bild der wissenschaft: Wie kommt es, dass ein Althistoriker die Leitung des Deutschen Archäologischen Instituts übernimmt?
Gehrke: Das DAI macht zwar viele Ausgrabungen, aber es versteht sich auch in zunehmendem Maße als historisches Institut. Denn hier werden wichtige Elemente aus vergangenen Kulturen wie Inschriften, Papyri und Münzen erforscht und verglichen. Insofern ist immer Alte Geschichte im Spiel. Ich selbst sitze seit über zehn Jahren als Vertreter des Fachs in der Zentraldirektion des DAI.
bdw: Heißt das, Sie werden den eingeschlagenen Weg des Deutschen Archäologischen Instituts fortsetzen?
Gehrke: In den letzten Jahren wurde die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen verstärkt. Denn zum Teil arbeiteten Wissenschaftler in Ägypten, Spanien oder China an ähnlichen Themen, ohne viel voneinander zu wissen. Diese Kommunikation wird nun mit sogenannten Forschungsclustern verbessert. Dabei untersuchen Forscher verschiedener Grabungsgebiete übergreifende Fragen, inwieweit beispielsweise technische Innovationen an gesellschaftliche Strukturen gebunden sind – etwa bei der Verarbeitung von Metall. Dieser Austausch geschieht nicht nur DAI-intern. Es werden auch Universitäten einbezogen. Und da ist es wichtig, dass jemand wie ich, dessen Laufbahn von verschiedenen Universitäten geprägt ist, am DAI ist. Ich sehe mich dabei als eine Art Hebamme von neuen großen Forschungsvorhaben.
bdw: Wieso macht das DAI hauptsächlich Grabungen im Ausland?
Gehrke: Das DAI arbeitet seit seiner Gründung – 1829 in Rom – international. Unter der Schirmherrschaft des damaligen preußischen Kronprinzen verlagerte das Institut seinen Sitz dann nach Deutschland, wo es nach der Reichsgründung 1871 Reichsinstitution wurde. Zunächst ging es nur um die klassischen Kulturen, dann kamen der Nahe Orient, Ägypten und immer mehr Kulturräume hinzu. Auch die Archäologie globalisiert sich. Seit etwa einem halben Jahr haben wir sogar in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator ein Büro.
bdw: Archäologie lässt sich nicht vom Schreibtisch aus betreiben. Haben Sie Grabungserfahrung?
Gehrke: Eines meiner Forschungsgebiete steht der Archäologie sehr nahe: die Geschichte von Landschaften und ihre Besiedelung. Deswegen habe ich in den Neunzigerjahren in Griechenland ein Feldforschungsprojekt durchgeführt, einen sogenannten Survey. Man geht über die Äcker und sucht nach Resten menschlicher Aktivitäten aus historischen Zeiten – nach Scherben, Artefakten, Mauerwerk. Dadurch bin ich mit archäologischen Methoden gut vertraut. Ich habe überlegt, mal wieder ins Feld zu gehen, habe derzeit aber zwei andere Projekte im Auge, die ich miteinander verbinden will.
bdw: Welche sind das?
Gehrke: Ein DAI-Forschungscluster heißt „Politische Räume”. Da geht es darum, wie ein Raum von einer Gesellschaft geformt wird und inwieweit sich politische Systeme auf die Raumgestaltung auswirken. Eine Demokratie kann einen repräsentativen Stil haben – das sieht man sofort, wenn man in Washington D.C. ist. Ich selbst leite ein Team, das fragmentarisch erhaltene Texte griechischer Geographen aus der Antike herausgibt. Nun möchte ich das abstrakte und geometrische Weltbild dieser Geographen mit politischen Zusammenhängen verbinden und stelle die Frage: Hängt die Formierung eines Weltbildes mit Expansionsprozessen zusammen? Geographie sieht ja die Welt als Ganzes. Heute ist das selbstverständlich, weil wir schon in der Schule mit Atlanten hantieren. Aber gewöhnlich orientieren sich Menschen im Raum ganz anders.
bdw: Wie stark ist Ihr Institut auf Drittmittel angewiesen?
