Seit Jahrzehnten streiten Forscher darüber, woher die ersten Siedler der Osterinsel und der westlich davon liegenden Inseln Polynesiens kamen und ob es Einflüsse aus Südamerika gab oder nicht. Gängiger Lehrmeinung nach liegen die Wurzeln dieser Inselbewohner auf dem asiatischen Festland und auf den Philippinen. Dank günstiger Winde konnten sie mit ihren Auslegerbooten und Doppelrumpfkanus selbst große Strecken auf dem Pazifik zurücklegen und so im elften und zwölften Jahrhundert Polynesien erreichen. Neuere Genstudien stützten prinzipiell diese Herkunft der Polynesier. Doch es gibt archäologische und linguistische Merkmale, die auch einen frühen Kontakt mit Südamerika nahelegen – das fiel schon dem norwegischen Forscher und Abenteurer Thor Heyerdahl auf. So ähneln die Steinfiguren der Osterinsel und auch andere Statuen Polynesiens denen einiger mittelamerikanischer Kulturen. Zudem findet sich die in Südamerika heimische Süßkartoffel auch auf den Inseln der Südsee. “Sogar das polynesische Wort für Süßkartoffel ist mit dem Begriff der Indiosprachen aus den Anden verwandt”, erklärt Erstautor Alexander Ioannidis von der Stanford University.
Indianer-DNA im Erbgut von Polynesiern
Bisher jedoch konnten weder archäologische noch genetische Studien die Kontroverse um die mögliche Verbindung der Polynesier und präkolumbischen Indianer klären. Zwei frühere Vergleiche von DNA aus den Gebeinen lange gestorbener Ureinwohner der Osterinsel mit südamerikanischen Populationen erbrachten gegensätzliche Ergebnisse – auch weil die alte DNA zu stark fragmentiert und damit nur noch in Teilen vergleichbar war. Ioannidis und seine Kollegen haben deshalb einen anderen Ansatz gewählt. Sie sammelten DNA-Proben von 807 Studienteilnehmern von 17 polynesischen Inseln und 15 Indianervölkern entlang der pazifischen Küste Südamerikas. In den Genomen suchten sie dann mithilfe spezieller statistischer Analysemethoden nach Sequenzen, die für die jeweiligen Populationen charakteristisch sind. Dies erlaubte es ihnen festzustellen, ob und wann es Kreuzungen und Vermischungen der verschiedenen Populationen gegeben hat.
Die Auswertung ergab zunächst wie erwartet, dass ein Großteil der heutigen Bewohner Polynesiens DNA-Marker sowohl der Europäer als auch verschiedener südamerikanischer Indianerstämme im Erbgut tragen. Diese Gene wurden eingeschleust, als die Europäer zu Beginn des 19. Jahrhunderts begannen, diese Inseln zu kolonisieren, und auch Arbeitskräfte aus Südamerika mitbrachten. Doch auf den östlichsten Inseln Polynesiens, darunter auch der Osterinsel, fanden die Wissenschaftler noch eine Beimischung im Erbgut: Es handelte sich um DNA-Sequenzen, die für die in Mexiko heimischen Zapoteken und Mixe-Indianer und die in Kolumbien lebenden Zenu-Indianer typisch sind. “Diese mittelamerikanische Komponente ist bei den Rapa Nui weder mit europäischen noch den anderen südamerikanischen Genmarkern verknüpft”, berichten Ioannidis und sein Team. Das spreche dafür, dass diese Gene unabhängig von der europäischen Kolonisierung auf die Osterinsel gelangten.





