Ein Gesicht zu erkennen, kann schwierig sein. So schwierig, dass mit etwas Pech der Falsche ins Gefängnis kommt – wenn es vor Gericht etwa um die Frage geht, ob der Angeklagte jener Bankräuber ist, dessen Gesicht eine Überwachungskamera festgehalten hat.
Diese Situation stellte Josh Davis von der University of Greenwich in einem Experiment nach. Der Psychologe zeigte 63 Studenten, Mitarbeitern und Besuchern der Universität ein Video, auf dem das Gesicht eines „Täters” zu sehen war. Daneben sahen sie in Person den gut ausgeleuchteten „Angeklagten”. Das war entweder der Mann aus dem Video oder einer, der ihm bloß ähnelte. War der „Angeklagte” nicht der „Täter”, behaupteten trotzdem über 40 Prozent der Testpersonen, die beiden seien identisch. Im Ernstfall hätten sie also einen Unschuldigen beschuldigt.
Im großen Maßstab gab es eine solche Wiedererkennungsaktion nach den Straßenschlachten im August 2011 in London. Die Polizei veröffentlichte 4000 Fotos von Gewalttätigen in den Medien, die meisten stammten von Überwachungskameras. Zahlreiche Täter wurden von Polizisten oder Mitbürgern identifiziert, wobei den meisten nur ein einziger Treffer gelang.
Doch 20 Polizisten waren weit besser. Sie machten zusammen 609 Straßenkämpfer ausfindig. Verfügten sie über eine besondere Begabung? Davis ließ sie spezielle Gedächtnistests absolvieren. Sie sollten auf zwölf Jahre alten und stark beschädigten Fotos Prominente erkennen. Ergebnis: Alle schnitten überdurchschnittlich gut ab. Es ist also offenbar kein Zufall, dass manchen Polizisten immer wieder verblüffende Festnahmen gelingen.
Super-Erkenner am Werk
Ein anderes Beispiel: Ein Brite erkannte einen Kriminellen, als der eine belebte Hauptstraße entlangging. Er hatte ihn zuletzt 18 Monate vorher gesehen – in einem schlechten Video, das eine Überwachungskamera bei einem bewaffneten Raub aufgenommen hatte.
Davis ist überzeugt: Solche Ausnahmetalente sind „ Super-Erkenner”. Dass es diese Spezialbegabung gibt, weiß die Fachwelt seit 2009. Da hatte der an der Harvard University tätige Kognitionswissenschaftler Richard Russell Testergebnisse von vier Super-Erkennern veröffentlicht. Sie hatten sich bei ihm gemeldet, weil sie überzeugt waren, Gesichter extrem gut identifizieren zu können. Eine 26-jährige Doktorandin gab zu Protokoll: „Egal wie viele Jahre vergangen sind – wenn ich ein Gesicht schon einmal gesehen habe, erinnere ich mich daran.” Alle erkannten nach eigenem Bekunden in Filmen unbedeutende Nebendarsteller und sogar Statisten, die sie nur einmal zuvor auf der Leinwand gesehen hatten.
Russell unterzog sie extra schweren Tests. Er wollte zum Beispiel wissen, welche berühmten Personen auf Fotos abgebildet waren. Die Fotos stammten allerdings aus Zeiten, als die Promis noch keine waren, oft sogar aus ihrer Kindheit. Dieser Test ähnelte dem, den Davis später für seine Polizistenstudie verwendete. In einem anderen Test bekamen die Probanden jeweils ein leicht von der Seite aufgenommenes Foto eines Mannes und dazu sechs verschiedene Frontalbilder zu sehen. Sie waren am Computer so konstruiert („gemorpht”), dass sie nur zum Teil diesen Mann zeigten. Zum anderen mehr oder weniger großen Teil bestand das Bild aus dem Gesicht eines anderen Mannes. Die Aufgabe bestand darin, die Bilder nach der Ähnlichkeit mit dem Original zu sortieren. Die Super-Erkenner erledigten sie mit Bravour – und lagen weit über der Leistung durchschnittlicher Menschen.
Das Gegenteil dieser Super-Erkenner sind Menschen mit Gesichtsblindheit, im Fachjargon Prosopagnosie genannt. Weil sie Gesichter nicht unterscheiden können, geraten sie immer wieder in schwierige Situationen. Von einem Mann mit dieser Störung wird zum Beispiel berichtet, er habe einem seiner Kunden, mit dem er am Tag zuvor essen gewesen war, ahnungslos ins Gesicht gesehen.
Ungefähr 2 von 100 Menschen verzweifeln an Gesichtern. Etwa ebenso viele sind Super-Erkenner. Das zeigte sich, als 700 Besucher des Londoner Wissenschaftsmuseums an einem Computer einen von Russell verwendeten Gesichtserkennungs-Test absolvierten. Dabei galt es, sich anhand von Fotos Gesichter einzuprägen und diese dann unter mehreren anderen wiederzuerkennen.
