Der Horror begann Anfang Juni 1783: Aus den isländischen Vulkanen Hekla und Laki spuckte die Erde feurige Glut. Neun Monate bebte die Insel. Schwefelhaltige Dämpfe und Asche senkten sich auf die Felder nieder und erstickten die Vegetation. Hungersnöte und Seuchen wüteten: Die Sterblichkeit stieg im folgenden Jahr von unter 30 auf über 100 Promille.
Nicht nur auf Island waren die Folgen der speienden Erde zu spüren. Der Wind blies den Vulkanstaub und die giftigen Dämpfe bis zum europäischen Festland. Doch Mief und Tränen waren noch das kleinste Übel – wirklich verheerend waren die Auswirkungen auf die Witterung. Der Himmel wurde durch die Vulkanasche und den aufgewirbelten Staub so verdunkelt, dass man mit ungeschützten Augen direkt in die Sonne blicken konnte, berichtete die Nürnberger Tageszeitung „Friedens- und Kriegscourier” im Sommer 1783.
Das Wetter spielte auch in den folgenden Monaten verrückt. Anfang Januar 1784 notierte ein Bauer aus dem nordrhein-westfälischen Dormagen in seinem Tagebuch klirrende Kälte: Der Rhein sei zugefroren. Wenige Tage später, am 23. Januar, brach plötzlich der Frühling herein. Das ungewöhnlich milde Tauwetter hatte verheerende Folgen: Die Pegelstände an Rhein, Main, Neckar und Elbe erreichten Höchststände. In Frankfurt am Main klagte Goethes Mutter am 2. März in einem Brief an die Fürstin von Weimar, Herzogin Anna Amalie: „Wir haben hir eine große Überschwemmung gehabt – noch heute da ich dieses schreibe ist mein Keller voll Wasser – auf unserer Straße fuhr man in Schiffen.” Auch die folgenden Jahre blieben nass und kühl, die Ernten waren überall unergiebig.
Geschichtsträchtig waren die Folgen in Frankreich: Der Hunger und die horrenden Preise für Lebensmittel fachten den Hass gegen den König und seinen Klüngel mehr an als die Schriften der Aufklärer, die damals gegen die Monarchie mobil machten. „Die ökonomische Krise vereint die oppositionellen Kräfte gegen die Regierung, während sie gleichzeitig die Kräfte der Regierung zersplittert”, schreibt der französische Historischer Ernest Labrousse. Und der deutsche Geophysiker Rolf Schick sekundiert: „ Die kalten Sommer der Jahre nach 1783 ergaben Missernten und Hungersnöte. In Frankreich führten sie zur Revolution.” Am 14. Juli 1789 stürmten ausgehungerte Bauern mit Mistgabeln bewaffnet die Bastille in Paris, den verhassten Kerker des Königs. Die gesellschaftliche Ordnung brach zusammen, Napoleon riss die Macht im Land an sich.
Noch bevor der französische Feldherr am 18. Juni 1815 in Waterloo endgültig besiegt wurde, holte die Natur zum nächsten Schlag aus. Anfang April 1815 brach der Tambora in Indonesien aus. Die Eruptionen erzeugten den dichtesten Dunstschleier und den größten Ascheregen der Neuzeit.
Die Geschichte schien sich zu wiederholen: nasskalte Sommer auf der nördlichen Hemisphäre, Ernteausfälle und Hungersnöte. In Regensburg goss es im Juni 1816 wie aus Kübeln – 72 Zentimeter, so viel wie normalerweise in einem ganzen Jahr. Im aufgeweichten Boden blieben die mit Pferden bespannten Wagen stecken, Güter ließen sich nicht mehr transportieren. In Lindau am Bodensee blüten die Reben noch im August – das hatte es seit 1628 nicht mehr gegeben. Aus dem Königreich Württemberg war zu erfahren: „ Mai und Juni fast täglich Regen und Gewitter, sodass die Äcker versoffen und Weinberge rutschten.” Entsprechend karg fiel die Weinlese aus: Während 1811 im südwestdeutschen Raum 16 500 Eimer Trauben eingeholt werden konnten, waren es 1816 weniger als 700.
