Soweit die Wissenschaft weiß, stand der Prototyp der Hütte im Vorderen Orient. Als erste machten es sich die Nomaden Palästinas bequemer, indem sie ab 10000 v. Chr. die Tiere vor der Haustür hielten und Früchte in Reichweite selber zogen. Hat sich die Idee des Bauerntums vom Orient gen Okzident fortgepflanzt, oder kamen die frühen Abendländer von selbst aufs Anbauen und Bauen? Antworten sucht Parzinger in dem von Gott und den Archäologen verlassenen Dreiländereck Bulgarien-Griechenland-Türkei – als Thrakien im Altertum bekannt, immer Schnittstelle zwischen Morgen- und Abendland, aber “praktisch unerforscht” (Parzinger).
Daß der Berliner Archäologe hier, in einem Siedlungshügel in der Nähe der Provinzhauptstadt Kirklareli drei Autostunden nördlich von Istanbul, nicht vergeblich gräbt, dafür sorgt Mehmet Özdogans, genannt Mehmet Bey. Der Archäologe von der Istanbuler Universität kennt den türkischen Teil Thrakiens besser als die Taschen seiner Survivalweste, mit der er verwachsen scheint. Zwischen Schwarzem Meer und Ägäis blieb dank seiner Flurbegehungen kein “Tepe” unentdeckt. Diese platten Hügel im flachen Land sind künstlich durch Dorf über Dorf entstanden. Den archäologisch vielversprechendsten hat er seinem deutschen Kollegen angetragen.
Sechs Siedlungen übereinander entdeckten die Ausgräber. Die jüngste stammt aus dem 4., die älteste vom Ende des 7. Jahrtausends v. Chr. Das ist deutlich hier gewachsene Architektur und kein Import aus Palästina. Dort bauten die frühen Hausbesitzer senkrecht und quadratisch mit luftgetrockneten Lehmziegeln. Die thrakischen Nur-Dach-Häuser sind europäischer Eigenbau.
Den Öfen in diesen Steinzeithäusern hatten die türkisch-deutschen Ausgräber zunächst kaum Beachtung geschenkt. So ein Ofen ist auch heute noch die Außenküche jedes Anwesens in Ahmetce. Doch es wurden mit jedem Spatenstich mehr: Herd an Herd, reihenweise drinnen wie draußen, und Herd über Herd, in allen Schichten des Siedlungshügels. Selbst für ein Aufgebot an Köchen im Schlaraffenland wären es zuviel der Feuerstellen. Doch die frühen Europäer hatten nur einen bescheidenen Speisezettel, wie die Bio-Forscher belegen. Wenn nicht feudales Essen – was wurde hier gekocht?
Bulgarien liegt nahe und damit der Gedanke daran, daß dort die Kupferzeit ihre Glanzzeit hatte. Im 5. Jahrtausend v. Chr. verwarf der Mensch in dieser Gegend die Steinkeile, schmolz den Fels und gewann das Kupfer. Im nahen Grenzgebirge Istrantza kommt Malachit vor, ein kupferhaltiges Erz. Könnten die Reihenöfen Hochöfen gewesen sein? Und die Siedlung dann kein vorgeschichtliches Schafsnest, sondern allererste Industriestadt?
Wo immer Erz verhüttet wird, gibt es auch nach Jahrtausenden dafür handfeste Beweise: Schlacken, Gußformen oder Abfall vom Metall. Akribisch siebten die Archäologen in Thrakien die Erde, fanden aber kein Körnchen des roten Goldes oder Schlackengebrösel. Die Ausgräber müssen ihren Traum vom prähistorischen Ruhrpott begraben. Was immer die Steinzeitler in Kirklareli kochten – es war kein Kupfer. Die Feuerstellen bleiben ein Rätsel und heizen die Erwartungen weiter an.
Spannung auch in Schicht 6 des Hügels: Hermann Parzinger stößt auf Grundmauern, die 8000 Jahre überdauert haben und noch 30 Zentimeter aufragen. Das ist für vorgeschichtliches Mauerwerk mächtig. Die Räume sind groß, aber Parzinger verkneift sich das Wort “Tempel”. Zwei seltsame Gegenstände birgt er aus der Asche der vermutlich heiligen Halle:
- Einen 10-Kilo-Tonbrocken von 40 Zentimeter Höhe. Härtete ein Großfeuer das Rohmaterial eines Töpfers oder ist dieser irdene Kolben ein Kultphallus?
- Einen schwarz glasierten Podest mit Schornstein und Zickzack-Verzierung, offenbar ein tragbarer Herd. Die Feuerstelle für unterwegs oder Altargerät für den steinzeitlichen Weihrauch?
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Weit abseits der Diretissima zwischen Orient und Okzident, war der vorgeschichtliche Mensch in Thrakien erkennbar innovativ: Häuser, Viehhaltung, Reihenöfen unbekannter Bestimmung, Kultanlagen, wohlgestalte Idole. Kultureller Austausch oder Eigenentwicklung?
Am rohen Camptisch, der mit Faustkeilen zugehauen scheint, versetzen sich die Archäologen am Abend gern in die Steinzeit. Wie muß man sich das Kirklareli des Neolithikums vorstellen? Parzinger lakonisch: “Am Ende der Welt wie Ahmetce.”
Dr. Waltraud Sperlich





