Auf den japanischen Ryukyu-Inseln zeugen archäologische Funde davon, dass hier schon vor mindestens 30.000 Jahren Menschen lebten. Erhalten sind unter anderem menschliche Knochen, Steinwerkzeuge und Jagdwaffen. Doch diese Artefakte liefern keine Erklärung dafür, wie die Steinzeitmenschen die Inseln erreichen konnten. „Diese Frage ist von besonderem Interesse, weil die umgebenden Gewässer an dieser Stelle eine besondere Herausforderung darstellen“, erklärt ein Team um Yousuke Kaifu von der Universität Tokyo in Japan. Denn hier fließt der Kuroshio, eine der stärksten Meeresströmungen der Welt, mit einer Strömungsgeschwindigkeit von mehr als einem Meter pro Sekunde.

Einbaum-Bau mit Steinzeitwerkzeug
Um dieser Frage in Ermangelung direkter archäologischer Hinweise auf den Grund zu gehen, entschied sich das Forschungsteam für experimentelle Archäologie. Mit Hilfe von Nachbildungen steinzeitlicher Werkzeuge wie Steinäxten bauten die Forschenden verschiedene Wasserfahrzeuge nach, die auch die damaligen Menschen potenziell herstellen konnten. Anschließend testeten sie ihre selbstgebauten Gefährte auf ihre Hochseetauglichkeit.
„Wir gingen zunächst davon aus, dass die Menschen der Altsteinzeit Flöße benutzten, aber nach einer Reihe von Experimenten fanden wir heraus, dass diese Flöße zu langsam sind, um den Kuroshio zu überqueren, und dass sie nicht stabil genug sind“, berichtet Kaifu. Also machten sich die Forschenden an den Bau eines Einbaums, also eines steinzeitlichen Kanus, das aus einem einzigen ausgehöhlten Baumstamm gefertigt wird. Als Baumaterial diente ihnen eine japanische Zeder. Allein das Fällen des etwa ein Meter dicken Baumstamms dauerte sechs Tage und verschliss mehrere rekonstruierte Steinzeitäxte. Anschließend entrindeten die Forschenden den Baum, höhlten ihn aus und glätteten ihn mit Hilfe von Steinen und Feuer.
Auf hoher See
Im Juli 2019 starteten die Archäologen das eigentliche Experiment: Mit fünf Personen begaben sie sich von Taiwan aus auf die Reise in Richtung der Insel Yonaguni, der nächstgelegenen Insel der Ryukyu-Gruppe. Ohne moderne Hilfsmittel paddelten sie in ihrem Steinzeitkanu über das offene Meer und navigierten dabei nur anhand von Sonne, Sternen und Wellengang. Denn die angesteuerte Insel konnten sie die meiste Zeit über nicht sehen. Und tatsächlich: Obwohl die Mitglieder der Expedition mit Hitze, Erschöpfung und Schmerzen zu kämpfen hatten, erreichten sie nach rund 45 Stunden und 225 zurückgelegten Kilometern ihr Ziel.





