Gold oder Schraubverschluss? Das war die Frage, als Siegfried Kurz im abgeernteten Maisfeld ein gelb blinkendes Stück vom Boden sammelte. Der zweite Blick entschied: Gold, keltisches Gold, 2500 Jahre alt.
Der ansonsten ungeliebte Regen hatte dem Tübinger Archäologen diesen schlagzeilenträchtigen Abschluss seiner Grabungskampagne an der oberen Donau letztes Jahr beschert. Weil seine eigentlichen Arbeitsflächen – Siedlungsareale im Vorfeld des keltischen Fürstensitzes Heuneburg – vom Dauerregen überschwemmt waren, suchte er mit seinen Helfern das umliegende Gelände nach antiken Artefakten ab.
Der blinkende Wegweiser ließ Kurz tiefer graben. Er stieß auf ein nahezu vollständig durch die Landwirtschaft zerstörtes Kindergrab, aus dem er allerlei Preziosen barg: eine zweite bronzene, mit Goldfolie überzogene und aufwendig verzierte Gewandspange, Bronzeringe, noch undefinierte Bronzestücke und die Reste einer mehrreihigen Halskette. Die Krönung aber waren zwei Anhänger aus massivem Gold, deren Filigranmuster auf etruskische Herkunft hindeuten.
„Wer sein Kind so aufwendig und reich bestatten kann”, interpretiert Siegfried Kurz den Fund, „ist kein reich gewordener Bauer.” Vielmehr verdeutliche diese prunkvolle Bestattung eines höchstens vierjährigen Mädchens den Wettstreit „adliger” Familien um Sozialprestige und Herrschaftsanspruch im finsteren Mitteleuropa vor 2500 Jahren. „Hier wollte sich jemand teuer und bewusst von anderen Familien abheben”, ist Kurz überzeugt.
Bislang lehnten die Prähistoriker eine solche Differenzierung der frühen keltischen Gesellschaft in „Adelige” einerseits und „ gemeines Volk” andererseits vehement ab. Der goldene Einzelfund im Maisfeld gibt deshalb einem ehrgeizigen Forschungsvorhaben unerwarteten Schub, das – von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell gut abgepolstert – jetzt gerade in seine zweite Runde geht. Wissenschaftler aus zwölf in- und ausländischen Institutionen wollen herausfinden, ob tatsächlich zutrifft, was Indizien immer wahrscheinlicher machen: dass nämlich die Kelten schon um 600 vor Christus kurz davor waren, sich zur Hochkultur aufzuschwingen – mit Städten und Staatlichkeit, mit Herrscherdynastien und Reichsgebiet. Ein verwegenes Unterfangen, denn es soll nichts weniger als menschliches Verhalten in vorgeschichtlicher Zeit mit archäologischen Mitteln ergründet werden.
Dazu wollen die Wissenschaftler unter Federführung des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg alle archäologischen und naturwissenschaftlichen Register ziehen. Stammten die Nachrichten über die „deutschen” Kelten bislang meist aus den prunkvollen Fürstengräbern, soll jetzt erstmals gezielt und großräumig das Siedlungsumfeld der Fürstensitze wissenschaftlich erfasst werden. Wo wuchsen welche Siedlungen wie lange? Waren sie spezialisiert, wer wohnte in ihnen? Wie entwickelte sich die Landnutzung und damit die Ernährung der Kelten?
Aus den Ergebnissen solcher und ähnlicher Fragen – es werden Hunderttausende sein – soll dann in einer Zusammenschau die soziale Evolution der Kelten um die Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus rekonstruiert werden. Ob man dem noch ungelösten Rätsel der Kelten damit auf die Spur kommt? Jörg Biel, geistiger Initiator und Ko-Koordinator des DFG-Sonderprogramms: „Wir sind sehr zuversichtlich. Die Ergebnisse der ersten beiden Jahre haben schon mehr erbracht, als ich erwartet hatte.”
Bis vor wenigen Jahren stammte das allgemeine Wissen um „die Kelten” weitgehend aus den Berichten griechischer und römischer Historienschreiber. Im 6. Jahrhundert vor Christus tauchten die „ Keltoi” erstmals beim Schriftsteller Hekataios von Milet auf. Eine Generation später wusste Herodot von Halikarnassos (um 480 vor Christus) schon, dass sie an der oberen Donau hausten. Andere rühmten ihre Tollkühnheit oder schmähten ihr „sinnloses Draufgängertum”. Die Kelten seien leicht erregbar und auf Krieg versessen, aber auch treuherzig und nicht bösartig. Mit ihren besiegten Feinden allerdings würden sie barbarisch umgehen: Deren Köpfe hängten sie ihren Pferden um den Hals oder fackelten sie bündelweise auf riesigen Holzstellagen ab.
