Tatzeit: vor 8000 Jahren. Tatort: Storegga, ein Abschnitt des untermeerischen Kontinentalhangs vor der südnorwegischen Küste. Der Hauptverdächtige: Methanhydrat. Diese eisartige Mischung aus Wasser und darin eingeschlossenem Methan soll schuld sein, dass sich aus dem Schelfrand ein Hang von der Größe Islands löste und bis in eine Tiefe von 2000 Metern bergab donnerte. Das Ausmaß dieser „Storegga-Rutschung” ging gleich zweifach in die Annalen der Erdgeschichte ein: Erstens war es die größte Rutschung in den letzten 100 000 Jahren. Und zweitens verursachte sie einen Tsunami, der die Küsten mit 30 Meter hohen Wellen überschwemmte.
In der März-Ausgabe 2005 berichtete bild der wissenschaft, dass Lawinen im Meer auch in der Nordsee Riesenwellen auslösen können („Tsunami-Gefahr auch für Europa”). Gerhard Bohrmann, Professor für marine Geologie an der Universität Bremen, brachte damals Methanhydrat auf die Anklagebank. Diese instabile Substanz wirkt in den Poren der Meeressedimente wie ein Superkleber – vorausgesetzt, die Temperatur ist niedrig und der Druck hoch. Bohrmanns Erklärung für die Storegga-Katastrophe: Mit dem Ende der Eiszeit vor 10 000 Jahren war es wärmer geworden. Das könnte das Hydrat zerstört, das Methan in Form eines Gasausbruchs freigesetzt und dadurch den Schelfhang vor Norwegen zum Absturz gebracht haben. Heute wäre ein ähnliches Szenario denkbar, aufgrund der globalen Erwärmung der Weltmeere.
Doch Bohrmanns Verdacht ist jetzt selber ins Rutschen gekommen. Zumindest was die Region um Storegga betrifft: „Hier gab es vor 8000 Jahren kein Methanhydrat”, fand Charly Paull, Geologe am Monterey Bay Aquarium Research Institute in Kalifornien. Diesen Freispruch veröffentlichte Paull kürzlich in den „Geophysical Research Letters”. Er basiert auf den Auswertungen einer Forschungsreise im August 2004, die erst jetzt abgeschlossen sind. Mehrere Wochen lang dümpelte Paull über dem Gebiet der Storegga-Rutschung und nahm Bodenproben aus einer Meerestiefe von bis zu 3800 Metern. Dazu senkte er Spezialrohre in den Nordatlantik ab, die am Meeresgrund 20 Meter lange Sedimentsäulen aus der Tiefe förderten.
An Bord untersuchte Paull die Sedimente Schicht für Schicht auf Sulfat. „Das Vorkommen von Methan – und somit von Methanhydrat – ist aufgrund von bakteriellen Prozessen eng mit dem Sulfatgehalt verknüpft”, erklärt der Wissenschaftler. Mit zunehmender Bodentiefe vermindert sich die Konzen- tration von Sulfat, denn Bakterien im Sediment nutzen es als Sauerstoffquelle. Ab einer bestimmten Tiefe ist das Sulfat üblicherweise ganz verbraucht. Die Bakterien dort unten produzieren aus Wasserstoff und CO2 Methan, das sich unter den herrschenden Temperatur- und Druckverhältnissen mit Wasser zu Methanhydrat verbindet.
Die jetzige Talsohle der Storegga-Rutschung lag vor dem Ereignis mehrere Dutzend Meter unter dem Meeresboden. Das bedeutet: Wenn dieser Boden einst stark methanhaltig war, dürfte in den Sedimenten heute kein Sulfat vorkommen. Paull jedoch fand es zuhauf: „In allen Bodenschichten war ungefähr gleich viel Sulfat enthalten”, berichtet der Wissenschaftler. Also ist es äußerst unwahrscheinlich, dass dort in jüngster Zeit Methanhydrat war und eine Rutschung hätte auslösen können. Paull sieht sich durch Messungen von Kollegen in der Arktis bestätigt: „Wäre durch die Rutschung massenhaft Methan entwichen, hätte man überhöhte Methanwerte in 8000 Jahre alten Eisproben gefunden.” Das ist jedoch nicht der Fall.
Die Wissenschaftler sind weiterhin auf der Suche nach dem Schuldigen. Auch aus aktuellem Interesse: Bei Storegga liegen Ölfelder. Und es muss geklärt werden, ob das Bohren nach dem Schwarzen Gold gefährlich ist. Désirée Karge ■





