18 Jahre lang hagelte es Spott für Terry Herbert, wenn der britische Sozialhilfeempfänger mit seinem Metalldetektor Felder und Hinterhöfe abgraste. „Beep, beep, er sucht nach Pennys”, äfften Passanten. „Beep, beep” machte es auch im Juli vergangenen Jahres, als der 56-Jährige den Acker eines befreundeten Bauern in der mittelenglischen Grafschaft Staffordshire absuchte. Diesmal löste das Geräusch aus seinem Metalldetektor einen Freudenschrei aus. Herbert hatte keine Pennys gefunden, sondern den größten Schatz, der je aus britischem Boden gehoben wurde: 1500 Preziosen, bestehend aus 5 Kilogramm Gold und 2,5 Kilogramm Silber, hergestellt im 7. Jahrhundert n.Chr., dem Zeitalter der Angelsachsen.
Nachts träume er oft von dem Schatz, sagt Herbert. Die meisten Archäologen – ob Hobbybuddler oder amtliche Wissenschaftler – träumen mit offenen Augen von so einem Fund. Einen Schatz zu finden ist wie ein Sechser im Lotto. Besteht er aus Gold, hat man die Zusatzzahl gezogen. Denn Gold ist selten. Die bisher weltweit geförderte Menge passt in zwei Olympia-Schwimmbecken. Dafür ist das Metall pflegeleicht: Es lässt sich gut verarbeiten, und sein Glanz ist von Dauer. Selbst eine 2000 Jahre alte Goldmünze kann heute noch so aussehen, als sei sie gestern hergestellt worden. Früh wurde Gold mit dem Ewigen, dem Göttlichen, dem Himmlischen in Verbindung gebracht. Den Inka galt es als Schweiß der Götter, den alten Ägyptern als deren Fleisch. Der Mensch begann, nach Gold zu gieren.
SeeWasser abgelassen
Als die Spanier im 16. Jahrhundert in Amerika einfielen, konnten sie es kaum fassen, wie großzügig die Indios in Südamerika ihren Göttern und Ahnen Gold opferten. Das Edelmetall war vor allem in Kolumbien, Ecuador und Peru so weit verbreitet, dass es nicht anders gehandelt wurde als Ton und Salz. Der ideelle Wert aber war so hoch, dass es als vermessen galt, Gold persönlich zu besitzen. Die neuen Herren im Land sahen das anders. Als sie hörten, dass kolumbianische Thronfolger, die mit Goldstaub bepudert wurden, im Guatavita-See unvorstellbare Goldmengen für die Götter versenkt haben sollten, begannen sie, das Wasser des Sees durch Abflussrinnen abzulassen und mit Kürbisschalen auszuschöpfen. Einige Kostbarkeiten kamen zu Tage. Doch vieles, was am Grund des Sees liegt, blieb unter einer dicken Schlammschicht verborgen.
Im Laufe der Zeit hat das Schatzfieber so manchen erfasst – und ist bis heute nicht abgeklungen. Rund 10 000 Sondengänger – fast alles Männer – durchkämmen allein in Deutschland regelmäßig den Untergrund, wo Schätzungen zufolge mehr als 1500 Tonnen versteckte, deponierte und zu Grabe getragene Edelmetalle und Edelsteine liegen. Die Bilanz ist stolz: 1993 fanden Sondengänger in Trier mehr als 2500 römische Goldmünzen, die wahrscheinlich im Jahr 196 n.Chr. hastig vergraben wurden – in den Wirren des Bürgerkriegs zwischen dem römischen Kaiser Septimius Severus und Clodius Albinus, seinem Gegenkaiser im Westen. Mit dem Geld hätte man sich damals zwei Landgüter, 125 Luxussklaven oder 400 000 Liter Wein leisten können. 1996 stießen Hobbyarchäologen im Wald bei Schloss Moritzburg nahe Dresden auf den Familienschatz der Wettiner, einer sächsischen Fürstendynastie, den diese im Februar 1945 vor der einfallenden Roten Armee verbuddelt hatten. Zwar hatten die Russen 1947 einen Teil davon gefunden, der Rest aber – etwa 12 Millionen Euro wert – blieb im Boden. 1999 wurde auf dem Mittelberg in Sachsen-Anhalt die Himmelsscheibe von Nebra entdeckt, die vor rund 3600 Jahren – wahrscheinlich im Zuge eines religiösen Ritus – von den bronzezeitlichen Bewohnern der Gegend gemeinsam mit Schwertern, Beilen und Schmuckstücken im Untergrund versenkt wurde.