Da die Berichte antiker Schriftsteller oft eher einprägsam denn wahr waren, sind ihre Schilderungen mit Vorsicht zu betrachten, zumal sie in ihren Aufzeichnungen alle, die außerhalb ihres eigenen Kulturraumes lebten, als „Barbaren” bezeichneten – da wanderten die Hören-Sagen-Klischees der Germanen und Gal- lier, der Skythen und Kelten, der Asiaten und Galater oft vereint durch die antiken Texte. Diese Erzählungen aber geben den Forschern wenigstens Bezeichnungen an die Hand für die ansonsten namenlosen Kulturen des 1. Jahrtausends vor Christus in Mitteleuropa.
Gallier, Kelten, Galater – unter diesen Namen tauchten die Krieger aus dem Norden ab dem 4. Jahrhundert vor Christus im Bewusstsein der mediterranen Kulturen auf: 387 vor Christus eroberten sie Rom. Das griechische Orakelheiligtum Delphi entging nur knapp einer Plünderung. In Kleinasien gründeten sie ein eigenes Reich. Sie lotsten 218 vor Christus Hannibal mit seinen Elefanten über die Alpen. Mal kämpften sie mit, mal gegen Alexander den Großen. Dem Welteneroberer steckten sie: Sie fürchteten nichts auf der Welt, außer dass ihnen der Himmel aufs Haupt fallen könnte – so die Historien-Fama.
Aus den archäologischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte gesichert sind enge kulturelle und wirtschaftliche Kontakte der nordalpinen vermeintlichen Barbaren in die Mittelmeerregion. Das handwerkliche Geschick schon der frühen Kelten bei Goldarbeiten und in der Waffentechnik lässt sich durch Grabfunde gut belegen. Sie hatten einen Kalender, entwickelten aber keine eigene Schrift. Sie prägten als erste nördlich der Alpen Münzen und beuteten Salzbergwerke aus. Die Textilien aus Keltenland waren auch im mediterranen Raum begehrt. Im Gegenzug beweisen hochwertige Importe aus dem Süden verfeinerte Lebensart im rauen Norden. Ab 200 vor Christus bauten die Kelten ihre „Oppida”, Zentren für Verwaltung und Handel, deren bekanntestes Manching bei Ingolstadt ist. Um 50 vor Christus wurden diese Städte aufgegeben – niemand weiß den Grund.
Ähnliches passierte 500 Jahre zuvor mit der Heuneburg. Dieser keltische Fürstensitz an der oberen Donau bei Herbertingen-Hundersingen im Landkreis Sigmaringen ist wohl die älteste Keltenburg – und nach den Ergebnissen der Grabungen im letzten Jahr vielleicht sogar die älteste Stadt nördlich der Alpen. Neben den anderen keltischen Schwergewichten in Südwestdeutschland – Ipf (bei Bopfingen), Hohenasperg und Hochdorf (bei Ludwigsburg) – sowie dem hessischen Glauberg und dem Mont Lassois in Südfrankreich ist die Heuneburg eines der wichtigsten Keltenzentren der frühen Epoche in Mitteleuropa.
Seit über 100 Jahren schürfen hier Archäologen, dabei haben sie eine wechselvolle Geschichte zutage gefördert. Auf den Hügelkuppen beiderseits der Donau hatten sich seit etwa 1000 vor Christus so genannte Höhenburgen etabliert, kleine Zentren nach Art der mittelalterlichen Raubrittersitze, die neben Schutz- auch schon Prestigedanken widerspiegeln. Eine davon war die Heuneburg. Um 600 vor Christus siechten alle Höhenburgen dahin – nur die Heuneburg wuchs. Sie saugte offenbar Macht, Reichtum und Prestige aller anderen Ritterburgen auf. Warum gerade die Heuneburg, weiß keiner.