Gehrke: Wir haben einen ordentlichen Forschungsetat und sind guter Hoffnung, dass er demnächst noch größer wird. Auch die Ausstattung mit Drittmitteln ist zufriedenstellend, sodass das DAI gelegentlich beneidet wird. Ich selbst habe als Uniprofessor manchmal etwas neidvoll zu den DAI-Kollegen herübergeschielt. Trotzdem: Das DAI ist noch dabei, sich von einer Talsohle zu erholen. Das Institut ist beim Auswärtigen Amt angesiedelt und konnte trotz dessen Bemühungen von Haushaltskürzungen nicht ausgenommen werden. So musste eine Abteilung in Portugal geschlossen werden und es gingen Stellen verloren. Das ist problematisch, denn das DAI hat viel Verantwortung: Die Auslandsvertretungen sind wie Botschaften in anderen Ländern. Wer dort archäologisch arbeitet, ist auf unsere Dienstleistungen und Kontakte zu Behörden angewiesen. Das sind laufende Ausgaben, für die man nicht auf Projektmittel bauen kann.
bdw: Wie steht es mit Sponsoren aus der Wirtschaft?
Gehrke: Gar nicht schlecht. Wir haben oft das Problem der Konservierung – häufig auf Grabungsland, das uns nicht gehört. Einige Gastgeberländer erwarten vom DAI, dass es Gebäude rekonstruiert und für den Tourismus zugänglich macht. Das können wir aus dem Forschungsetat nicht finanzieren und setzen dann auf Sponsoring. Eine japanische Zigarettenfirma hat beispielsweise die Rekonstruktion der gigantischen Stadtmauer um die Hauptstadt des Hethiterreichs Hattusa in der Türkei finanziert. Den Japanern ging es vermutlich darum, in den türkischen Markt zu kommen. Jedenfalls haben sie damit eine wichtige DAI-Grabung in der Türkei unterstützt.
bdw: Was ist für Sie das größte Rätsel der Archäologie?
Gehrke: Warum Rom so bedeutend geworden ist! Es gab damals so viele Akteure, Siedlungen und Stämme, und einige davon waren schon viel weiter entwickelt als Rom. Wie war es möglich, dass aus so einer kleinen Stadt innerhalb einer relativ kurzen Zeit ein Weltreich wurde? Ob man diese Frage mithilfe der Archäologie lösen kann, bezweifele ich zugleich. Es gibt zwar Ausgrabungen, aber es besteht die Gefahr, dass die Funde im Sinne der reichlich konstruierten Überlieferung der Römer gedeutet werden, beziehungsweise dass die Funde als Beleg für die Authentizität der Überlieferung genommen werden, und das führt häufig zu einem Zirkelschluss.
bdw: Welche Rolle spielt die Neuzeitarchäologie?
Gehrke: Archäologie hört nie auf! Aus besser erhaltenen Komplexen können wir immer etwas für die schlechter erhaltenen lernen. Allerdings: Sobald wir Quellen und Schriftzeugnisse haben, wird der Stellenwert der Archäologie geringer – sie hat dann zumindest kein Monopol mehr.
bdw: Werden Sie das beschauliche Freiburg gegen die Hauptstadt eintauschen?
Gehrke: Meine Frau ist durch vielfältiges ehrenamtliches Engagement an Freiburg gebunden. Wir werden also eine geteilte Existenz führen – wie so viele. Aber es ist auch eine unverhoffte Chance für mich. Mit so etwas rechnet man nicht mehr, wenn man über 60 ist. In den USA kann man mit über 70 noch Präsident werden oder zumindest kandidieren, hier ist das anders. Immerhin kann ich bis 68 arbeiten, dann ist auch in Berlin Schluss. Aber in meinen Beruf kann ich ja auch als Pensionär noch mitmischen – nur nicht mehr unbedingt auf Grabungen.
Das Gespräch führte Cornelia Varwig. ■





