Auf den ersten Blick ist an Christine Preißmann nichts Auffälliges zu erkennen. Die 36-jährige promovierte Ärztin ist leger gekleidet wie alle ihre Kollegen am psychiatrischen Krankenhaus der hessischen Kleinstadt, wo wir uns treffen. Sie geht in ihrem Beruf auf: Für ihre Patienten – es sind Drogensüchtige, die hier das erste, meist mit starken Schmerzen verbundene Stadium des Entzugs, die Entgiftung, durchleiden – hat sie stets ein offenes Ohr. Irritierend ist allerdings, dass Christine Preißmann die Menschen nicht anschaut, mit denen sie spricht. Auch beim Interview geht ihr Blick an meinem Gesicht vorbei in die Tiefe des Raumes, nur manchmal streift er ein wenig zu mir herüber – um sofort wieder auszuweichen. Dabei ist sie voll bei der Sache, antwortet freundlich und präzise auf all meine Fragen. Nur wenn das Gespräch sich um Gefühle dreht, wird sie einsilbig. „Ich habe Emotionen, manchmal sogar sehr heftige, aber darüber zu sprechen, fällt mir sehr schwer.”
Man muss Christine Preißmann schon besser kennen oder ihre Bücher gelesen haben, um zu wissen, dass hinter der beherrschten Fassade eine Störung steckt, die der jungen Frau sehr zu schaffen macht. Sie äußert sich in vielen kleinen und größeren Auffälligkeiten. Eine Überempfindlichkeit der Sinne gehört dazu: Christine Preißmann kann helles Licht kaum ertragen, sie leidet unter Lärm, verträgt auf der Haut nur weiche Stoffe – und Metalle haben für sie einen ekelerregenden Geruch. Auch ihre Körperwahrnehmung ist gestört: Manchmal weiß sie nicht, ob sie Durst hat oder müde ist. Sie hat Probleme, ihre Bewegungen zu koordinieren, ist ziemlich unsportlich.
Gravierender als alle körperlichen Handicaps sind jedoch ihre sozialen Probleme. „Ja, ich lebe noch immer bei meinen Eltern, weil ich ohne sie im Leben nicht zurecht käme”, sagt die 36-Jährige. „Müsste ich allein leben, würde alles verkommen. Ich bin ja nicht einmal in der Lage, einen Handwerker anzurufen, wenn etwas im Haushalt kaputt geht.” Freundschaften gibt es kaum in Christine Preißmanns Leben. Partys sind ihr eine Qual, und selbst Besprechungen im Kollegenkreis würde sie am liebsten vermeiden. Ihre Freizeit verbringt sie meistens allein. Dann geht sie ihren Interessen nach, die sehr eigenartig sind für eine Akademikerin ihres Alters: Christine Preißmann mag Flughäfen und verbringt dort wie ein technikbegeistertes Kind ganze Nachmittage. Noch mehr liebt sie das Weihnachtsfest. „Der Advent ist meine liebste Zeit. Dann besuche ich Weihnachtsmärkte in ganz Deutschland.” Selbst im Hochsommer blättert sie gern in Bildbänden über das Christfest.
„Mit mir stimmt etwas Nicht”
Ja, ein wenig seltsam ist sie schon, die nette Frau Doktor Preißmann. Dass sie „komisch” ist, anders als die anderen, ein Fremdkörper im sozialen Gefüge, das ist ihr im Laufe ihrer Jugend immer stärker zu Bewusstsein gekommen. Mit 25, sie stand mitten im Medizinstudium, litt sie unter Depressionen und ging deswegen zum Arzt: „Mit mir stimmt etwas nicht. Alle anderen haben Freunde, sie haben Liebesbeziehungen, nur ich nicht.” Der Arzt überwies sie schließlich an eine Psychotherapeutin, die ihr half, im Umgang mit Menschen gewandter zu werden. Das klappte so gut, dass Christine Preißmann heute nicht nur beruflich erfolgreich ist, sondern trotz aller Schwierigkeiten von sich sagen kann: „ Ich habe ein gutes Leben.” Doch eine Diagnose? Die gab es erst zwei Jahre später: „Es könnte das Asperger-Syndrom sein, was Sie haben”, sagte die Psychotherapeutin.