Die Burg war zunächst von einem keltenüblichen Holz-Erde-Schutzwall umgeben und enthielt eine regellose Innenbebauung bäuerlichen Charakters. Um 600 vor Christus legte sich der Fürst der Heuneburg eine neue Wehr zu: eine weiß getünchte verputzte Mauer aus luftgetrockneten Lehmziegeln auf einem massiven Steinfundament. So etwas hatte es im Land der Kelten noch nie gegeben. Idee und Bau-Know-how kamen unbestritten aus dem Mittelmeergebiet. Innen war die Angeberburg planmäßig bebaut, Handwerker mit ihren Werkstätten stellten zu dieser Zeit wohl den Hauptteil der Bevölkerung.
Schon nach 60 bis 70 Jahren wurden fremdländische Mauer und Fundament komplett abgetragen und wieder durch ein traditionelles Bollwerk aus Holz und Erde ersetzt, die Innenbesiedlung wurde wieder wirr. Seltsamerweise finden die Archäologen in den Relikten dieser Besiedlungsepoche nun hochwertige Keramik aus Athen, die es in der „Lehmziegelzeit” nicht gab. Erklärung? Keine. Um 500 oder um 450/430 vor Christus, da streiten die Gelehrten, wurde die Heuneburg aufgegeben. Wiederum weiß niemand warum.
Im letzten Sommer fügte Jörg Bofinger den Annalen der Heuneburg eine sensationelle Seite hinzu. Der örtliche Grabungsleiter vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg wies auf dem Bergplateau nicht nur eine ausgedehnte und dichte Wohnbebauung der Vorburg nach, sondern grub ein monumentales steinernes Tor der frühen Keltenzeit aus. Das imposante Mauerwerk entspricht exakt dem der – eventuell zeitgleichen – mediterranen Burgmauer. Die beiden Torwangen aus sauber bearbeiteten Kalksteinen sind noch etwa einen Meter hoch erhalten und ermöglichen eine Rekonstruktion des Durchlasses: Durch die 12 Meter lange und 8 Meter breite Toranlage führte eine kieselgeschotterte Straße aus der Burg zum 10 Meter breiten und 7 Meter tiefen Graben vor der eigentlichen Befestigung.
Eine solche Torkonstruktion war bisher nördlich der Alpen völlig unbekannt. Bofinger: „Das Tor und die Hausbebauung deuten stark auf einen Siedlungsplan hin. Das ist ein gewichtiges Argument für den Beginn der Urbanisierung auf der Heuneburg.” In diesem Jahr will der Archäologe nach der Brücke über den Burggraben fahnden, nach dem Verlauf des Walls zur Donau hinunter – und ihn interessiert, ob das Tor auf noch älteren Schichten sitzt.
Im Umfeld der Heuneburg sind seit Längerem eine „Südsiedlung” und eine nördlich gelegene, 50 bis 100 Hektar große „ Außensiedlung” bekannt. Ob die beiden Areale als eine Art Unter- oder Vorstadt zusammenhingen, soll in diesem Jahr geklärt werden. Auf alle Fälle wird die Außensiedlung durch die Untersuchungen von Siegfried Kurz, dem Finder des Mädchengrabes, immer größer – und komplizierter.
Aus einem Gewirr von Verfärbungen im lehmigen Boden postuliert Kurz Palisadengräben und Pfostenlöcher, die wiederum Umfriedungen und einzelne Häuser vor 2500 Jahren repräsentieren. Die verschachtelten Wälle und Gräben unterteilten nach seiner Interpretation das Siedlungsareal in „kleinere Einheiten aus mehreren Hofgruppen, die sich offenbar von den anderen Familien abgrenzen wollten”. Der Tübinger Archäologe hält sie für die Areale der verschiedenen Clans, die die Heuneburg gegründet haben.
Die Anziehungskraft der zentral gewordenen Heuneburg muss enorm gewesen sein, denn, so Kurz, „die Außensiedlung wuchs zeitgleich mit der Burg rasant, innerhalb von maximal zwei Generationen”. Die Bevölkerung – etwa 700 Menschen – konnte sich aber, so hat er errechnet, nicht selbst versorgen. Die „Ernährer” der Stadt müssen im weiteren Umfeld der Heuneburg gelebt haben. Nahrungsmittelproduktion war aber wohl auch nicht die Aufgabe der Außensiedlung – wenn hier der keltische Adel wohnte, wofür das goldene Mädchengrab im Maisfeld spricht. Kurz: „Das Grab ist ganz klar ein Ansatz zu dynastischem Denken.” Er sieht die Kelten des 6. Jahrhunderts vor Christus insgesamt „ganz dicht vor der Stadt- und damit Staatsbildung, ein Quäntchen fehlte noch, vielleicht so etwas wie das Königtum”.
