Die Wiege des Homo sapiens liegt in Afrika – so viel scheint klar. Schon vor rund 300.000 Jahren lebten frühe Vertreter unserer Spezies im Gebiet des heutigen Marokko, aber auch in Ostafrika und im Süden des Kontinents entwickelten sich vermutlich fast zeitgleich erste Populationen des anatomisch modernen Menschen. Sie stellten zunächst noch eher einfache Werkzeuge her, die sich kaum von denen der älteren Neandertaler oder Denisova-Menschen unterschieden. Auch weitergehende Kulturmerkmale finden sich aus dieser Frühzeit kaum. Vor rund 100.000 Jahren jedoch setzte eine Wende ein: Unsere Vorfahren begannen etwa um diese Zeit, auch Anzeichen für eine fortgeschrittene kulturelle und geistige Entwicklung zu hinterlassen, darunter Schmuckstücke in Form verzierter Muschelschalen, Reste der Pigmentherstellung und bemalte Objekte. Diese und weitere Funde gelten als früheste Indizien für eine symbolische, nicht strikt utilitaristische Objektnutzung.
Entwicklungssprung nur an den Küsten?
Bisher stammten die meisten Funde dieser prähistorischen Innovationen aus Fundstätten in der Nähe der Küste. Das führte bislang zur weit verbreiteten Annahme, dass die Entwicklung des Homo sapiens zu einem uns vergleichbaren sozialen, kreativen und kulturfähigen Lebewesen eng mit der Lebensweise am Meer oder zumindest größeren Gewässern zusammenhing. Die reichlicheren Ressourcen dieser Gebiete, darunter Meeresfrüchte, Fisch, Wasser und oft auch Höhlen, gaben unseren Vorfahren den nötigen Freiraum, um innovativ zu werden – so die gängige Vorstellung. Gestützt wurde sie auch dadurch, dass das Innere Afrikas bis auf wenige Ausnahmen, vor allem entlang des Ostafrikanischen Grabenbruchs, anthropologisch und archäologisch bisher kaum erforscht ist. Ein Großteil des Kontinents ist in dieser Hinsicht noch immer eine “Terra inkognita”.
Jetzt jedoch werfen Funde aus dem “Afrikanischen Outback” ein neues Licht auf die Kulturentwicklung unserer Vorfahren und ihre räumliche Verteilung. Aufgespürt haben Jayne Wilkins von der Griffith University in Australien und ihre Kollegen die prähistorischen Relikte in einem Felsunterstand am Südrand der Kalahariwüste – rund 665 Kilometer vom Atlantik entfernt. Dort befinden sich am Hang des Ga-Mohana-Hügels mehrere Überhänge, die von frühen Vertretern des Homo sapiens als Unterstand genutzt wurden. Davon zeugen unter anderem zahlreiche Steinklingen, Speerspitzen und Abschläge von Feuerstein und anderen zur Werkzeugherstellung verwendeten Gesteinen. Datierungen unter anderem mithilfe der Optisch-Stimulierten-Lumineszenz-Datierung (OSL) legen nahe, dass diese Relikte aus der Zeit vor rund 105.000 Jahren stammen.
Regelmäßige Kristalle fürs Ritual?
Neben den Steinwerkzeugen entdeckten die Wissenschaftler aber noch weitere, unerwartete Funde: ein Stück roten Ockers mit deutlichen Gebrauchsspuren, 22 rechteckige, weiße Kalzitkristalle, die eng beieinander in einer Ecke lagen, sowie Fragmente von Straußeneierschalen. Während die Eierschalen vermutlich als Wasserbehälter und Trinkgefäße genutzt wurden, waren Ursprung und Zweck der Kristalle zunächst weniger klar: “Diese Kristalle sind nicht durch natürliche Prozesse in den Felsunterstand gelangt”, berichtet das Team. Die Gesteinszusammensetzung der Felswände im Inneren des Felsüberhangs und in seiner unmittelbaren Umgebung schließen aber auch aus, das sie vor Ort abgefallen sind. Weil die nächste Quelle solcher Kalzitformationen rund 2,5 Kilometer vom Unterstand entfernt liegt, müssen die Menschen diese Kristalle absichtlich von dort in ihr Lager gebracht haben. “Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Kristalle gesammelt wurden, um als Rohmaterial für Steinwerkzeuge zu dienen – dafür ist das Kalzit zu weich”, erklären Wilkins und ihr Team.