Die Not machte sich auf den Straßen breit: 1816/17 wurden in Bayern 45 000 Bettler aufgegriffen, drei Jahre zuvor waren es 3600 gewesen. Eine zeitgenössische Quelle von 1817 schildert die Armut im Schweizer Dorf Schwandi im Kanton Glarus: „Drei bis vier Haushaltungen mit zahlreichen Kindern leben in einer Stube zusammengepresst, in farblosen Lumpen, halb nackt, ganz nackt. Tische, Stühle, Bettstätten, Bettzeuge sind schon längst verschwunden. Wurzeln, Kräuter, auch hervor gescharrte Hefe sind ihre Nahrung … Nicht Wenige gleichen aus Gräbern hervor gescharrten Totengerippen, und der Säugling, dessen sich die Welt freuen sollte, tritt wie eine Leiche aus der Mutter Schoß.”
Diese Generation, die schon in der Wiege Hunger gelitten hatte, musste die Folgen eines Vulkanausbruchs 35 Jahre später noch einmal erleben: Zwischen August 1852 und Mai 1853 tobte der Ätna auf Sizilien. Die Ernährungslage verschlechterte sich und zu allem Unglück gesellten sich der Krimkrieg und eine Cholera-Epidemie. „Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt – es ist eine böse Zeit”, schrieb der deutsche Schriftsteller Wilhelm Raabe 1854 in seinem Roman „Die Chronik der Sperlingsgasse”.
Zwar waren bereits die 1840erjahre wegen Hungersnöten kein Zuckerschlecken gewesen, doch jetzt brach die Weizenernte um ein Drittel ein. Die Händler mussten doppelt so tief in die Tasche greifen, um Getreide zu kaufen. Die Bevölkerung bezahlte die Inflation nicht nur mit höheren Preisen, sondern mit immer kleiner werdenden Portionen. Die Bäcker etwa verminderten in Notzeiten das Gewicht ihrer Ware, weil die Größe des Brotes damals an den Getreidepreis gekoppelt war. Der „Groschenkipf” – eine Semmel aus Weizenmehl, die für einen Groschen zu haben war – schrumpfte zwischen 1849 und 1854 auf weniger als die Hälfte seiner Größe. Das war eine Tragödie, da die Menschen selbst in normalen Zeiten mehr als die Hälfte ihres Lohns für Lebensmittel ausgeben mussten. Kein Wunder, dass viele der Heimat den Rücken kehrten. In keinem anderen Jahr wanderten prozentual mehr Deutsche aus als 1854 – nämlich 0,7 Prozent.
Neben all dem Leid und Elend hatten die Vulkanausbrüche aber auch Folgen, die Kunstliebhaber und Leseratten noch heute erfreuen. So inspirierten die eigenartigen Streifen, das lang anhaltende Dämmerlicht und die glutroten Sonnenuntergänge, die nach der Explosion des Tambora 1815 den Himmel über Europa zeichneten, die Maler Caspar David Friedrich und William Turner zu romantischen Landschaftsbildern. Und auch der schwere Regen, der zu dieser Zeit die Felder ertränkte, machte kreativ: Im Sommer 1816 verbrachte die englische Autorin Mary Shelley mit ihrem Mann Lord Byron den Urlaub am Genfer See. Weil es unaufhörlich wie aus Kübeln schüttete, schlug Lord Byron vor, jeder solle eine Gruselgeschichte schreiben: So entstand der Roman „Frankenstein”, der 1818 in London erschien. Manfred Vasold ■
Ohne Titel
Produkt 1803 bis 1805 1817
1 Scheffel Weizen (Menge, die ein Erwachsener normalerweise im Jahr verspeist, etwa 220 Kilogramm) 10–14 Kreuzer 95–104 Kreuzer
1 Scheffel Korn 9–16 Kreuzer 80–88 Kreuzer
1 Metzen Erbsen (etwa 60 Liter) 1 Gulden 30 Kreuzer 8 Gulden 24 Kreuzer
1 Metzen Mehl 5 Kreuzer 3 Gulden 40 Kreuzer
1 Pfund Rinderschmalz 8 Kreuzer 45 Kreuzer
1 Pfund Kalbfleisch 12 Kreuzer 14 Kreuzer





