Aus Fossilienfunden ist schon länger bekannt, dass die Evolution des Menschen nicht geradlinig und linear verlaufen ist. Stattdessen entwickelten sich im Laufe der Zeit viele verschiedene Homininen-Arten, von denen einige zu unseren Vorfahren wurden, andere jedoch ohne Nachfahren ausstarben. Knochenfunde legen nahe, dass einige dieser Arten wahrscheinlich gleichzeitig in den “Wiegen der Menschheit” in Ost- und Südafrika lebten. “Allerdings verteilen sich die Fundstätten solcher Homininenfossilien oft über hunderte bis tausende Quadratkilometer und Zeiträume von tausenden bis zehntausenden von Jahren”, erklären Kevin Hatala von der Chatham University in Pittsburgh und seine Kollegen. Dadurch reicht die räumlich-zeitliche Auflösung nicht aus, um sagen zu können, ob zwei Arten wirklich zusammen in einem Gebiet vorkamen.
Eine durchgehende Spur und mehrere Einzelabdrücke
Mehr Aufschluss liefern nun Fußspuren in der berühmten Fossilfundstätte von Koobi Fora am Turkanasee in Kenia. Dort wurden seit der Entdeckung dieser Stätte durch den Paläoanthropologen Richard Leakey im Jahr 1969 schon mehr als 10.000 Fossilien verschiedener Vor- und Frühmenschenarten sowie Steinwerkzeuge und Tierknochen zutage gefördert. Die Homininen-Knochen stammen sowohl von Vormenschen wie dem vor rund 2,3 bis 1,4 Millionen Jahren lebenden Paranthropus boisei, als auch von Frühmenschen der Gattung Homo wie dem Homo ergaster, dem Homo rudolfensis und dem Homo erectus. 2007 wurden zudem ganz in der Nähe versteinerte Fußspuren des Homo erectus entdeckt, die dessen schon fortgeschrittene Fußanatomie und Fähigkeiten zum zweibeinigen Gang belegen.
Jetzt sind weitere Fußabdrücke hinzugekommen: Sie wurden im Jahr 2021 von einem Team unter Leitung von Louise Leakey von der Stony Brook University entdeckt und im Sommer 2022 freigelegt. Bei den Fußabdrücken handelt es sich um eine durchgehende Spur einer Person sowie um mehrere einzelne Abdrücke, die von drei weiteren Personen zu stammen scheinen. In der gleichen Schicht sind zudem die Abdrücke verschiedener Tiere, darunter vor allem von urzeitlichen Marabus zu erkennen, wie das Team berichtet. Sie datieren die Abdrücke auf ein Alter von 1,52 Millionen Jahren. “Fossile Fußabdrücke sind spannend, weil sie Schnappschüsse darstellen, die Einblicke in das Leben unserer fossilen Verwandten geben”, sagt Hatala. “An solchen Daten können wir sehen, wie sich Individuen vor Millionen Jahren durch ihre Umwelt bewegten und dabei miteinander oder mit anderen Tieren interagierten. Das ist etwas, das uns Knochen oder Steinwerkzeuge nicht liefern können.”