Da war Christine Preißmann kurz zuvor selbst darauf gekommen. Beim Lernen für eine Prüfung in Kinder- und Jugendpsychiatrie war es ihr begegnet, das Asperger-Syndrom: eine milde Form des Autismus, die der Wiener Kinderarzt Hans Asperger im Jahr 1944 erstmals beschrieben hatte. Die Studentin war erleichtert. „ Endlich hatte mein Komisch-Sein einen Namen.”
Kleine Professoren
„In der Fülle der Erscheinungen des Lebens”, schreibt Hans Asperger in der Einleitung seiner Arbeit, „sucht der denkende Mensch dadurch einen festen Standpunkt zu finden, dass er den einzelnen Erscheinungen einen Namen gibt.” Ihm, dem engagierten Arzt und Heilpädagogen, waren im Verlauf von zehn Jahren rund 200 Kinder aufgefallen, „fast ausschließlich Knaben”, die er als „ autistische Psychopathen” bezeichnete und an denen er ein ganz ähnliches Muster von Störungen feststellte, wie es Christine Preißmann hat. Asperger beschreibt seine Patienten, die „kleinen Professoren”, mit viel Sympathie. Er stellt nicht nur ihre Defekte und ihre Absonderlichkeiten heraus, sondern auch ihre häufig außergewöhnliche Intelligenz, ihre Originalität, ihre Sonderbegabungen. Von einem Dreijährigen berichtet er: „Die Mutter muss ihm ein Dreieck, ein Viereck, ein Fünfeck in den Sand zeichnen. Da nimmt er selber den Stab, zeichnet einen Strich und sagt: ‚Das ist ein Zweieck, nicht?‘, macht einen Punkt und sagt: ,Und das ist ein Eineck?‘ ” Aus dem kleinen Autisten wurde später ein habilitierter Astronom. Auch Christine Preißmann hat Sonderbegabungen. Sie verfügt über ein hervorragendes Gedächtnis für Zahlen und Fakten, was ihr in den Medizin-Prüfungen sehr geholfen hat. Und schon ihren Mitschülern am Gymnasium war aufgefallen, dass sie jede Handschrift nachmachen kann. Doch – und hier beginnt das große Rätselraten – wie hängt das alles zusammen? Die skurrilen Sonderbegabungen, die obsessiven Interessen, das gestörte Sozialleben und die körperlichen Defizite? Kann das alles Ausdruck ein und derselben Krankheit sein? Wirklich ein Syndrom, also ein „Zusammenlaufen” einzelner Erscheinungen, die sich aus einer einzigen Ursache herleiten lassen?
Die Diagnose gelingt jetzt früher
Hans Asperger war davon überzeugt. Und seine Vermutung wurde bekräftigt, als 1943 in den USA eine Studie von Leo Kanner herauskam, die ebenfalls an Kindern „autistische Störungen des affektiven Kontakts” beschrieb. Die beiden Forscher hatten unabhängig voneinander dasselbe Syndrom beobachtet. Heute ist die von beiden Pionieren beschriebene Entwicklungsstörung weltweit als „Autismus” bekannt (siehe Kasten „Gut zu wissen: Autismus”). Die mildere Unterform der Störung, bei der die Sprachentwicklung nicht verzögert ist, hat den Namen Asperger-Syndrom bekommen. „ Bei Betroffenen, die vor 1980 geboren sind und in der Schule recht gut angepasst waren, wurde es manchmal erst spät erkannt”, sagt Dr. Luise Poustka, Autismus-Forscherin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Heute gibt es bessere diagnostische Standards, und die Kinder können früher diagnostiziert und gezielt gefördert werden.”
