Für Hans Leisen war es ein Traum: „Einmal im Leben wollte ich Angkor sehen.” Im Frühjahr 1995 erfüllte sich der Professor für Restaurierung an der Fachhochschule Köln seinen Wunsch und besuchte in Kambodscha seinen Kollegen Jaroslav Poncar. Der Fotoingenieur dokumentierte dort am größten Tempel, dem Angkor Vat, die Flachreliefs. Seitdem ist Hans Leisen der Faszination der unirdischen Anlage erlegen.
Im Jahr 1860 hatte der französische Botaniker Henri Mouhot die verfallenen Tempel im kambodschanischen Urwald wieder entdeckt. Durch ihre Schönheit und Perfektion versetzen sie jeden Besucher in Erstaunen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiten vor allem französische Forscher daran, dem Dschungel 72 Sakralbauten auf einer Fläche von unvorstellbaren 200 Quadratkilometern zu entreißen und für Besucher wieder zugänglich zu machen. Die bröckelnde Pracht ist Relikt einer Hochkultur, die längst vergangen ist. Als König Suryavarman II. zu Beginn des 12. Jahrhunderts – in Europa fanden gerade die Kreuzzüge statt – im südostasiatischen Khmer-Reich die Macht übernahm, begann er nahe des Tonle Sap-Sees mit dem Bau von Angkor Vat. Ein Riesenheer von Arbeitern stellte das gigantische Bauwerk in knapp 40 Jahren fertig.
Da keine schriftlichen Aufzeichnungen aus der Gründungszeit existieren, lässt sich heute nicht mehr klären, ob der Komplex als Heiligtum oder als Mausoleum gedacht war. Seit dem 14. Jahrhundert ist er ein buddhistisches Staatsheiligtum. Heute ist er auf der kambodschanischen Nationalflagge abgebildet.
Der Besuch in Angkor veränderte das Leben des deutschen Professors. Verzaubert von der Schönheit der Tempelanlagen im Urwald und bestürzt über den schlechten Erhaltungszustand, setzte er alle Hebel in Bewegung, um ein Rettungsprojekt für das unvergleichliche Weltkulturerbe auf die Beine zu stellen. Vor allem der Zustand der 1850 Frauenreliefs an den Tempelwänden, der halbgöttlichen Tänzerinnen – der Apsaras –, verlangte nach schnel- lem Eingreifen.
Heute, sechs Jahre später, kann Leisen Erfolge vorweisen: Zusammen mit Poncar und seinem Team hat er nicht nur sämtliche Apsaras fotografisch dokumentiert und ihren Erhaltungszustand erfasst, sondern eine große Anzahl von Einzelreliefs notgesichert und konserviert.
Denn das Ergebnis der Bestandsaufnahme war alarmierend: „Rund 360 Apsaras, die der Witterung direkt ausgesetzt sind, fallen unter die niedrigste Erhaltungsstufe: Sie sind schon fast nicht mehr zu retten”, bedauert der Professor. Er hat alte Fotos aus dem Jahr 1866 zum Vergleich aufgetrieben und festgestellt, dass der Zerfall durch Verwitterung erschreckend zugenommen hat.
„Die größte Bedrohung der Apsaras ist eine Art Schalenbildung” , erklärt Leisen. „Die Reliefs bestehen aus einem tonig gebundenen Sandstein, ähnlich dem deutschen Schilfsandstein, wie er für die Figuren am Fürstenportal des Bamberger Doms verwendet wurde. Dieser Stein ist porös und quillt bei Nässe auf.”
Die extreme Witterung in Angkor setzt das Material unter Stress: Tagsüber erhitzen Sonne und Luft den Stein auf über 50 Grad Celsius, nachts kühlt er um mehr als 20 Grad ab. Im Sommer stürzen tro- pische Regengüsse fast täglich auf die wertvollen Bauwerke herab. So dehnt sich der Stein tagtäglich in der Hitze aus, nachts zieht er sich wieder zusammen, bei Regen quillt er auf, bei Trockenheit schrumpft er.
Und das schon seit der Gründung von Angkor Vat um 1113, also fast 900 Jahre lang. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem die kostbaren Reliefs zu bröckeln beginnen. Ein Teil der Kunstwerke hat inzwischen fast das Endstadium der Zerstörung erreicht. Leisen dokumentierte die Darstellung einer Apsara, bei der innerhalb eines halben Jahres große Teile des Kopfschmucks und des Arms abbrachen und herunterfielen.
Einst war Angkor Vat das Zentrum einer Städteansammlung, in der nach heutigen Schätzungen mehrere Millionen Menschen lebten. Riesige Bassins und Kanäle bewässerten das Gelände und schufen die Basis für Landwirtschaft und Handel. Die meisten Gebäude, auch die Königspaläste, bestanden aus Holz und Ton, die Dächer waren mit Stroh und Ziegeln gedeckt. Diese Bauten sind längst verfallen, übrig blieben nur die aus Stein gebauten Tempel.
Der Aufbau der Tempel, Angkor Vat und Bayon sind die größten, spiegelt die damalige Vorstellung der Welt: Die Bassins und Wassergräben stellen das Weltmeer dar, aus dem sich die Umfassungsmauern wie Gebirgsketten erheben.
Im Zentrum des Universums steht der Berg Meru, der Wohnsitz der Götter. Er wird symbolisiert durch einen aufgeschütteten Tempelberg, auf dem das Zentralbauwerk steht. Angkor Vat hat drei Stufen und ist insgesamt 65 Meter hoch. Damit ist er fast so hoch wie die Türme von Notre-Dame in Paris, die etwa zur gleichen Zeit errichtet wurden.