Dazu kam es nicht. „Schon nach 50 bis 70 Jahre, noch vor dem Ende der Heuneburg selbst, wurde die Außensiedlung in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Christus von ihren Bewohnern verlassen”, liest Kurz aus dem Lehm. Den Grund kann auch in diesem Fall niemand nennen.
Genauso rätselhaft sind die Ergebnisse der letztjährigen Grabungen beim zweiten keltischen Schwergewicht in Baden-Württemberg. Auf dem und um den markanten Berg Ipf in der Nähe des Nördlinger Rieses bei Bopfingen hat Rüdiger Krause prähistorische Strukturen ausgegraben, die mit nichts anderem in der Keltenwelt zu vergleichen sind. Der Professor für Vor- und Frühgeschichte Europas von der Universität Frankfurt ist jedoch (fast) sicher: „Es spricht alles für ein Heiligtum.”
Schon die vorangegangenen Grabungen wiesen den Ipf als zentralen Ort des 1. Jahrtausends vor Christus aus. Die mächtigen Befestigungen auf dem Berg, die bis in die Bronzezeit zurückreichen, wurden in den letzten Jahren ergänzt durch Siedlungsfunde in der Ebene: so genannte Herrenhöfe – rechteckige, palisadenbewehrte Anlagen mit mehreren Häusern im Inneren. Die finden sich nur in fränkischen Keltenlanden, dafür gibt es dort keine Fürstensitze. Für Koordinator Jörg Biel ist diese Verteilung ein Indiz für die Sozialstruktur: „In Franken hört die Hierarchie mit dem Herrenhof auf – da saß der reiche Bauer, der reiche Kleinpotentat. Eine Fürstendynastie gab es hier nicht.”
Die Siedlung am Ipf hat beides – großbäuerliche Gutshöfe und fürstliche Festung – und gehört zweifellos zu den zentralen keltischen Orten. Die Elite am Ipf, wie auch immer sie strukturiert war, lebte nach Rüdiger Krauses Interpretation nicht auf dem Berg – „da oben ist es lausig kalt” –, sondern windgeschützt auf den Rechteckhöfen in der Ebene. Feine Keramik aus Athen und Eisenschlacken aus der Produktion hochwertiger Metallgüter in den Herrenhöfen sind für den Ausgräber sichere Indizien.
Was aber den Ipf zum „neuen Stern am Himmel der keltischen Fürstensitze” (Krause) macht, ist ein für den Laien undurchsichtiges Konglomerat von scheinbar planlos hingeschütteten Steinen in der Grabungsfläche. „Die sind aber nicht irgendwie hingeworfen”, weiß Krause, „die sind sorgfältig, in mehreren Schichten und nach Plan gesetzt.” Nachdem die Archäologen rund 50 Tonnen faust- bis kopfgroße Steine abgetragen hatten, erkannte der Ausgräber unter einem Bereich der Steinpackung den Grundriss eines 15 mal 15 Meter großen Gebäudes mit Grabenstrukturen und Pfostengruben.
„Das war keine normale Scheune”, beharrt Krause, „das war ein monumentaler Bau, der soziale, wirtschaftliche oder politische Macht ausdrückte.” Die äußeren Tragpfosten und ein hölzerner Mittelpfeiler mit einem gewaltigen Durchmesser von einem Meter waren nicht in der Erde verrottet, sondern von den Erbauern wieder herausgezogen worden. Dann wurden Hausareal und Vertiefungen mit Steinen beerdigt. Krause: „Das war der letzte Akt am Platz, und dahinter steckt eine Idee.” Die Frage bleibt: welche? Krause ist nun auf der Suche nach anderen Beispielen für „ niedergelegte” Heiligtümer oder Kultbauten.
Als Heiligtum wird auch eine hessische Keltenanlage gedeutet: „ Olympia des Nordens” nennt Fritz-Rudolf Herrmann die keltische Kreisgrabenanlage am Glauberg. Der inzwischen emeritierte Archäologieprofessor am hessischen Landesamt für Denkmalpflege hatte 1994 rund 30 Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main bei Büdingen den „Fürsten vom Glauberg” aus dem Acker geholt – eine übermannsgroße Steinplastik mit keltischem Kopfputz, keltischem Schild und griechischem Kompositpanzer. Ein reiches Grab und Fragmente weiterer Steinplastiken festigten die Bewertung der aufwendigen Kreisgraben- und Wallanlage als kultischen Ort. Die dazugehörige Burg auf dem Berg hat bislang nicht die erhofften Belege für einen keltischen Fürsten erbracht. Neue Funde in abgeschwemmten Hangsedimenten könnten das Bild in den nächsten Jahren noch verändern. Doch der Glauberg ist zweifellos ein zentraler Ort der keltischen Zivilisation.
