Doch als Dean Snow, ein Anthropologe von der Pennsylvania State University, in einem Fotoband mit Abbildungen steinzeitlicher Höhlenkunst blätterte, wurde er stutzig: Der Handabdruck auf einem der Fotos stammte eindeutig nicht von einem Mann, sondern von einer Frau. Erkennen konnte der Forscher dies an den Proportionen der Hand und de Fingerlängen. So ist bei Männern beispielsweise meist der Ringfinger deutlich länger als der Zeigefinger, bei Frauen ist es umgekehrt oder beide sind gleich lang. Aufmerksam geworden, blätterte Snow weiter in dem Buch und stellte fest, dass von sechs angeschauten Handabdrücken vier weiblich waren. Sollten die bisherigen Annahmen zu den Urhebern solcher Darstellungen falsch sein?
Drei Viertel sind Frauenhände
Der Forscher entschloss sich dieser Frage auf den Grund zu gehen. Er fuhr nach Europa und besuchte dort eine Reihe der Höhlen mit steinzeitlichen Malereien, von Handabdrücken in anderen Höhlen besorgte er sich hochauflösende Fotos. Zum Vergleich fotografierte er die Hände von heute lebenden Männern und Frauen aus dieser Gegend. Dann begann die Analyse. Zunächst vermaß er bei allen Handabdrücken Länge, Breite an Handgelenk und Fingerknöcheln und die Fingerlängen. Anhand dieser Grundmaße konnte er bereits die größeren männlichen Hände von kleineren, von Frauen oder Jugendlichen stammenden Abdrücken unterscheiden. Im zweiten Schritt dann verglich er die Längenverhältnisse der Finger, um zwischen Händen von Frauen und denen von männlichen Jugendlichen zu differenzieren.
Das Ergebnis war erstaunlich: Nur zehn Prozent der steinzeitlichen Handabdrücke auf den Höhlenwänden stammten von erwachsenen Männern. 15 Prozent waren von Jugendlichen hinterlassen worden, aber 75 Prozent- und damit die überwältigende Mehrheit – stammte von Frauen. Snow ist sich dabei seiner Sache ziemlich sicher. Denn seine Vermessungen ergaben auch, dass die geschlechtstypischen Unterschiede vor gut 30.000 Jahren offenbar noch deutlicher ausgeprägt waren als heute. “Da es heute viele Überschneidungen gibt, dachte ich, es würde schwer werden, das Geschlecht der alten Handabdrücke zu bestimmen”, erklärt er. “Doch die Steinzeit-Hände fallen alle in die Extrembereiche der modernen Verteilung.” Der Unterschied zwischen Männern und Frauen war damals offenbar – zumindest in Bezug auf die Hände – deutlicher als heute.
Noch hat Snow erst 36 Handabdrücke aus verschiedenen Höhlen in Südfrankreich und Spanien untersucht. Aber der hohe Anteil von immerhin drei Viertel Frauenhänden wirft nun einige Fragen auf: Welche Bedeutung hatten die Handabdrücke für die Steinzeitmenschen? Und welche Rolle spielten Frauen in der Höhenkunst dieser Ära? Auch der Anthropologe hat darauf bisher keine Antwort. Noch bleiben diese Fragen offen.





