Feuer kann verheerend und zerstörerisch sein, aber in gezähmter Form auch wärmend und Schutz bietend. Schon vor mehr als einer Million Jahre nutzten unsere Vorfahren in Afrika wahrscheinlich natürliches Feuer, das beispielsweise durch Blitzeinschläge entstanden war. „Die Nutzung des Feuers entwickelte sich über einen Zeitraum von einer Million Jahren, wobei man zunächst natürliches Feuer nutzte, dann lernte, es zu unterhalten und schließlich, es selbst zu entfachen“, erklärt ein Team um Rob Davis vom British Museum in London. „Es ist jedoch schwierig zu bestimmen, wann und wie sich die Nutzung des Feuers entwickelt hat, da natürliche und vom Menschen entfachte Brände schwer zu unterscheiden sind.“ Die bislang ältesten Belege dafür, dass unsere Vorfahren absichtlich Feuer entzündeten, stammten aus einer 50.000 Jahre alten Neandertaler-Fundstätte in Nordfrankreich.

Feuerstelle der frühen Neandertaler
Doch nun sind Davis und seine Kollegen auf wesentlich ältere Spuren gestoßen, die deutlich auf frühmenschliche Feuererzeugung hinweisen: In einer altsteinzeitlichen Fundstätte in Barnham in Suffolk haben sie eine Feuerstelle gefunden, an der das erhitzte Sediment darauf hindeutet, dass hier immer wieder Feuer gepflegt wurden. Durch Hitze zerbrochene Faustkeile aus Feuerstein sowie zwei Stückchen Eisenpyrit, das wahrscheinlich zum Funken schlagen benutzt wurde, untermauern die Vermutung, dass die Frühmenschen hier gezielt Feuer entfacht haben, statt nur natürlich entstandene Feuer zu nutzen.
Geochemische Analysen des rund 415.000 Jahre alten Sediments belegten, dass die Temperaturen an einer festgelegten Stelle wiederholt bis zu 750 Grad Celsius erreichten. In der direkten Umgebung wies der Boden dagegen keine hitzebedingten Veränderungen auf. „Das unterstützt die Interpretation, dass es sich um eine räumlich begrenzte Feuerstelle handelte und die Bodenveränderungen nicht etwa durch Waldbrände entstanden“, erklärt das Forschungsteam. Einen weiteren wichtigen Hinweis liefern die beiden Stückchen Eisenpyrit. Dabei handelt es sich um ein Mineral, mit dem sich leicht Funken aus Feuerstein schlagen lassen und das in späteren Perioden nachweislich zum Feuermachen eingesetzt wurde. „Geologische Untersuchungen zeigen, dass Pyrit in der Fundregion selten vorkommt, was darauf hindeutet, dass es absichtlich zum Feuermachen an diesen Ort gebracht wurde“, berichten Davis und seine Kollegen.
Zündfunke der Entwicklung
Aus Sicht der Forschenden legen die Funde aus Barnham nahe, dass schon die damaligen Frühmenschen, wahrscheinlich frühe Neandertaler, die Eigenschaften von Pyrit verstanden und ausnutzten – ein überaus komplexes Verhalten. „Die Fähigkeit, Feuer zu erzeugen und zu kontrollieren, ist einer der wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte der Menschheit mit praktischen und sozialen Vorteilen, die die menschliche Evolution verändert haben“, sagt Davis. „Diese außergewöhnliche Entdeckung verschiebt diesen Wendepunkt um etwa 350.000 Jahre in die Vergangenheit.“
Damit fällt die gezielte Verwendung von Feuer in eine Zeit, in der die Gehirngröße unserer Vorfahren rapide zunahm und sich dem heutigen Niveau annäherte. Das Feuer könnte daran einen entscheidenden Anteil gehabt haben. Denn sobald die Frühmenschen Feuer verlässlich selbst entfachen konnten statt auf unvorhersehbare Blitzeinschläge zu warten, konnten sie neue, kältere Gebiete besiedeln und durch das Kochen von Mahlzeiten neue Nahrungsquellen erschließen und Nährstoffe besser verdaubar machen.
„Diese Verbesserungen in der Ernährung könnten zu einer Vergrößerung des Gehirns, einer Steigerung der kognitiven Fähigkeiten und der Entwicklung komplexerer sozialer Beziehungen beigetragen haben“, so das Forschungsteam. „Darüber hinaus war der kontrollierte Einsatz von Feuer entscheidend für die Weiterentwicklung anderer Technologien, wie beispielsweise die Herstellung von Klebstoffen für die Herstellung von Werkzeugen.“ Als sozialer Treffpunkt könnte das Lagerfeuer zudem die Entwicklung der Sprache vorangetrieben und die Kooperation innerhalb der Gruppe gefördert haben.
Quelle: Rob Davis (British Museum, London, UK) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-025-09855-6





