Jüdische Menschen waren nicht die einzige Bevölkerungsgruppe in Europa, die während der NS-Zeit systematisch verfolgt und getötet wurde. Auch die Sinti und Roma waren betroffen. Ab 1939 wurde zunächst ihre Bewegungsfreiheit beschränkt, ab Frühjahr 1940 begannen systematische Deportationen aus dem Deutschen Reich in das besetzte Polen. Dort wurden die Verschleppten in Lager und Ghettos gesperrt und zur Zwangsarbeit gezwungen. Ab 1941 begann die systematische Tötung von Sinti und Roma aus den deutschen Gebieten und verbündeten Ländern. Schätzungen zufolge fielen während der NS-Zeit insgesamt 220.000 bis 500.000 diesem Völkermord zum Opfer.
Fragmentiertes Wissen, spätes Gedenken
Doch dieser Genozid an Sinti und Roma fand lange Zeit kaum Beachtung, auch in den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht. Erst 2012 wurde in Berlin ein erstes zentrales Denkmal für die Opfer des NS-Völkermords an Sinti und Roma geschaffen. „Ziel des NS-Staats und seiner Rassenideologie war es, die Minderheit der Sinti und Roma zu vernichten”, erläutert Projektleiterin Karola Fings von der Forschungsstelle Antiziganismus der der Universität Heidelberg. “Zu diesem Thema sind zwar in den vergangenen Jahrzehnten bedeutende Spezialstudien erschienen, aber das Wissen ist auch heute noch stark fragmentiert.”
Um dies zu ändern, wurde 2017 die Forschungsstelle Antiziganismus als europaweit erste und bislang einzige akademische Institution mit diesem inhaltlichen Schwerpunkt etabliert. Sie beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen zu Ursachen, Formen und Folgen des Antiziganismus in den europäischen Gesellschaften vom Mittelalter bis in die Gegenwart. „Mit der Förderung der Forschungsstelle Antiziganismus setzen wir ein Zeichen – gegen das Schweigen, für die Aufklärung“, betont die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer.
Erste Enzyklopädie zum Thema geht online
Seit Sommer 2020 arbeiten mehr als 90 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 25 Ländern an einem besonderen Projekt: einer ersten umfassenden Enzyklopädie des NS-Völkermords an den Sinti und Roma in Europa. Erste Beiträge dieser einzigartigen Wissensressource werden ab dem 6. März 2024 online gestellt und damit öffentlich zugänglich gemacht. werden. Die Online-Plattform basiert technisch auf „Open Encyclopedia Systems“ und wurde vom Center für Digitale Systeme (CeDiS) an der Freien Universität Berlin umgesetzt. In historischer Perspektive zeigt sie das Verfolgungsgeschehen im Deutschen Reich, das Leid in den Konzentrationslagern sowie die Tötungsverbrechen in Ost- und Südosteuropa.
Das neue Online-Portal bietet Zugang zu Fachbeiträgen, die nicht nur alphabetisch sortiert, sondern auch verschiedenen Rubriken wie Tatorten, Lebenswegen oder Nachwirkungen zugeordnet sind. Neben Fotografien umfasst die digitale Enzyklopädie auch eine interaktive Karte: Hier werden europaweit alle Tatorte, zu denen Informationen vorliegen, verzeichnet, darunter Konzentrationslager, aber auch Orte, an denen Massaker verübt wurden. Eine Chronologie gibt einen Überblick über alle relevanten Ereignisse von 1933 an. Bis Ende 2025 soll die Enzyklopädie auf rund 1.000 Fachbeiträge anwachsen und einen Meilenstein für die Forschung und Bildungsarbeit darstellen.





