Lange schien klar, dass der anatomisch moderne Mensch erst vor rund 200.000 Jahren in Afrika entstand und sich vor 50.000 bis 60.000 Jahren über den Nahen Osten nach Europa und Asien ausbreitete. Doch in den letzten Jahren haben neue Fossilfunde diese Zeitlinie widerlegt. 300.000 Jahre alte Homo-sapiens-Relikte in Marokko zeigten, dass unsere Art früher entstand als gedacht. Funde im Nahen Osten und auf der Arabischen Halbinsel belegten die Präsenz des Homo sapiens in dieser Region schon vor 120.000 bis 180.000 Jahren. Und auch in Südostasien wird das Bild immer unübersichtlicher: Obwohl Genomstudien nahelegen, dass die ersten Vorfahren der heutigen Bewohner vor rund 50.000 Jahren eintrafen, wurden auf Sumatra Zähne des Homo sapiens entdeckt, die schon rund 70.000 Jahre alt sind. In Australien wurden Homo-sapiens-Relikte aus der Zeit vor 65.000 Jahren gefunden.
Fossilfunde in Nordlaos
“Diese Funde deuten auf ein komplexes Ausbreitungsmuster hin, das nur schwer mit den aktuellen genetischen Belegen zu vereinbaren ist”, erklären Sarah Freidline von der University of Central Florida in Orlando und ihre Kollegen. Eine mögliche Erklärung wäre jedoch, dass die archäologischen Funde von frühen, erfolglosen Vorstößen des Homo sapiens stammen. Demnach könnten erste Gruppen des modernen Menschen zwar schon lange vor der großen Besiedlungswelle vor rund 50.000 Jahren in Südostasien eingetroffen sein, sie konnten sich dort aber nicht dauerhaft halten. Diese Pionier-Populationen starben wieder aus. Ähnliches wird auch für die Besiedlung Europas durch den Homo sapiens angenommen. Weitere Belege für diese “Pionier”-Theorie liefern nun neue Funde und Datierungen aus der Tam-Pà-Ling-Höhle im Norden von Laos. In dieser im Hochland, rund 300 Kilometer von der nächsten Küste entfernt liegenden Höhle wurden schon im Jahr 2009 mehrere Knochen von frühen Vertretern des Homo sapiens entdeckt.
Die Datierung dieser Relikte erwies sich jedoch als schwierig, weil gängige Methoden wie die Radiokarbon- oder Uran-Blei-Datierungen nicht möglich waren. Einziger Anhaltspunkt war eine Datierung des Sediments mithilfe der Lumineszenzmethode. Mit ihr lässt sich ermitteln, wann ein Mineral zuletzt dem Licht der Bodenoberfläche ausgesetzt war. Den damaligen Datierungen nach stammte die Fundschicht der TPL-1 bis TPL-5 getauften menschlichen Relikte demnach aus der Zeit vor mehr als 46.000 Jahren. Seither hat das Forschungsteam jedoch weitere Ausgrabungen in der Höhle durchgeführt und dabei in zwei tieferliegenden Schichten zwei weitere menschliche Fossilien zutage gefördert. Beim Fundstück TPL-6 handelt es sich um ein Fragment der vorderen linken Schädelseite, bei TPL-7 um den Teil eines Schienbeins. Vergleichsanalysen zufolge stammen beide Knochenfragmente von einem Homo sapiens. “Die klaren Affinitäten der TPL-Fossilien zum Homo sapiens legen nahe, dass diese Menschen von einer zierlichen Population des Homo sapiens abstammten, entweder in Afrika, im Nahen Osten oder vor Ort”, schreiben Freidline und ihre Kollegen.





