Die burgundischen Weinberge des Mâconnais liegen 50 Kilometer im Osten, die viel besuchten Auvergne-Vulkane Puy de Dôme und Puy de Sancy ebenso weit im Südwesten. Dazwischen, im touristischen Schlagschatten, dümpelt Châtelperron im trägen Fluss der Zeit.
Die Landflucht hat dem Dörfchen 137 Einwohner gelassen. Man leistet sich noch einen Bürgermeister, aber das ist alles an Luxus. Ein Fremdenverkehrsamt einzurichten, hätte sich nicht gelohnt: Hier findet kaum einer hin, hier ist „France profonde” – tiefste französische Provinz. Und doch steht der Name dieses Nests für eine Sensation.
Nach 1951 ergrabenen, rund 35 000 Jahre alten Funden von Feuersteinwerkzeugen in der nahe gelegenen Grotte des Fées erhielt die steinzeitliche Kultur des „Châtelperronien” ihren Namen. Sie hat seitdem Generationen von Archäologen und Anthropologen zum Kopfschütteln gebracht. Denn die inzwischen weit über 100 Fundplätze in Frankreich und Nordspanien, aus dem Zeitraum zwischen 38 000 und 30 000 Jahren vor heute, sind ein kultureller Mix: stets ein Anteil an althergebrachtem Moustérien-Werkzeug plus einem Anteil an fortschrittlichem Gerät des Jungpaläolithikums.
Das Moustérien war in Europa, beginnend etwa 125 000 Jahre vor heute, eine von den klassischen Neandertalern getragene Feuerstein-Werkzeugkultur. Sie gewannen Abschläge von geplanter Struktur und Größe aus zuvor aufwendig vorbereiteten „Kernsteinen” . Aus den scharfkantigen Abschlägen schufen die Neandertaler ihre Gerätschaften des Alltags.
Mit der Kultur des Aurignacien hingegen, die etwa 33 000 Jahre vor heute ihren Höhepunkt erreichte, begann das so genannte Jungpaläolithikum. Zu gleicher Zeit wie das Auftreten des anatomisch modernen Menschen in Europa hielt ein neues Produktionsverfahren Einzug: Auf materialsparende Weise wurden längliche, schmale Klingen erzeugt, die ein deutlich erweitertes Spektrum an neuen und normierten Geräten zuließen. Die Werkstoffbasis umfasste jetzt neben Feuerstein regelmäßig auch Knochen, Geweih und Elfenbein.
So schien für die Forscher lange Zeit alles wundervoll aufgeräumt im steinzeitlichen Alteuropa: Stieß ein Ausgräber auf Moustérien-Werkzeug, schloss er automatisch auf eine Neandertaler-Fundstätte. Traten im Boden feine, schmale Klingen der fortschrittlicheren Werkzeugkultur zutage, berechtigte ihn das zu dem Schluss: Hier haben anatomisch moderne Menschen gewirkt, aus der Aurignacien-Kultur oder einer der zeitlich folgenden Kulturen – höher stehend und weiter entwickelt als die der Neandertaler.
Aber was war los an den Châtelperronien-Fundstellen mit dieser merkwürdigen Mischung aus Alt und Neu? Vielleicht waren dort frühe anatomisch Moderne noch nicht ganz am Höhepunkt ihrer Entwicklung angelangt, vermuteten zunächst die Archäologen.
Diese These erhielt einen ersten Dämpfer, als zwischen 1949 und 1963 die Archäologen André und Arlette Leroi-Gourhan in der Grotte du Renne (Rentier-Höhle) bei Arcy-sur-Cure in Nordburgund gruben. In einer etwa 34 000 Jahre alten Sedimentschicht fanden sie typische Châtelperronien-Werkzeuge – dazu Schmuck aus durchbohrten Knochenstücken und Tierzähnen.
Kulturelle Höherentwicklung mit all ihren Facetten, inklusive der Kunst, trauten die Wissenschaftler damals – und viele noch heute – nur dem anatomisch modernen Menschen zu. Da der nach dem Stand des Wissens bereits seit etwa 40 000 Jahren vor heute nach Europa einwanderte, konnte das zeitlich hinkommen. Doch dann stießen die Ausgräber in derselben Schicht auf ein Schädelbruchstück eines Neandertalers und einige Neandertaler-Zähne.
