursacht. Ab einem bestimmten Punkt überschreitet das Wasser dann dort regelmäßig das Ufer und der Fluss beginnt sich schließlich einen neuen Weg zu bahnen, bis sein altes Bett verlandet.
Grundsätzlich war allerdings auch bereits eine andere Ursache für Flussverlagerungen bekannt: Erdbeben können durch Erschütterungen und geologische Brüche zu schlagartigen Avulsionen führen. Das aktuelle Beispiel ist nun allerdings der erste Beleg eines solchen Ereignisses in der Deltaregion eines großen Stroms, berichtet das Forschungsteam um Elizabeth Chamberlain von der Universität Wageningen. Der Blick richtet sich dabei auf den Bereich südlich von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Durch dieses Gebiet strömt der Ganges – einer der größten Flüsse Asiens. Er vereinigt sich dort mit weiteren großen Flüssen und bildet im weiteren Verlauf Verzweigungen aus, die schließlich im Gangesdelta in den Golf von Bengalen münden.
Ein verlandetes Flussbett im Visier
Wie andere Flüsse hat auch der Ganges seinen Hauptkanal in der Deltaregion immer wieder aufgrund von Sedimentablagerungen etwas verändert. Zunächst waren die Forschenden dort auch dieser Art von Avulsionen auf der Spur. Am Anfang der aktuellen Studie stand dabei ein Hinweis auf einen ehemaligen Hauptkanal des Flusses, den das Team auf Satellitenbildern entdeckt hatte. Dabei handelt es sich um eine etwa 1,5 Kilometer breite Struktur im Großraum Dhaka, die sich mit Unterbrechungen über eine Strecke von etwa 100 Kilometern mehr oder weniger parallel zum aktuellen Flusslauf erstreckt. Dieser heute verlandete Streifen in der Landschaft ist besiedelt und wird landwirtschaftlich genutzt.
Bei einer Untersuchung der geologischen Struktur vor Ort machten die Forschenden dann die entscheidende Entdeckung: In einem frisch ausgegrabenen Loch im Untergrund, das für das Anlegen eines Teiches gedacht war, fielen ihnen an den Flanken vertikale Strukturen aus hellem Sand auf. Die genaue Untersuchung ergab, dass es sich dabei um sogenannte Seismite handelt. Diese Strukturen sind als Folge von Erdbeben bekannt: Erschütterungen können Sand unter Druck setzten und ihn dann durch darüber liegende Tonschichten pressen. Das Ergebnis sind regelrechte Sandvulkane, die an der Oberfläche ausbrechen können. Im aktuellen Fall waren die vertikalen Sandgänge 30 oder 40 Zentimeter breit und durchschnitten drei bis vier Meter dicke Tonschichten. Anhand dieser Merkmale konnten die Forscher durch Vergleiche mit anderen bekannten Seismiten auch auf die Intensität des einstigen Bebens schließen. Es erreichte demnach eine Magnitude von sieben bis acht.