Hans Asperger war überzeugt, dass etwas Erbliches hinter der autistischen Psychopathie stecken muss, sah er doch fast immer bei Eltern oder Verwandten der betroffenen Kinder „einzelne autistische Eigenheiten, oft aber das voll ausgeprägte Bild”. Und, wie in Wien kaum anders zu erwarten: „Öfters fanden wir Abkömmlinge bedeutender Gelehrten- und Künstlerfamilien unter diesen Kindern.” Dass Autismus erblich ist, hat sich eindrucksvoll bestätigt. Heutige Autismus-Forscher, die beispielsweise Zwillinge mit und ohne Autismus verglichen haben, gehen davon aus, dass die Gene 90 Prozent und die Umweltbedingungen lediglich 10 Prozent zur Entstehung des Autismus beitragen. Dass die Mütter schuld seien, weil sie ihren Kindern zu wenig Liebe gäben (eine These, die noch in den Siebzigerjahren verbreitet war), hat sich ebenso als Mythos erwiesen, wie der Verdacht, Autismus sei eine Nebenwirkung von Impfungen.
Eine Freundschafts-Pille?
Die Gene also. Doch wie viele es sind, wo sie sitzen und was sie im Gehirn bewirken, darüber ist das Rätselraten noch im Gange (siehe Kasten links „Gestörte Verbindung”). Schon Hans Asperger hatte klarsichtig gewarnt, „dass es eine eitle Hoffnung ist, einen klaren, einfachen Erbgang aufzuzeigen; diese Zustände sind ja zweifellos polymer, also an mehrere Erbeinheiten gebunden.” Aber wenn mehrere Gene beteiligt sind, sinkt auch die Chance, dass rasch ein Heilmittel gefunden wird: eine Pille, mit der man beim Erwachsenen Autismus kurieren kann oder mit der sich zumindest beim Kind die fehlerhafte Hirnentwicklung stoppen lässt. Und falls es ein solches Medikament gäbe, wäre es überhaupt willkommen? „Eine Pille, die mich zur Stimmungskanone auf Partys macht, die brauche ich nicht, die will ich auch gar nicht”, sagt Christine Preißmann.
Aber eine Pille, die ihr helfen würde, leichter Freunde zu finden? „Vielleicht doch.” Zum Glück müssen sie und ihre Leidensgenossen nicht auf die Erfolge der Gen- und Pharmaforschung warten. Denn das von ihrer Krankheit betroffene Organ, das Gehirn, ist plastisch: Es ist auch durch Lernen, Üben und durch Psychotherapie veränderbar. Christine Preißmann, die Ärztin, hatte bei ihrer eigenen Behandlung so gute Erfahrungen gemacht, dass sie beschloss, selbst eine psychotherapeutische Ausbildung zu beginnen. Heute kann sie sich Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie nennen. Und sie hat ein eigenständiges, neues Konzept entwickelt, wie man ihresgleichen helfen kann. „Psychotherapie bei Menschen mit Asperger-Syndrom” heißt ihr gerade erschienenes Fachbuch. Untertitel: „Konzepte für eine erfolgreiche Behandlung aus Betroffenen- und Therapeutensicht”.