Kriminalisten am Werk
„Ohne die Funde der Sondengänger wären einige amtliche Archäologen wohl schon arbeitslos”, sagt Stefan Glabisch von der Deutschen Interessengemeinschaft für Sondengänger. Auch Terry Herbert brachte mit seinem Fund in Staffordshire die Behörden auf Trab. Nicht nur Archäologen, sondern auch Forensiker, die normalerweise an kriminalistischen Tatorten ermitteln, rückten an, um den Goldacker zu untersuchen. Der Fund – mittlerweile als Schatz eingestuft – gehört laut britischem Gesetz der englischen Krone. Herbert aber steht die Hälfte des Schatzwertes als Finderlohn zu. Die andere Hälfte geht an den Besitzer des Feldes. Von 1,8 Millionen Euro ist die Rede – pro Kopf.
Fifty-fifty wird auch in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen geteilt. „In den anderen Bundesländern ist die Situation sehr unterschiedlich: Manche orientieren sich bei der Entschädigung am Marktpreis des Fundes, andere speisen Finder und Grundstückbesitzer mit einem Buchpreis und einer Danksagung ab”, weiß Sondengänger Glabisch. Die Folge: Wo beim Finderlohn geknausert wird, werden den Behörden weniger Funde gemeldet.
FETTER FANG AUS DEM MEER
Lohnender als die Suche an Land ist die zu Wasser. Am Meeresgrund liegen etwa drei Millionen Wracks, schätzt die UNESCO. Von Stürmen und vermeintlich grollenden Göttern versenkt, ist die Ladung jedes Zehnten eine fette Beute, für die manch einer Leib und Leben riskiert. Einen der höchsten Einsätze spielte der Amerikaner Mel Fisher. Um nach spanischen Wracks zu tauchen, verkaufte er in den 1960er-Jahren Hab und Gut in Kalifornien und zog mit seiner Frau und seinen vier Kindern in ein Motel in Florida. „Mutter kochte nicht und nähte nicht, sie hatte keine Zeit für solche Sachen”, erinnerte sich später einer ihrer Söhne. „Mama und Papa gingen morgens tauchen, abends kamen sie zurück.” Der vernachlässigte Haushalt zahlte sich aus: 1985 fanden die Fishers die Überreste der „Atocha”, einer Galeone, die im September 1622 von Havanna aus ihren Heimweg nach Spanien angetreten hatte. Ein Sturm ließ sie nicht weit kommen. Mit ihr ging ein wertvoller Schatz unter: Gold- und Sil- berbarren, Münzen, Goldketten, smaragdbesetzte Ringe und Bronzekanonen.
Die Ladung, die die Fishers bargen, ist 300 Millionen Euro wert. Wem sie gehört, war lange umstritten: den Spaniern, unter deren Flagge die „Atocha” einst segelte? Den Amerikanern, vor deren Küste sie lag? Oder der Familie Fisher? Der Oberste Gerichtshof der USA machte Mel Fisher zum Millionär. Der tauchte fortan zum Spaß wie ein Pirat in Kneipen auf – mit Goldketten behängt und mit Münzen in der Hand. Reich war er geworden, doch seinen Sohn Dirk und seine Schwiegertochter, die bei der Suche nach der „Atocha” ertrunken waren, konnten ihm die Reichtümer nicht ersetzen.
SChatzsuche – Börsennotiert
Mittlerweile haben sich mehr als 100 Unternehmen weltweit auf die Suche nach versunkenen Schätzen spezialisiert. Manche von ihnen, darunter die amerikanische Firma Odyssey Marine Exploration, sind börsennotiert. Um den richtigen Kurs zu finden, fahnden ihre Mitarbeiter in Archiven rund um den Globus nach wertvollen Hinweisen. Auch für Forscher an Land sind Akten, Karten, Schatzpläne oder Erzählungen oft die ersten Wegweiser. Danach helfen moderne Geräte wie Metalldetektoren, die Objekte bis in etwa 40 Zentimeter Tiefe aufspüren, Satelliten, die einstige Schlachtfelder und Siedlungen aus dem Weltraum orten, Sonargeräte und Tiefsee-Roboter, die den Meeresboden scannen.