Beim vermutlichen Superschwergewicht der keltischen Fürstensitze in Südwestdeutschland allerdings, auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg, ist jegliche Suche vergeblich. Jörg Biel über „seinen” Fürstensitz: „Am Hohenasperg ist nichts mehr zu holen, wir haben alles abgebohrt und abgegraben. Durch die nachkeltische Bebauung bis heute ist da alles perdu.” Das „ Fürstengrab Grafenbühl” am Fuß des Aspergs aber nennt Biel trotz der harten Beraubung „das mit Abstand reichste Keltengrab, das wir kennen”. Bronzene Löwenfüßchen – für die Grabräuber uninteressant –, die ein aus dem Süden importiertes Holzmöbelstück mit Intarsien trugen, stützen die Einschätzung, dass „der Fürstensitz Hohenasperg in seiner Bedeutung im 6. Jahrhundert vor Christus größer gewesen ist als die Heuneburg”. Und wenn man sich das von Jörg Biel 1978 ausgegrabene unversehrte Fürstengrab im nahe gelegenen Hochdorf mit seinen Schätzen anschaut, kann man die Bewertung nachvollziehen.
Konkrete Ergebnisse erhoffen sich die Archäologen von der noch ausstehenden systematischen Ausgrabung des frühkeltischen Fürstensitzes auf dem ostfranzösischen Mont Lassois nahe Châtillon-sur-Seine. Die bisherigen Funde – ein Fürstinnengrab, eine Steinstatue, ein Heiliger Bezirk und geophysikalische Orakel auf dem Bergplateau – lassen Spektakuläres erwarten.
Vielleicht lichtet sich dabei auch der Nebel über einem weiteren Rätsel der keltischen Zivilisation. Die kulturelle Entwicklung begann im 7. Jahrhundert vor Christus eindeutig in Südwestdeutschland mit Ausläufern nach Burgund im Westen und Böhmen im Osten. Warum aber brechen diese Machtzentren – manifestiert in Großgrabhügeln und Fürstensitzen – im 5. Jahrhundert vor Christus ab und verlagern sich nach Norden? Dirk Krausse, der Sprecher des DFG-Kelten-Schwerpunktprogramms, entwickelt dazu gerade ein Modell, das er für bild der wissenschaft vorab skizziert:
• Im 9./8. Jahrhundert vor Christus entstanden in Mittelitalien die Villanova- und Etrusker-Kulturen mit Fürstensitzen und großen Grabhügeln – vielleicht nach Vorbildern aus dem vorderasiatischen Raum.
• Diese Idee schwappte 100 Jahre später – mit griechischen Zutaten – über die Alpen und etablierte sich vom 7. bis 5. Jahrhundert mit elitären Herrscherburgen und Prunkgräbern in den Regionen Heuneburg und Hohenasperg. Nach 500 vor Christus brachen auf der Heuneburg ganz dunkle Jahrhunderte an, auf dem Hohenasperg und dem Ipf begannen sie deutlich später.
• Im 5. Jahrhundert entstanden plötzlich in der Hessen-Region Glauberg/Bad Dürkheim viele Fürstengräber. Die waren nicht mehr so ansehnlich wie die südwestdeutschen, und die Fürstensitze mutierten zu Fluchtburgen auf den Bergen, die „keltische Linie” ist aber noch klar vorhanden. Ab dem 3. Jahrhundert gab es jedoch keine Hinweise mehr auf zentralisierte Gesellschaften, der Wald eroberte das Ackerland allmählich zurück.
• Dafür kamen im 3. Jahrhundert am nördlichen Rand der Mittelgebirge, zum Beispiel bei Osnabrück, bei den so genannten Protogermanen, befestigte Siedlungen auf, in denen auch – auf niedrigem Niveau – gehandelt wurde. Reiche Gräber gibt es nicht. Von originär keltischer Kultur ist kaum etwas übrig geblieben.