Das ließ sich als skurriler Einzelfall abtun – EIN Fund ist KEIN Fund. Doch Dämpfer Nummer zwei folgte 1979: Im westfranzösischen Saint-Césaire entdeckte der Archäologe François Leveque in einer Châtelperronien-Fundschicht ein 36 000 Jahre altes Neandertaler-Skelett. Bei dem Bestatteten lag wiederum Schmuck, diesmal aus durchbohrten Muschelschalen.
Fortschrittliches Steingerät und Schmuck – und dazu Neandertaler-Fossilien? Wie unpassend. Man zuckte die Schultern und wechselte das Thema. Doch heute hat sich der Blick auf den Neandertaler deutlich gewandelt: Das Bild vom tumben Tiermenschen, dem man zwar Jagdgeschick und Überlebenskraft im eiszeitlichen Europa zutraute, aber keine höheren geistigen Fähigkeiten, gehört der Vergangenheit an.
„Selbstverständlich war das Châtelperronien eine Neandertaler-Kultur”, bekräftigt der Archäologe Ralf W. Schmitz vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen. Und die sei nicht plötzlich vom Himmel gefallen: „Die Neandertaler stellten schon seit 100 000 Jahren immer wieder vereinzelt progressives Gerät aus Feuerstein her, sogar aus Knochen.” Er verweist als Beispiel auf eine knöcherne Speerspitze aus der Großen Grotte bei Blaubeuren: Sie ist auf 60 000 Jahre datiert, und zu jener Zeit lebten ausschließlich Neandertaler in Europa.
Doch was brachte einige regionale Gruppen dieser Menschenart vor 38 000 bis 32 000 Jahren dazu, ihr zuvor nur gelegentlich aufblitzendes Potenzial an kultureller Modernität in voller Breite aufblühen zu lassen? Die Spekulationen um das Entstehen des Châtelperronien sind vielfältig.
Hypothese Nummer eins: Neandertaler hatten bei Kontakten mit den eingewanderten anatomisch modernen Menschen deren bessere Werkzeuge und Schmuck bestaunt und imitierten an den eigenen Siedlungsplätzen das Gesehene. Diese Imitation hätte sogar ohne Kontakte zwischen den beiden Menschenarten stattfinden können: wenn Neandertaler während eines Jagdzugs auf ein verlassenes Lager der anatomisch Modernen mit deren Hinterlassenschaften gestoßen wären. Schmitz will die Imitations-Hypothese nicht ausschließen: „Möglicherweise war das Châtelperronien tatsächlich vom anatomisch modernen Menschen beeinflusst.”
Anders sieht das Andreas Pastoors. Der Archäologe am Neanderthal Museum in Mettmann bei Düsseldorf argumentiert: „ Bislang hat man in West- und Südwestfrankreich keinerlei Skelette von anatomisch modernen Menschen gefunden, die älter waren als zirka 33 000 Jahre. Das Châtelperronien begann dort aber bereits vor 38 000 Jahren. Wie sollten diese Neandertaler etwas von anatomisch Modernen abgeschaut haben, wenn die erst Jahrtausende später dort aufgetaucht sind?”
Hypothese Nummer zwei: Anatomisch moderne Handlungs- reisende aus der Schmuck- und Klingenbranche versorgten die Neandertaler mit den neuesten Kreationen. In jüngerer Vergangenheit haben Handel treibende weiße Geschäftemacher in Nordamerika entlegene Indianerstämme besucht und dort edle Felle gegen Glasperlenschmuck, Kochtöpfe und stählerne Messer getauscht. Aus der Jungsteinzeit vor zirka 6000 Jahren ist Feuerstein-Fernhandel quer durch Europa zweifelsfrei belegt. Gab es das schon 30 000 Jahre früher? Nichts spricht dafür, nichts dagegen.