Praktisch alle Wände von Angkor Vat sind mit figürlichen Reliefs und Dekors verziert. Allein auf der untersten Stufe findet man in einer Galerie über 2000 Quadratmeter feinst ausgeführte Flachreliefs, die religiöse Mythen und geschichtliche Szenen zeigen.
Besonders vielfältig sind die Darstellungen der insgesamt rund 2000 Göttinnen und Hofdamen und der Tänzerinnen mit ihren individuell gestalteten Gesichtern, Frisuren, Kleidern und Schmuck: Sie bilden eine Galerie formvollendeter Frauenkörper, die zart und sinnlich wirken, und deren rituelle Gesten wir heute nicht mehr deuten können.
Es gab immer wieder meist weniger geglückte Versuche zur Erhaltung des Bauwerks. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts tränkte man die Oberflächen mit Konservierungsmitteln und versuchte, den Bakterien- und Pilzbefall mit Bioziden zu behandeln.
Besonders rigoros waren indische Archäologen, die die wertvollen Reliefs mit Ammoniumlösung und anderen Chemikalien abbürsteten und mit Zementmörtel, Bioziden und Acryldispersionen behandelten. Solche Rettungsversuche stellen heute ein Problem dar: Das Acrylharz behindert das Trocknen des Steins, der Belag liegt wie eine speckige Lackschicht auf der Oberfläche. Auf den früher „gereinigten” Reliefs haben sich Pilze und andere Mikroorganismen festgesetzt und weite Teile des Tempels schwarz gefärbt.
Die Schalen, die sich an der Oberfläche vieler Reliefs gebildet haben, sind ein bis zwei Zentimeter dick und nur lose mit dem darunter liegenden Gestein verbunden. „Wenn man daran klopft, klingt es hohl”, sagt Leisen. „Im schlimmsten Fall löst sich die Schale und stürzt ab. Damit ist die Figur ein für alle Mal verloren.”
Mit den Belegen für die fortschreitende Zerstörung der Skulpturen brachten Leisen und Poncar 1997 das Auswärtige Amt dazu, ihnen pro Jahr 200000 Mark für ihr Rettungsprojekt zu bewilligen. Damit mussten die Infrastruktur aufgebaut und das loka- le Konservatorenteam sowie Reisekosten bezahlt werden.
Vor allem aber mussten die technische Ausrüstung und die Chemikalien beschafft werden – was bis heute das größte Problem ist. „Wir benötigen Lösungsmittel wie Azeton in größeren Mengen”, sagt Leisen. „Anfangs wollten wir die Kanister über Singapur verschiffen, aber das ging nicht, weil dort Azeton, ein Hilfsstoff für die Herstellung von Heroin, gar nicht erst in den Hafen kommen darf. So mussten wir das Material von Bangkok aus mit einem ,Pick-up‘ auf dem Landweg transportieren und haben dabei wertvolle Zeit verloren.”
Währenddessen wird die Zeit für Angkor Vat knapp. Als Notbehelf hat das Team lockere Teile der Apsaras mit kleinen Plastikdübeln und -schnüren gesichert. Wenn es gar nicht anders ging, passte man den Figuren Epoxidharzschalen an, ähnlich einem Arm- oder Beingips. Längerfristig sollen die lockeren Schalen wieder an den Untergrund angebunden und Hohlräume gefüllt werden. Die Rettung der Apsaras ist nur ein erster Schritt zur Rettung des Angkor-Komplexes. Andere Teile des Tempels verfallen weiter, etwa die fein aus Sandstein gedrechselten Fenster-Säulen, die für den Angkor-Stil charakteristisch sind und in den Sanierungsplan aufgenommen wurden.
Nicht nur Zeit, auch Geld ist knapp. Die beiden Kölner Professoren verwenden Material, das sie von Sponsoren erhalten. Viele Arbeiten leisten Praktikanten und Diplomanden der Fachhochschule Köln oder anderer deutscher Hochschulen ohne Bezahlung.
Bauwerke wie die Dschungeltempel lassen sich ohnehin nicht ein für alle Mal sanieren. Die Witterungseinflüsse bleiben, und die Alterung der Materialien schreitet fort. „Wir sind deshalb dabei, eine Risikokarte und einen langfristigen Pflegeplan für den Tempel aufzustellen”, sagt Leisen. Parallel zu den Sanierungsmaßnahmen arbeitet er ein Ausbildungsprogramm für einheimische Konservatoren aus.
Seit die politische Lage in Kambodscha stabil ist, klappt auch die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden. Die erhoffen sich einen wirtschaftlichen Aufschwung in der Region durch ausländische Touristen. Damit wäre allen gedient: dem Land, den Kunstwerken, den Forschern und den westlichen Touristen, die ein unvergleichliches Kulturerbe auch in Zukunft besichtigen können.
Kompakt
• Die Dschungeltempel in Kambodscha gehören zum Weltkulturerbe.
• Die Prachtbauten der alten Khmer-Könige zerbröckeln durch Hitze und Regen.
• Kölner Wissenschaftler retten wichtige Teile der Steinreliefs an den einzigartigen Tempeln von Angkor.
bdw-Community
LesenDer Bildband Angkor von Claude Jacques und Suzanne Held (Hirmer Verlag, DM 148,–) zeigt die Schönheiten der wichtigsten Tempel von Angkor. Die Abbildungen sind das Beste, was bisher über Angkor veröffentlicht wurde. Sie zeigen Gesamtaufnahmen und Details in höchster Qualität. Die knappen Texte sind ausreichend informativ. Zeittafeln, ein Glossar und eine ausführliche Bibliografie runden den prachtvollen Band ab.
Internetwww.gacp-angkor.de
Brigitte Röthlein