Doch trotz aller Technik brauchen Schatzsucher auch heute noch einen langen Atem. Zehn Jahre lang suchten die Mitarbeiter von Odyssey nach der „SS Republic”, einem Raddampfer, der während des ame- amerikanischen Bürgerkriegs zwischen New York und New Orleans verkehrte und 1896 nach einem Hurrikan unterging. Belohnt wurde die Geduld mit Gold- und Silbermünzen im Wert von 55 Millionen Euro. Für die Bergung des Schatzes holte das Unternehmen auch amtliche Archäologen mit ins Boot. Man wolle sich nicht Plünderei nachsagen lassen, lautete die Begründung.
Längst nicht alle Glücksritter sind derart pflichtbewusst. Viele machen sich – auch in Deutschland – ohne Genehmigung ans Werk, graben sich tief in den Untergrund hinein und scheren sich nicht um die Dokumentation archäologischer Stätten und um den geistigen Reichtum wissenschaftlicher Erkenntnis, die weit übers Geld hinausgehen. Sie raffen zusammen, was glitzert und glänzt und verschwinden damit im Dunkel des Schwarzmarktes – wie die Entdecker der Himmelsscheibe von Nebra, die noch am Tag des Fundes für 31 000 Mark an einen Kölner Händler verscherbelt wurde. Als die Machenschaften aufflogen und die Himmelsscheibe wieder in amtlichen Besitz kam, wurden die glücklosen Finder zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. „Nebra ist eine Ausnahme”, sagt Ernst Pernicka, Professor für Archäometrie an der Universität Tübingen. „In vielen Fällen werden Seiten aus dem Geschichtsbuch des Bodens gerissen und sind nicht wieder zu ersetzen.” In Bulgarien liefern sich Archäologen einen regelrechten Wettlauf mit Grabräubern, die es auf die hügelförmigen Ruhestätten thrakischer Herrscher abgesehen haben. In ihnen liegen güldene Grabbeigaben en masse. Um sie möglichst schnell zu bergen, setzte der 2008 verstorbene Archäologe Georgi Kitow Löffelbagger und Bulldozer ein. Was mit konventionellen Grabungsmethoden Monate gedauert hätte, schaffte er in einer Woche. „Schatzjäger” schimpften einige Archäologen ihren bulgarischen Kollegen. Der verteidigte sich: Er versuche zu retten, was andere zerstören wollten.
GRABEN IN Hauruck-Manier
In ähnlicher Hauruck-Manier ging in den 1870er-Jahren der deutsche Hobbyarchäologe Heinrich Schliemann vor, als er unter dem Hügel Hisarlik im Nordwesten der Türkei das sagenumwobene Troja witterte. Schliemann orderte stabile Schubkarren aus England und ließ eine 17 Meter tiefe Schneise durch den Hügel schlagen. Die römischen und griechischen Siedlungsschichten darin wurden achtlos weggekarrt. Schliemann interessierten nur jene Mauern, die er für die verkohlten Überreste der Stadt hielt, wie vom Dichter Homer in der „Ilias” beschrieben. Als er unter ihnen grandiosen Goldschmuck entdeckte – den „Schatz des Priamos”, wie er ihn taufte – schien sein Glück perfekt. Was Schliemann erst später klar wurde: „Sein” Troja war 1000 Jahre älter als jenes von Homer. Homers Troja hatte er wahrscheinlich einfach weggeschaufelt. Trotz solcher Verluste sind die Einblicke in den Siedlungshaufen unbezahlbar. „Der Hisarlik-Hügel ist wie eine glasierte Torte”, sagt Pernicka, der heutige Grabungsleiter. „ Wenn Sie wissen wollen, mit was sie gefüllt ist, müssen Sie sie anschneiden. Wir kämen heute überhaupt nicht mehr bis zum Schatz des Priamos, weil uns die Behörden beim ersten römischen Fußboden stoppen würden.”
Gold ist ein Publikumsmagnet. Als vor wenigen Monaten im Stuttgarter Landesmuseum Goldfunde aus dem syrischen Qatna gezeigt wurden, kamen über 100 000 Besucher. Doch den Alltag der Archäologen macht das Edelmetall beschwerlich. „Die Sicherheitsmaßnahmen steigen enorm. Alle Funde müssen im Land bleiben. Einzelne Stücke für Untersuchungen oder Ausstellungen auszuführen, ist eine aufwendige Prozedur”, sagt Pernicka. Ihn selbst lässt Gold ziemlich kalt. Vielleicht deshalb, weil er als Metallkundler schon unverschämt viel davon in Händen gehalten hat: Schliemanns Schatz, die Himmelsscheibe von Nebra, die güldenen Grabbeigaben aus dem irakischen Ur. Und neuerdings auch jene aus dem bulgarischen Varna. Die ältesten bekannten Golderzeugnisse weltweit – etwa 3000 Schmuckstücke aus rund 6 Kilogramm reinem Gold – wurden dort vor rund 6500 Jahren in einem Gräberfeld versenkt.