„Das ist wie bei einer Welle”, erläutert Dirk Krausse sein Modell. „In der klimatischen Gunstphase ab dem 7. Jahrhundert wachsen Gesellschaft und Bevölkerung. Die Gesellschaft wird komplexer, bleibt aber instabil. Wenn sie dann in sich zusammenfällt, stürzt sie tiefer, als wenn sie auf agrarischem Status geblieben wäre. Davon erholt sich eine solche Kultur nicht mehr – sie kann nicht einmal dahin zurück, wo sie hergekommen ist.”
Bleibt die Frage: Standen die südwestdeutschen Kelten im 6. Jahrhundert vor Christus vor den Toren eigener Städte – und damit an der Schwelle zur Hochkultur? Krausse antwortet mit „einem klaren Ja”. Doch warum führte diese Entwicklung nicht zum Ziel? Warum kollabierten die keltischen Gesellschaften? Und wohin gingen die Eliten nach dem Zusammenbruch?
Die erste Frage ist derzeit nicht zu beantworten, die zweite ist mit dem Hinweis auf Klima-Verschlechterungen in Mitteleuropa ab dem 4. Jahrhundert nur ansatzweise geklärt. Die dritte findet für das 4. Jahrhundert eine Antwort in den keltischen „ Kriegs-Wanderungen” nach Südeuropa, auf den Balkan und nach Kleinasien. Für die Zeit des Niedergangs etwa der Heuneburg um 500 vor Christus aber gibt es nur den Hinweis, dass auch in dieser frühen Zeit schon keltische Präsenz in Oberitalien nachzuweisen ist, die auf dauerhafte Ansiedlung der Barbaren im lieblichen Süden deutet.
Die keltische Zivilisation zerfaserte offenbar in die Randgebiete ihrer Herkunft, assimilierte sich und verschwand. Aber warum so abrupt und endgültig? Die Einwohner der Heuneburg ziehen um 500 vor Christus anscheinend geschlossen aus. Manching wird um 50 vor Christus, bevor die Römer kamen, von seinen Bürgern besenrein verlassen. Viele Rätsel um Aufstieg und Fall der Kelten warten noch auf ihre Lösung. ■
Michael Zick, langjähriger bdw-Redakteur, ist den Kelten schon seit geraumer Zeit auf der Spur (siehe bdw 10/1998 „Kelten in Deutschland”).
Michael Zick
COMMUNITY LESEN
Zeitschrift über die rätselhaften Kelten:
DIE KELTEN
Auf den Spuren der Keltenfürsten
Staatsanzeiger-Verlag Baden- Württemberg, Stuttgart 2005, € 7,–
Sabine Rieckhoff, Jörg Biel
DIE KELTEN IN DEUTSCHLAND
Mit Geländedenkmälern von Allensbach bis Zwiefalten
Theiss, Stuttgart 2001, € 64,–
Jörg Biel, Dirk Krausse
Frühkeltische Fürstensitze
Älteste Städte und Herrschaftszentren nördlich der Alpen?
Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern
Esslingen 2005, € 7,–
Thomas F. Klein
WEGE ZU DEN KELTEN
Theiss, Stuttgart 2004, € 24,90
INTERNET
Alle Informationen zum DFG-Schwerpunktprogramm „Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse”:
www.fuerstensitze.de
Kelten für Kinder:
www.blinde-kuh.de/kelten
EVENT
Bis zum 22. Oktober 2006 ist im Keltenmuseum Hochdorf eine Ausstellung über den Ipf zu sehen. Informationen unter:
www.keltenmuseum.de/dt/mus/expo.html
Ohne Titel
Wie konnten aus Habenichtsen plötzlich gefragte Handelspartner und geniale Bauherren werden?
Im 8. Jahrhundert vor Christus, am Beginn der frühen Eisenzeit, sonnte sich der Mittelmeerraum im Glanz der griechischen Kultur. In Italien befanden sich die Etrusker auf ihrem Höhepunkt. Und auch nördlich der Alpen kam es zu einer neuen kulturellen Blüte: der kometenhafte Aufstieg der frühen Kelten begann um 700 vor Christus. 100 Jahre später sorgte das deutlich wärmere Klima für Aufschwung im Ackerbau. Gleichzeitig fielen ausreichend Niederschläge.