Das liest sich sehr pragmatisch. Zum Beispiel so: „Was das Gesprächsverhalten betrifft, so muss bedacht werden, dass viele Betroffene zunächst gar nicht wissen werden, wie man ein Gespräch führt. (…) Man sollte sich zu Beginn der Behandlung auf möglichst einfache und auch angenehme Fragen konzentrieren, vielleicht auf Hobbys und Interessen, um den Betroffenen nicht zu sehr zu frustrieren.” Später können sich beide Seiten steigern und auch schwierige Themen wie Freundschaft, Beziehungen, Sexualität und Konflikte ansprechen. Dabei mag sich für den Therapeuten, der selbst nicht von Autismus betroffen ist, ein seltsamer Lerneffekt einstellen: die Einsicht, wie komplex doch die Gehirnvorgänge sind, die uns im Alltag befähigen, ein soziales Leben zu führen. Ein gesundes Gehirn erledigt das meiste davon unbewusst und mit spielerischer Leichtigkeit. Das Gehirn des Asperger-Kranken muss Umwege gehen, muss sich mühsam antrainieren, was dem Durchschnittsmenschen in die Wiege gelegt wurde. ■
Judith Rauch
Ohne Titel
Erstmals beschrieben von Leo Kanner (1943) und Hans Asperger (1944), ist der Autismus ein Krankheitsbild, das meist schon in der Kindheit auffällt und vor allem durch Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens gekennzeichnet ist: Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu sprechen, Gesagtes richtig zu interpretieren, Mimik und Körpersprache einzusetzen. Stereotype Verhaltensweisen (etwa Zählen und Ordnen von Gegenständen) kommen oft hinzu. Es gibt unterschiedliche Schweregrade der Behinderung, und es gibt Autisten mit hoher, mittlerer und niedriger Intelligenz. Ist die Sprachentwicklung normal, spricht man vom Asperger-Syndrom. Die Häufigkeit autistischer Störungen liegt nach aktuellen Schätzungen bei 6 von 1000, die Häufigkeit des Asperger-Syndroms bei 1 von 1000 Menschen. Auf der Suche nach den Ursachen stießen Forscher auf folgende Befunde:
· Jungen sind viermal so häufig betroffen wie Mädchen.
· Ein hoher Testosteron-Spiegel im Mutterleib kann Autismus begünstigen.
· In der Kindheit ist die Hirnentwicklung gestört: Im Alter von 2 bis 4 Jahren werden zu viele Nervenzellen gebildet.
· Im Gehirn sind zu viele kurze Verbindungen („Feldwege”) und zu wenige Fernverbindungen („Autobahnen”) angelegt. Die Betroffenen beachten Details stärker als das große Ganze.
· Es gibt Hinweise auf eine Störung des Spiegelneuronen-Systems, aber das Mitgefühl ist intakt.
· Das Gesichter-Erkennen ist gestört, die dafür spezialisierte Hirnregion wird zu wenig genutzt.
· Gesichter sind für Autisten ein unangenehmer Reiz, der ihr Angstzentrum stark erregt und dem sie deshalb ausweichen.
Ohne Titel
ForschergruppeN SUCHEn weltweit in Blutproben von Autisten nach den verantwortlichen Genen. Die derzeit heißesten Kandidaten haben mit dem Funktionieren der Nervenverbindungen (Synapsen) zu tun. Genauer: mit den Molekülen Neurexin und Neuroligin, die sowohl in erregenden als auch in hemmenden Synapsen eine entscheidende Rolle spielen. Sie sorgen dafür, dass Botenstoffe wie Glutamat und GABA von der präsynaptischen zur postsynaptischen Seite korrekt übertragen wird. Bereits bei Autisten nachgewiesen wurden einzelne Mutationen an Neuroligin- und Neurexin-Genen sowie an dem Gen Shank3, einer Variante des postsynaptischen Shank-Proteins. Diese Mutationen können zwar momentan nur einen geringen Prozentsatz der untersuchten Störungen erklären. Doch manche Forscher glauben, dass sie einen wichtigen Hinweis auf die zellulären Ursachen des Autismus gefunden haben, etwa der Genetiker Stephen Scherer von der Kinderklinik in Toronto (Kanada). Wenn nämlich die Synapsen nicht normal funktionieren, kann die Balance zwischen Hemmung und Erregung im gesamten Gehirn gestört sein. Das hätte auch tiefgreifende Auswirkungen auf das sich entwickelnde Gehirn des Kindes.
Ohne Titel
· Das Asperger-Syndrom ist eine leichte autistische Störung, die intelligente Menschen zu sozialen Außenseitern machen kann.
· Es handelt sich um einen vererbten Defekt, ohne dass die verantwortlichen Gene bekannt sind.
· Psychotherapie kann den Betroffenen helfen, im sozialen Alltag zu bestehen.
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