Die Epoche vor dem Ersten Weltkrieg, als Alfred Nobel seinen Preis stiftete, war die „Zeit des Nationalismus”, und deshalb hatte der Stifter im Testament seinen „ausdrücklichen Willen” erklärt, „dass bei der Preisverleihung keine Rücksicht auf die Zugehörigkeit zu irgendeiner Nation genommen wird, so dass der Würdigste den Preis erhält”. Hat tatsächlich immer „der Würdigste” den Preis erhalten? Gelegentlich drangen Gerüchte über Meinungsverschiedenheiten im Nobelkomitee und in der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften an die Öffentlichkeit. Genaueres konnte man nicht erfahren. In den Statuten war festgelegt, dass die Erörterungen über die Preisvergabe vertraulich zu behandeln sind. Heute können Historiker Einsicht in die Vorgänge nehmen, die länger als 50 Jahre zurückliegen – eine Änderung der Satzung machte es möglich. Wer also hat Planck und Einstein für die hohe Auszeichnung vorgeschlagen? Und wie wurden diese Vorschläge aufgenommen? Planck war Professor für Theoretische Physik an der Universität Berlin. Seit 1894 beschäftigte er sich mit der – damals im Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses stehenden – Wärmestrahlung und entdeckte eine neue Naturkonstante, die wir heute das Planck’sche Wirkungsquantum nennen. Am 19. Oktober 1900 stellte er der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) das – bald als richtig bestätigte – „Planck’sche Strahlungsgesetz” vor. Es gibt an, wie sich bei der von erhitzten Körpern abgegebenen Wärmestrahlung die Energie über die Frequenzen verteilt. Die nächste Aufgabe war, das neue Gesetz aus den Prinzipien der Physik abzuleiten. Am 14. Dezember 1900 präsentierte Planck, wieder bei einer Sitzung der DPG, die Begründung des Strahlungsgesetzes. Dieser Tag gilt heute als der „Geburtstag der Quantentheorie”. Von den Kollegen wurde das Strahlungsgesetz als eine „hervorragende Errungenschaft der neueren Physik” gewürdigt, die verdiene, „zur Grundlage einer Preiserteilung genommen zu werden”. Der Stockholmer Physiker Vilhelm Bjerknes und dessen Grazer Kollege Anton Wassmuth schlugen 1907 Planck für den Nobelpreis vor. „Planck war es”, schrieb Wassmuth, „der auf neuem, einwurfsfreiem Wege zu dem durch die Versuche vollständig bestätigten Strahlungsgesetze gelangte.” Wie viele andere hatte also auch der Grazer Physiker den Witz nicht verstanden. „ Einwurfsfrei” war die Herleitung des Strahlungsgesetzes gerade nicht. Vielmehr hatte Planck den ersten Schritt weg von der klassischen Physik und hin zur Quantentheorie vollzogen. Im folgenden Jahr plädierte der schwedische Mathematiker Ivar Fredholm für einen geteilten Preis an Max Planck und Wilhelm Wien. Auch Wien hatte sich, schon vor Planck, ausführlich mit dem Problem der Strahlung beschäftigt, sein Strahlungsgesetz war der Vorläufer des Planck’schen. In diesem Jahr 1908 befasste sich das Nobelkomitee mit den drei Kandidaten Wilhelm Wien, Max Planck und Gabriel Lippmann. Der französische Physiker Lippmann hatte ein Verfahren zur Farbfotografie entwickelt. Das fünfköpfige Nobelkomitee votierte für einen ungeteilten Preis an Max Planck. Der Vorschlag überwand auch die nächste Hürde der Preisfindungsgremien, die mathematisch-physikalische Klasse der Akademie. Die Gesamtakademie, als letzte Instanz, brachte jedoch den Vorschlag zu Fall. Für Planck stimmten 13, für Lippmann 46 Mitglieder. Bei dieser Entscheidung spielten die beiden schwedischen Mathematiker Magnus Gustaf Mittag-Leffler und Ivar Fredholm die entscheidende Rolle. Sie argumentierten, dass Planck seine Ableitung des Strahlungsgesetzes auf die dubiose Hypothese der elementaren Energiequanten gegründet habe. Es sei klüger, mit dem endgültigen Urteil abzuwarten. 1911 erhielt Wilhelm Wien den ungeteilten Preis für Physik, was noch einmal das Unbehagen der Stockholmer Akademiker an Plancks Überlegungen unterstreicht. Sie begriffen nicht, dass eine revolutionäre neue Theorie unmöglich logisch aus der alten gefolgert werden kann. Die Akademie in Stockholm blieb noch lange skeptisch. Dann aber erhielt Plancks Schüler und Freund Max von Laue den Nobelpreis und war nun berechtigt, Vorschläge für die Preiserteilung zu machen. Nachdem die Quantentheorie durch das Atommodell von Niels Bohr (1913) weite Anerkennung gefunden hatte, argumentierte Laue, „dass unmöglich ein Nobelpreis für eine Leistung auf dem Gebiet der Quantentheorie verliehen werden kann, bevor Planck ihn erhalten hat”. Tatsächlich