Viel älter als gedacht
Dies galt bisher auch für Fossilienfunde aus dem Jebel Irhoud-Massiv in Marokko. Hier hatten Forscher bereits in den 1960er Jahren menschliche Fossilien entdeckt, darunter einen fast vollständigen Schädel und mehrere Kieferknochen. Auch Steinwerkzeuge und Tierknochen wurden bei den Ausgrabungen gefunden. Weil damals die Fossilien von der Fundstelle entfernt wurden, ohne ihre genaue Lage zu dokumentieren, blieben ihre Zuordnung und ihr Alter unklar. Spätere Datierungen kamen auf 40.000 oder aber 160.000 Jahre. Jetzt jedoch haben Anthropologen bei erneuten Ausgrabungen in Jebel Irhoud weitere Menschenfossilien entdeckt. Die neuen Funde umfassen die versteinerten Knochen von Schädeln, Unterkiefern, Zähnen, und Langknochen von mindestens fünf Individuen. Gleichzeitig konnten Hublin und seine Kollegen nun erstmals die genaue Schichtenabfolge am Fundort und die Lage der Fossilien dokumentieren.
Die Wissenschaftler konnten die neuentdeckten Überreste mithilfe zweier verschiedener Methoden datieren. Mit der sogenannten Thermolumineszenzmethode bestimmten sie das Alter erhitzter Feuersteine aus den archäologischen Fundschichten. Darüber hinaus ermittelte das Team das Alter eines in den 1960-er Jahren gefundenen Unterkiefers aus Jebel Irhoud erneut mit Hilfe einer neu kalibrierten Uran-Thorium-Datierung. “Für die genaue Altersbestimmung in Jebel Irhoud haben wir die modernsten Datierungsmethoden und die konservativste Berechnung eingesetzt”, erläutert Daniel Richter vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der die Datierungen leitete. Das Ergebnis: Sowohl die Steinwerkzeuge als auch der Kieferknochen sind mindestens 280.000 Jahre, wahrscheinlich sogar rund 300.000 Jahre alt. “Das macht Jebel Irhoud zum ältesten und reichhaltigsten Fundstätte des steinzeitlichen Homo sapiens in Afrika”, konstatieren die Forscher.
Erstaunlich modernes Gesicht
Doch wie weit war dieser frühe Homo sapiens schon entwickelt? Die Schädel heute lebender Menschen zeichnen sich durch eine Kombination aus Merkmalen aus, die uns von unseren fossilen Vorfahren und Verwandten unterscheiden: Wir besitzen ein eher kleines, gerades Gesicht und einen großen, stark gewölbten Gehirnschädel. Demgegenüber hatten die Neandertaler und auch archaische Formen des Homo sapiens ein großflächiges Gesicht mit vorstehender Kieferpartie und eher flache Hirnschädel. Wie die Funde von Jebel Irhoud in diesem Kontext einzuordnen sind, ermittelten Hublin und seine Kollegen, indem sie die Schädel mittels Computertomografie durchleuchteten und an hunderten von Messpunkten vermaßen. Die vergleichenden Analysen ergaben: Die vor rund 300.000 Jahren in Jebel Irhoud lebenden Menschen waren uns bereits sehr ähnlich. Ihr Gesichtsschädel unterschied sich kaum von dem heute lebender Menschen, wie die Forscher berichten. Auch die Kieferknochen weisen zahlreiche modernen Merkmale auf. Im Gegensatz dazu ist die Gestalt des Gehirnschädels der Jebel Irhoud-Fossilien allerdings eher länglich und nicht rund wie bei heute lebenden Menschen. “Das bedeutet, dass sich die Form der Gesichtsknochen bereits zu Beginn der Evolution unserer Art entwickelt hat”, erklärt Hublins Kollege Philipp Gunz. Das Gehirn jedoch scheint sich erst während der Geschichte des Homo sapiens zu seiner heutigen Form entwickelt zu haben.