Hypothese Nummer drei: Einzelne anatomisch Moderne lebten an den Châtelperronien-Wohnplätzen, weckten das Interesse der Neandertaler für besseres Werkzeug und Schmuck und unterwiesen sie in der Herstellung. Das könnten von ihren heimatlichen Clans Verstoßene gewesen sein oder isolierte Überlebende nach Hungerwintern. Gab es gar gemischte Gruppen aus beiden Menschenarten?
„Mischkulturen schließe ich aus”, lehnt Ralf W. Schmitz derlei Spekulationen rigoros ab. „Neandertaler und anatomisch moderne Menschen haben sich als unterschiedliche Gruppen verstanden und gegeneinander abgegrenzt. Es gab keine Lagerfeuer, an denen beide Menschenarten plaudernd zusammengesessen hätten.”
In Schmitz’ Verständnis war Europa vor 35 000 Jahren ein Mosaik aus getrennt lebenden Gruppen mit zweierlei Anatomien und Kulturen. „Vielleicht tauschte man mal etwas oder man stahl es, oder man raubte ein Mädchen, wie das in Nordamerika zwischen weißen Siedlern und Indianern geschah.” Aber es gab kein Miteinander, wehrt der Wissenschaftler aus seiner Kenntnis der Fundlage ab.
Schließlich Hypothese Nummer vier: Die Neandertaler des Châtelperronien waren innovativ genug, um den Übergang in die kulturelle Moderne aus eigener Kraft zu schaffen – eine Version, die Pastoors für die wahrscheinlichste hält. „Bis etwa 32 000 vor heute ist eine starke Regionalität in ganz Europa zu beobachten. Ich glaube, das Châtelperronien war eine eigenständige Entwicklung vor Ort, ohne dass die Neandertaler dazu den Kontakt zu anatomisch modernen Einwanderern überhaupt gebraucht hätten.”
Und dann wagt der Archäologe Andreas Pastoors den doppelten Salto vorwärts in gedankliches Neuland: „Ist wirklich so klar, wer hier von wem gelernt hat? Womöglich haben sich die anatomisch Modernen, die nach Europa einwanderten, ins gemachte Bett gelegt – nämlich die kulturellen Ansätze der Châtelperronien-Neandertaler lediglich weiterentwickelt.”
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Thorwald Ewe
COMMUNITY Fernsehen
Das rätselhafte Verschwinden der Neandertaler hat auch die Kollegen vom TV-Wissensmagazin „nano” nicht ruhen lassen. Sie haben in Kooperation mit bild der wissenschaft einen attraktiven Fernsehfilm produziert. Verpassen Sie nicht die Erstausstrahlung in 3Sat am Mittwoch, den 25. Mai, um 18.30 Uhr. Wo in den Tagen danach etliche Wiederholungen in anderen Sendern laufen werden, erfahren Sie im Internet unter der Adresse: www.3sat.de/nano
LESEN
Das beste „Alles-über”-Buch rund um den Neandertaler:
Bärbel Auffermann, Jörg Orschiedt
DIE NEANDERTALER
Eine Spurensuche
Theiss, Stuttgart 2002, € 26,–
Ein schöner Bildband zu erschwinglichem Preis:
Ian Tattersall
NEANDERTALER
Der Streit um unsere Ahnen
Birkhäuser, Basel 1999, € 19,–
Gute, knappe Darstellung des aktuellen Wissensstandes:
Michael Bolus
WER WAR DER NEANDERTALER?
In: Nicholas J. Conard (Hrsg.)
WOHER KOMMT DER MENSCH?
Attempto Verlag, Tübingen 2004, € 39,90
Geschichte der Neandertaler-Forschung, Wiederentdeckung der Kleinen Feldhofer Grotte:
Ralf W. Schmitz, Jürgen Thissen
NEANDERTAL
Die Geschichte geht weiter
Spektrum Akademischer Verlag
Berlin 2002, € 15,–
Ergebnisbericht des Stage-3-Projekts – ein Fachbuch:
Tjeerd H. van Andel (Hrsg.)