Innerhalb von nur wenigen Generationen besiedelten die Kelten Ostösterreich, Südwestdeutschland, Ostfrankreich (Burgund) und die Nordschweiz. Eine Völkerwanderung lässt sich zu dieser Zeit und in dieser Gegend allerdings nicht feststellen, ebenso wenig ein Bruch in der kulturellen Entwicklung. Die Archäologen nehmen an, dass die frühen Kelten aus der späten Hallstattkultur (siehe Karte vorne) hervorgingen.
Eine entscheidende Rolle für den Aufstieg der Kelten spielte der Handel mit Salz. Gewonnen wurde das „weiße Gold” vor allem im Salzkammergut.
Außerdem waren die Kelten äußerst geschickt darin, Eisen zu gewinnen und zu verarbeiten. Das Eisenerz lag ihnen regelrecht zu Füßen: Vor allem Süddeutschland wurde im 7. Jahrhundert vor Christus zu einem Zentrum der Eisenmetallurgie. Gefertigt wurden in erster Linie Schwerter – ein begehrtes und hochbezahltes Handelsgut.
Auch in der Landwirtschaft führte die Eisentechnologie zu einem Innovationsschub: Pflüge aus Eisen steigerten die Erträge und machten Überschüsse möglich.
Frauen an die Macht: Galt das schon bei den frühen Kelten?
Die Kelten waren ein Verbund verschiedener Stämme sowie kleiner und kleinster Clans. Innerhalb dieser Verbände hatte in der Regel eine Familie das Sagen, an ihrer Spitze thronte der Keltenfürst. In welcher Beziehung die einzelnen Keltenfürsten zueinander standen, ist unbekannt: Sie könnten dicke Verbündete, neidische Konkurrenten oder weitläufige Verwandte gewesen sein.
Zumindest in einem Fall sind die Blutbande nachweisbar. Paläogenetische Untersuchungen an zwölf Individuen im Umfeld des keltischen Fürstensitzes Hohenasperg nahe Ludwigsburg zeigten, dass der Keltenfürst im nahe gelegenen Grafenbühl und jener im 13 Kilometer entfernten Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf eine identische mitochondriale DNA besitzen. Diese Erbinformation wird nur über die mütterliche Linie vererbt. Das heißt: Die beiden Burgherren waren Onkel und Neffe. Bei den Kelten hatten zwar nicht die Frauen das Sagen, die Macht aber wurde über die weibliche Linie vererbt. Auch der römische Geschichtsschreiber Livius berichtet über die matrilineare Erbfolge der Kelten.
Wie demonstrierten die Keltenfürsten ihre Macht – im Diesseits und im Jenseits?
Ein prachtvolles Phänomen der frühkeltischen Zeit waren die Fürstengräber – mächtige Hügel, unter denen sich eine offenbar schwerreiche Elite mit allem erdenklichen Luxus bestatten ließ. Den Toten wurden Statussymbole wie Waffen und Wagen mit ins Grab gelegt. Der Tod galt als Übergang in eine andere Welt.
Die Grabfunde besagen aber nicht nur etwas über die Vorstellungen des Jenseits, sondern auch über die Freuden des Diesseits. Sie zeigen, dass die Kelten Handel mit dem Mittelmeerraum trieben und sich Wein und Feigen kommen ließen, Amphoren und sündhaft teure Trinkgefäße sowie exotische Tiere wie Hühner, die es bis dato nördlich der Alpen nicht gegeben hatte.
Nicht weniger spektakulär als die Totensitze waren die irdischen Wohnungen der Kelten: befestigte Höhensiedlungen, auch Fürstensitze genannt. Rund zwei Dutzend solcher Anlagen sind im Kernland der Kelten bekannt – etwa die Heuneburg an der oberen Donau, Hohenasperg im Raum Stuttgart und der Mont Lassois in Burgund.
Die Heuneburg gilt als der bedeutendste und reichste Umschlagplatz des so genannten Westhallstadtkreises. Sie war in ein weit reichendes Handelsnetz eingebunden, das sich vor allem Richtung Süden bis nach Massilia (dem heutigen Marseille) und Oberitalien (damals griechischem und etruskischem Gebiet) zog.
