Ihr Name war Programm: “Wikinger” leitet sich vom skandinavischen Begriff für Pirat ab und beschreibt relativ gut das gängige Bild, das viele Menschen von den “Nordmännern” haben: Blonde, schwer bewaffnete Hünen, die per Schiff anlandeten und die Küstenbewohner ausraubten. Doch in Wirklichkeit war die Wikingerkultur weit mehr als das: In der Zeit von etwa 800 bis 1050 umfasste sie Siedlungen, Handelszentren und weitreichende Handelsrouten, die sich über ganz Europa und bis nach Grönland und sogar Nordamerika erstreckten. “Die Wikinger exportierten Ideen, Technologien, Sprache, Religion und Alltagspraktiken in diese Regionen, entwickelten neue sozio-politische Strukturen und assimilierten ihrerseits kulturelle Einflüsse”, erklärt das internationale Forscherteam unter Leitung von Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen. ‘”Die Wikinger-Ära hat die politische, kulturelle und demografische Karte Europas auf eine Weise verändert, die bis heute erkennbar ist.”
Weniger einheitlich als gedacht
Doch die genetische Basis der Wikingerkultur war bislang nur in Ausschnitten bekannt. Zwar gelten sie landläufig als Skandinavier, ob sich dies aber auch in ihrem Erbgut und ihrer Abstammung widerspiegelte und welche regionalen Unterschiede es gab, ließ sich nicht feststellen. Deshalb haben Willerslev und sein Team nun die Genome von 442 Männern, Frauen und Kindern aus Wikingergräbern von Russland bis Grönland und vom Norden Skandinaviens bis in die Ukraine isoliert und analysiert. Zusätzlich zogen die Forscher Vergleichsproben aus verschiedenen europäischen Populationen von der Bronzezeit bis heute hinzu. “Die Wikingergenome ermöglichen es uns, zu entschlüsseln, wie sich die genetische Selektion vor, während und nach den Wikingerzügen durch Europa entfaltet hat”, erklärt Willerslevs Kollege Fernando Racimo. “Gleichzeitig können wir damit auch ermitteln, wie die Wikinger damals aussahen, und sie mit den heutigen Skandinaviern vergleichen.”
Die DNA-Analysen ergaben, dass die Wikinger genetisch gesehen weit weniger einheitlich waren als landläufig angenommen. “Wir haben genetische Unterschiede selbst zwischen verschiedenen Wikinger-Populationen innerhalb Skandinaviens gefunden”, berichtet Willerslev. “Das zeigt, dass die Wikingergruppen in dieser Region isolierter waren als zuvor angenommen.” An den Gendaten ist auch ablesbar, dass beispielsweise die Bewohner des südwestlichen Teils von Schweden damals den Dänen ähnlicher waren als den Menschen in anderen Teilen Schwedens. Die Forscher gehen davon aus, dass dort geografische Hindernisse wie Gebirge den Austausch erschwerten, während der Seeweg gerade an den Küsten den Kontakt auch zwischen Skandinavien und den Nachbarregionen erleichterte.