bekam Planck den Physik-Nobelpreis – rückwirkend für das Jahr 1918 – zugesprochen. Ähnlich zögernd verhielt sich die Akademie im Fall Einstein. Mit seiner Speziellen Relativitätstheorie von 1905 hatte er in Deutschland überraschend schnell Anerkennung gefunden. Als Planck 1909 Vorträge an der Columbia University in New York hielt, pries er die Theorie als „kopernikanische Tat”. Zum ersten Male vorgeschlagen wurde Einstein am 2. Oktober 1909 vom Leipziger Physiko-Chemiker Wilhelm Ostwald. Das Einstein’sche Relativitätsprinzip sei das wichtigste neue Konzept in den Naturwissenschaften seit dem Gesetz der Energieerhaltung. Ostwald war ein fanatischer Positivist. Diese Erkenntnislehre verlangt, dass man sich nur auf nachprüfbare Fakten stützt. Fiktionen müssten aus der Wissenschaft entfernt werden. Einstein hatte die Vorstellung von der Gleichzeitigkeit von Ereignissen – zum Beispiel von zwei Blitzeinschlägen, die an verschiedenen Orten stattfinden – als solche Fiktion nachgewiesen, und war dadurch unmittelbar zu seiner Theorie gelangt. Dieser Erfolg des Positivismus veranlasste Ostwald, seinen Vorschlag noch zwei Mal in den folgenden Jahren zu wiederholen. Nun nominierten auch andere Gelehrte Einstein, darunter Wilhelm Wien – alle für die Spezielle Relativitätstheorie. Das Nobelkomitee zog sich auf die Feststellung zurück, dass die experimentelle Bestätigung noch ausstehe. Das war ein schwaches Argument: Seit der Analyse der inneren (gruppentheoretischen) Struktur der Speziellen Relativitätstheorie durch den Göttinger Mathematiker Hermann Minkowski mit der Einführung der Zeit als vierter Raumdimension im Jahre 1908 waren die Kenner von der Richtigkeit der Theorie überzeugt. Von 1910 an fanden auch Einsteins Arbeiten zum Quantenkonzept Anerkennung bei den Kollegen, 1915 kam die Allgemeine Relativitätstheorie hinzu. Entsprechende Nominierungen gingen nach Stockholm. 1921 wurde Einstein vom schwedischen Physiker Carl Wilhelm Oseen für die Erklärung des photoelektrischen Effekts vorgeschlagen. Inzwischen hatte der Amerikaner Robert Andrews Millikan auch die Einstein’sche Beziehung zwischen der Frequenz (oder Farbe) des einfallenden Lichts und der Energie der ausgelösten Elektronen experimentell bestätigt. In diesem Jahr 1921 beauftragte das Nobelkomitee ein Mitglied, sich genauer mit der Allgemeinen Relativitätstheorie zu beschäftigen und ein anderes, sich mit dem photoelektrischen Effekt auseinander zu setzen. Beide Voten waren ungünstig: Der Gutachter über die Relativitätstheorie, Allvar Güllstrand, ein Professor für Augenheilkunde und Nobelpreisträger der Medizin, war mit der Aufgabe überfordert. Bei dem Komitee-Kollegen, der über den Photoeffekt urteilen sollte, handelte es sich um den Physiko-Chemiker Svante Arrhenius. Nach seiner Meinung sollten nicht theoretische, sondern experimentelle Arbeiten über den Photoeffekt ausgezeichnet werden. Ein Jahr später, also 1922, wiederholte Oseen seinen Vorschlag: Verleihung an Einstein für die Erklärung des Photoeffektes. Auch andere benannten Einstein, unter anderen Max von Laue, Emil Warburg, Max Planck und Arnold Sommerfeld. Einen eindringlichen Appell richtete Marcel Brillouin, Professor am Collège de France, an das Komitee: „ Stellen Sie sich einen Augenblick vor, was man in 50 Jahren denken wird, wenn der Name Einstein in der Liste der Nobelpreisträger fehlt.” Damit gerieten Nobelkomitee und Akademie unter Druck. Doch es gab unter den Mitgliedern niemanden, der ein sachgemäßes Urteil über die beiden Relativitätstheorien hätte abgeben können. Die Entscheidung fiel im November 1922: Einstein erhielt den Nobelpreis rückwirkend für 1921. Ausgezeichnet wurden „seine verdienstvollen mathematisch-physikalischen Untersuchungen” , insbesondere seine „Entdeckung des photoelektrischen Gesetzes”. Ausschlaggebend war die experimentelle Bestätigung. Unter jungen theoretischen Physikern hat dies viel Spott provoziert. Sicher verdiente auch Einsteins Erklärung des Photoeffekts einen Nobelpreis. Aus heutiger Sicht ist allerdings zu bemängeln, dass die entscheidende Idee des Jahrhundertgenies, die Lichtquantenhypothese, nicht explizit erwähnt wurde. Mit ihr führte Einstein die Dualität in die Physik ein: Je nach den Bedingungen zeigt sich das Licht als Welle oder als Korpuskel, was die Physiker später „unter allen erstaunlichen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts die erstaunlichste” genannt haben.
Armin Hermann