NEANDERTHALS AND MODERN HUMANS IN THE EUROPEAN LANDSCAPE DURING THE LAST GLACIATION
Macdonald Institute for Archaeological Research
Cambridge 2004, £ 35,–
MULTIMEDIA
Lief seit 1998 als zweiteilige Dokumentation in mehreren TV-Sendern:
Manfred Baur, Hannes Schuler
FEUER IM EIS – DIE NEANDERTALER
DVD
Komplett Media
Grünwald 2003, € 26,–
EVENT
DIE BEGEGNUNG – VOM NEANDERTALER ZUM HOMO SAPIENS
Ausstellung vom 26. Juni 2005 bis 16. April 2006
Urgeschichtliches Museum Blaubeuren
Karlstraße 21, 89143 Blaubeuren
Telefon: 07344 | 9286–0
Internet: www.urmu.de
Öffnungszeiten in der Sommersaison:
dienstags bis sonntags sowie feiertags 10–17 Uhr
Eintrittspreise: Erwachsene € 2,50, Familienkarte € 7,–
Ohne Titel
· • Nach Skelettfunden zu urteilen, wurde die Kultur des Châtelperronien von Neandertalern getragen.
· • Das passt nicht ins Bild des rückständigen Neandertalers. D Denn die Châtelperron-Werkzeuge sind fortschrittlich, auch feiner Schmuck kam an den Fundstellen ans Licht.
Ohne Titel
Warum haben die Neandertaler der Châtelperron-Kultur einen Entwicklungssprung gemacht? Eine der vielen Spekulationen lautet, dass sich hier Neandertaler-Clans mit den weiter entwickelten anatomisch Modernen gemischt haben könnten – womöglich durch Menschenraub. Beispiele hierfür gibt es viele in der Menschheitsgeschichte. Recht gut dokumentiert ist der Menschenraub in der neuzeitlichen Siedlungsgeschichte von Nordamerika.
Am 19. Mai 1836 griffen Komantschen und Kiowa das Fort Parker im heutigen Limestone County/Texas an, töteten viele Weiße und entführten einige – auch Cynthia Ann Parker, neun oder zehn Jahre alt. Eine Komantschenfamilie adoptierte sie. Sie heiratete später den Kriegshäuptling Peta Nocona, mit dem sie drei Kinder hatte. 1860 wurde sie bei einem Überfall von ihren früheren Landsleuten gefangen genommen und zu ihrer Familie zurückgebracht. Dort wurde sie bis zu ihrem Tod 1871 festgehalten – gegen ihren Willen.
Bei Kriegszügen der Indianer gegen die weißen Einwanderer waren Entführungen durchaus üblich. Zehntausende sollen es nach zeitgenössischen Schätzungen gewesen sein. Die Entführten wurden teils als Geiseln genommen, um Lösegeld zu erpressen, teils wurden sie als Sklaven in den Indianerlagern festgehalten. Manche wurden sogar anderenorts an weiße Siedler verkauft, die sie skrupellos als billige Arbeitskräfte nutzten. Indianer entführten ihre Gegner aber auch, um sie zu adoptieren: als Ausgleich für Verluste, die sie durch Krieg oder Krankheiten erlitten hatten.
Die Berichte von entführten Weißen schildern das Leben bei den Indianern meist als Strapaze und als Kette erlittener Grausamkeiten. Vielen gelang die Flucht. In ihrem Verständnis waren die Indianer unzivilisierte Wilde. Aber es gibt auch die anderen Beispiele von weißen Männern und Frauen, die sich in dem neuen Leben zurechtfanden und Familien gründeten. Im 19. Jahrhundert ließen sich beispielsweise 952 Nachfahren eines gewissen Samuel Gill nachweisen, der 1697 im Alter von neun Jahren von Indianern entführt worden war.
Ein „Halbblut” war auch Quanah Parker, einer der Söhne von Cynthia Ann Parker, der sogar Indianerhäuptling wurde. Mit allen Kräften wehrten er und seine Krieger sich gegen die weißen Siedler und die US-Armee. 1875 ergab er sich der Übermacht und zog mit seinem Volk in ein Reservat bei Fort Sill in Oklahoma. Er erlangte große Verdienste bei der Vermittlung zwischen Weißen und Indianern, wurde Farmer und zeitweise Richter im Indianerreservat – als einer der wohlhabendsten Indianer des Landes. Parker starb 1911. Ulrike Biehounek