Der Goldfund zeichnet ein erstaunliches Bild der Vergangenheit. Er liefert den ersten historischen Hinweis auf eine hierarchische Gesellschaft. Arm und Reich sind an der Ausstattung der Ruhestätten zu erkennen. Außerdem zeigen die Gräber: Varna war eine Männer-Domäne. Die Herren der Schöpfung bekamen goldene Penisaufsätze mit ins Jenseits, für die Damen hatte man nicht viel übrig. Was sogar einen Puristen wie Pernicka fasziniert, ist die Art und Weise, wie das Edelmetall verarbeitet wurde. Eine 3500 Jahre alte Kette aus Qatna besteht aus Goldperlen, die kaum einen halben Millimeter groß sind. „Wie geht das ohne Lupe, höchstens mit einer Pinzette?”, fragt Pernicka. „ Ich würde das nicht hinkriegen!”
Nicht zuletzt polieren Goldfunde das Image ihrer Hersteller auf. Die Thraker in Bulgarien, von griechischen Chronisten gerne als Schluckspechte verschrien, haben sich durch ihre güldenen Hinterlassenschaften als Schöngeister entpuppt. Auch die Angelsachsen, in der Artus-Legende als Bösewichte gescholten, erscheinen dank Terry Herberts Fund in einem neuen Licht. Zwar handelt es sich bei den entdeckten Schwertgriffen, Schwertscheiden, Knaufdeckeln und Helmteilen wahrscheinlich um hastig vergrabene Kriegsbeute, die bestätigt, dass die Angelsachsen für einen handfesten Streit zu haben waren. Doch sind die Waffen derart schön mit Edelsteinen und Tierfiguren verziert, dass die britische Archäologin Deb Klemperer schwärmt: „ Das finstere Mittelalter in Staffordshire hat nie so strahlend und so schön ausgesehen.” ■
Das Einzige, wonach BETTINA GARTNER hin und wieder am Boden sucht, sind leckere Pilze in den Wäldern ihrer Heimat Südtirol.
von Bettina Gartner
KOMPAKT
· Hobby-Sondengänger fördern Schätze zutage, die Archäologen vermutlich nie finden würden.
· Das Aufspüren goldbeladener Schiffswracks ist ein lukrativer Wirtschaftszweig.
· Gold hat nicht nur einen materiellen Wert, sondern erzählt auch viel über frühere Gesellschaften.
Ohne Titel
INTERNET
Homepage der Goldmine „Super Pit” im australischen Kalgoorlie: www.superpit.com.au
Gold: Eigenschaften, Vorkommen und Bedeutung (von der Universität Würzburg): www.geographie.uni-wuerzburg.de/ fileadmin/09010000/_temp_/ Gold_Strecker.pdf
Statistiken vom US Geological Survey: minerals.usgs.gov/minerals/pubs/ commodity/gold/mcs-2010-gold.pdf
„Der große Wurf” – bdw-plus zum Thema Nanotechnologie, erstellt in Kooperation mit der Baden-Württemberg-Stiftung: www.bwstiftung.de/uploads/tx_ffbwspub/ bdw_der_grosse_wurf.pdf
Website der amerikanischen Firma Odyssey Marine Exploration: www.shipwreck.net
Infos über die Deutsche Interessen- gemeinschaft der Sondengänger: www.digs-online.de
LESEN
Bilder und Erklärungen zu güldenen Hinterlassenschaften aus aller Welt: Hans-Gert Bachmann MYTHOS GOLD 6000 Jahre Kulturgeschichte Hirmer, München 2006, € 24,90
Historische, soziale und kulturelle Aspekte des nicht industriellen Gold- bergbaus in Westafrika: Katja Werthmann Bitteres Gold Johannes Gutenberg-Universität Mainz Habilitationsschrift 2003
Über den Goldrausch in Burkina Faso: Katja Werthmann Bitteres Gold Rüdiger Köppe, Köln 2009, € 34,80