Eine ihrer Siedlungsphasen sticht besonders hervor: In der 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Christus wurden die Straßen schnurgerade angelegt, als hätte ein amerikanischer Städteplaner sie auf dem Reißbrett entworfen. Umgeben waren sie von Häusern, die auffällig einheitlich groß waren. Statt wie bislang eine Holzkasten-Mauer – ein Rahmenwerk, das mit Erde und Steinen gefüllt wurde –, die alle 20 Jahre mühsam renoviert werden musste, wurde rund um den zentralen Teil der Siedlung eine Lehmziegelmauer hochgezogen, wie es sie sonst nur im Mittelmeerraum gab. Ob der Architekt der Lehmziegelmauer sich das Wissen im Süden angeeignet oder der Fürst einen ausländischen Baumeister angeheuert hatte, wissen die Archäologen nicht. Für die Menschen nördlich der Alpen war diese Mauer auf jeden Fall eine Sensation – und zeugte von der Macht des Fürsten. Einem solchen Mann schloss man sich gerne an. Im Umfeld des „ Schwäbischen Troja” – wie die Heuneburg von den Archäologen genannt wird – siedelten sich im 6. Jahrhundert vor Christus zwischen 1000 und 2000 Menschen an: Bauern, Töpfer, Eisenschmiede.
Es gab nicht nur Fürstensitze: Wie lebte der keltische Pöbel?
Noch immer zeigen sich die frühen Kelten vor allem im Spiegel der Grabfunde, deutlich spärlicher ist die Zahl der erforschten Siedlungen. Und doch gibt es interessante Erkenntnisse – etwa aus Eberdingen-Hochdorf nahe Ludwigsburg. Im 5. Jahrhundert vor Christus bestand der keltische Weiler aus fünf bis sieben Höfen, die völlig autark wirtschafteten. Fachwerkhäuser von sieben bis zehn Meter Länge boten Platz für sechs bis acht Personen.
Man besaß niedrige Tische und schlief neben dem Herd. Weil die Kelten in Holz und Lehm bauten, war es in den Häusern ungemütlich kalt. Schornsteine und Rauchabzüge gab es nicht, die Familie saß am offenen Feuer, während der beißende Rauch durch den Wohnraum zog.
Neben den Wohnhäusern gab es Scheunen und Speicher für Gerste, Emmer, Einkorn, Weizen, Hirse und Dinkel. In Grubenhäusern wurde gewebt.
Die Ställe für Schweine, Ziegen, Schafe, Rinder und Pferde waren bis zu 25 Meter lang. Neben Nutztieren und Wild stand offenbar auch Hund ab und an auf dem Speisezettel. Weinbau war den Kelten unbekannt, sie brauten Bier und Met.
Die Kelten waren recht groß: durchschnittlich 1,69 Meter die Frauen und 1,72 Meter die Männer – was auf eine gute Ernährung und eine gesunde Lebensweise hindeutet.
Die antiken griechischen und römischen Schriftsteller indes lassen kein gutes Haar an den angeblich „fürchterlichen Barbaren” mit den wirren Bärten, die saufend und kriegslüstern durch die Lande zogen, sich bevorzugt nackt mit kalkgestärkter Stachelmähne ihren Feinden entgegen warfen und die Köpfe ihrer Gegner als Trophäen an die Hälse ihrer Rosse hängten, wie sie verbreiteten. Aristoteles überlieferte, dass Dicksein bei den Kelten unter Strafe stand. Auffallend waren die bunt karierten Hosen – so was kannte man im Land der Toga nicht.
Wann kam das Aus für die frühen Kelten?
Um 500 vor Christus standen die frühen Kelten an der Schwelle zur Hochkultur und im Zenit ihrer Macht. 100 Jahre später schienen die Götter ihren Blick abzuwenden. Innerhalb von nur 50 Jahren wurden die Fürstensitze Heuneburg, Hohenasperg und Mont Lassois aufgegeben. Das Klima war kühl geworden, die Erträge sanken. Die Kelten verließen ihre Heimat, überrannten auf ihrem Weg gen Süden die Etrusker und zwangen Rom in die Knie. Zu Hause eroberte der Wald das Territorium zurück. Doch dieses Ende sollte nur ein kurzes Atemholen vor der wahren Blüte der Kelten sein – der Latènezeit. Aber das ist eine andere Geschichte. Dina Stahn
Ohne Titel
• Bisher standen vor allem die prunkvollen Fürstensitze und Fürstengräber der Kelten im Visier der Forscher.
• Jetzt machen sie sich daran, auch das Umfeld der Siedlungen zu untersuchen.
• Die ersten Funde deuten darauf hin, dass die Kelten bereits im 6. Jahrhundert vor Christus Städte und Herrscherdynastien besaßen.





