Gibt es sie wirklich? Oder sind sie nur ein Marketing-Gag der Pharma-Industrie? Von den „Wechseljahren des Mannes” ist viel zu hören und zu lesen. Fakt ist: Ab dem 40. Lebensjahr produzieren die Hoden des Mannes jedes Jahr etwa ein Prozent weniger Testosteron. Was für die einen einfach die natürliche Folge des Alterns ist, betrachten andere als Wurzel allen Übels: Der sinkende Hormonspiegel soll schuld an nachlassender Mannes- und Muskelkraft sein und für schwankende Stimmung und Gereiztheit sorgen. Gegen all diese Symptome helfen angeblich Hormonpräparate, die Jugend und Potenz garantieren.
Für den Bonner Medizinhistoriker Hans-Georg Hofer ist der aktuelle Hype um das männliche Klimakterium kalter Kaffee: „Ich bin schon in einem Aufsatz von 1910 auf das ‚Climacterium virile‘ gestoßen, allerdings wurde es damals eher als Nervenleiden angesehen.” Popularität erlangte das Thema dann wieder in den Dreißigerjahren. Bereits 1931 – nur vier Jahre nach dem ersten Hormonpräparat für Frauen in den Wechseljahren – kam das Pendant für Männer auf den Markt. „Ziemlich schnell wurden in Deutschland jährlich etwa 600 000 Ampullen mit synthetischem Testosteron verkauft, nicht viel weniger als Hormonpräparate für Frauen”, so Hofer. Doch die Vorstellung vom Mann als Marionette seiner Hormone passte nicht in das nationalsozialistische Bild vom stahlharten Krieger, und die Ampullen verschwanden wieder vom Markt. Bis in die Neunzigerjahre hinein blieben hormonbedingte Leiden Frauensache. Männer durften höchstens unter Stress und beruflicher Überlastung leiden.
Ein Wiederaufflackern der „Hormontheorie” sieht der Bonner Historiker in den Jahren vor der Jahrtausendwende: „In dieser Zeit rückte die Männergesundheit verstärkt in den Blickpunkt von Politik und Medizin.” Viagra wurde entwickelt, und die Pharma-Industrie entdeckte Männer zwischen 40 und 65 als – zumindest finanziell – potente Käuferschicht. Zusammen mit fortschrittsgläubigen Urologen und Andrologen riefen Pharma-Werbestrategen die „Hormonrevolution des Mannes” aus. „Für mich als Medizinhistoriker ist es interessant zu sehen, wie solche Themen immer wieder hochgekocht und dann als der letzte Schrei verkauft werden”, sagt Hofer.
Doch wie steht es wirklich um die Gesundheit des alternden Mannes? Wie soll der Arzt auf Beschwerden reagieren? „Reine Schwarz-Weiß-Malerei führt zu nichts”, sagt Hofer. „Gefragt sind medizinisches Gespür und Einfühlungsvermögen, aber keine starren Dogmen.” Manche Männer fühlten sich trotz niedriger Testosteronwerte pudelwohl in ihrer Haut. Andere würden trotz Spitzen-Hormonwerten zum Tattergreis. Ohnehin wehrt sich der Medizingeschichtler gegen einen „biochemischen Reduktionismus”. Wie sehr Männer oder Frauen unter den „Wechseljahren” litten, sei stark vom persönlichen und kulturellen Umfeld geprägt. Japaner kennen noch nicht einmal einen Begriff für das Phänomen. Vollmundige Versprechungen, die Zeit lasse sich durch Hormonpflästerchen und Injektionen zurückdrehen, gehen an der Realität vorbei, betont Hofer. Ungeklärt sind außerdem die Langzeitwirkungen. Vor fünf Jahren wurde ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko bei Frauen mit Hormontherapie festgestellt. Das sollte auch die „Männerärzte” hellhörig machen. Dr. Ulrich Fricke
medinfo im Mai: Eingebildete Hässlichkeit
Internet
Informationen der Deutschen Gesellschaft für Urologie: www.dgu.de/hormondefizite
Zum Hormonsystem des Mannes: www.med.uni-giessen.de/aka/andro/
Kontakt
Dr. Hans-Georg Hofer Medizinhistorisches Institut Universität Bonn Sigmund-Freud-Straße 25 53105 Bonn Tel.: 0228/28 715 005 www.meb.uni-bonn.de/mhi