Außer den Super-Erkennern und den Gesichtsblinden gibt es aber keineswegs nur Normal-Erkenner. Denn die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen und sie sich zu merken, ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Wie eine Zwillingsstudie von Mark Williams an der Macquarie University in Sydney gezeigt hat, ist die genetische Verankerung extrem stark.
Mehr als Blätter und Rinde
Wieso aber tun sich manche so schwer, während andere die geborenen Gesichtsdetektive sind? Psychologen sagen: Menschen erkennen fast alles aufgrund einzelner Merkmale. Hat ein Baum gezackte Blätter, eine rissige Rinde und trägt Eicheln, dann schließen wir daraus: Das ist eine Eiche. Gesichter aber erkennen wir als Ganzes, holistisch, wie Experten sagen. Ein Gesicht ist demnach nicht einfach die Summe seiner einzelnen Teile, sondern bildet eine Ganzheit.
Die holistische Erkennung funktioniert allerdings nur, wenn wir ein Gesicht wie gewohnt sehen: mit der Stirn oben und dem Kinn unten. Blicken wir auf ein Foto, das auf dem Kopf steht, haben wir sogar Probleme, bekannte Personen wie Angela Merkel oder Christian Wulff zu erkennen. Zeigt ein Foto einen Baum oder ein Haus mit der Spitze nach unten, lässt unsere Leistung längst nicht so stark nach.
Russell zeigte seinen Super-Erkennern daher in einem Experiment auch Gesichter, die auf dem Kopf standen. Nun waren sie kaum besser als die Normalos. Seine Schlussfolgerung: Sie verdanken ihre Super-Fähigkeit zumindest teilweise einer besonders ausgeprägten holistischen Gesichtserkennung. Wie sich das erklären lässt, wissen die Forscher nicht.
Vielen Autisten fällt es dagegen schwer, andere Menschen wiederzuerkennen. Sie können Gesichter zwar durchaus ganzheitlich verarbeiten, wie Experimente gezeigt haben, aber das ist nicht ihr bevorzugter Wahrnehmungsstil. Sie konzentrieren sich eher auf Einzelmerkmale, insbesondere auf den Mund, während sie die Augen kaum beachten.
Besonders eindrücklich demonstrieren dies neue Befunde, die ein Team um Ueli Rutishauser vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles Ende 2013 veröffentlichte. Die Forschergruppe erfasste bei zwei Autisten die Aktivität einzelner Nervenzellen in der Amygdala. Diese kleine Gehirnstruktur ist als Angstzentrum bekannt, wirkt aber auch bei der Gesichtserkennung mit. Bei den Autisten reagierten besonders viele Gehirnzellen auf die Mundregion, bei mituntersuchten Nicht-Autisten dagegen auf die Augen. An den Augen lassen sich bekanntlich Gefühle besser als an sonstigen Teilen des Gesichts ablesen. Ob sich die Autisten einfach nicht für die Gefühle interessieren oder ob sie solche Eindrücke bewusst vermeiden, können die Autoren der Studie nicht sagen.
Aber wie genau unterscheiden wir Herrn Meier von Herrn Müller? Ein führendes Modell des Psychologen Tim Valentine, heute an der University of London, besagt: Während wir aufwachsen, entwickeln wir ein Bild davon, wie beispielsweise der durchschnittliche Mann in unserer jeweiligen Kultur aussieht. Später registrieren wir dann die Abweichungen von diesem Durchschnittsgesicht. Sagen wir, Herr Müller hat etwa kleinere Augen als der Durchschnittsdeutsche und eine längere Nase, und bei Herrn Meier ist es umgekehrt. Beides lässt sich in einem Koordinatensystem eintragen, bei dem das Durchschnittsgesicht auf dem Schnittpunkt der Achsen liegt und das von Herrn Müller und Herrn Meier je nach Augengröße und Nasenlänge an entsprechenden Positionen.
So funktionieren Karikaturen
Das Koordinatensystem hat natürlich noch viel mehr Dimensionen, etwa die Kinnform oder die Buschigkeit der Augenbrauen. So können wir ein Gesicht sozusagen als eine Reihe von Koordinaten speichern und es wiedererkennen. Deshalb wissen wir auch, wen eine Karikatur darstellt: Die von Barack Obama zum Beispiel mag zwar nur aus ein paar Strichen bestehen, aber die Koordinaten stimmen.
Allerdings: Es gibt Umstände, unter denen die ganzheitliche Gesichtsverarbeitung nicht funktioniert – etwa wenn Europäer Asiaten erkennen sollen. Menschen, die zu einer anderen Ethnie gehören, werden notorisch schlecht erkannt. Auch mit Menschen aus anderen Altersgruppen tun wir uns schwer. Eine naheliegende Erklärung ist, dass beispielsweise junge Deutsche weder für junge Asiaten noch für alte Deutsche ein gutes Koordinatensystem im Kopf haben. Wenn das aber so wäre, müssten sie mit Bildern von alten Asiaten noch größere Probleme haben, da deren Aussehen sich stärker von dem der Menschen unterscheidet, mit denen sie sich am meisten beschäftigen.
Für Asiaten sehen wir alle gleich aus
Das ist aber nicht der Fall, wie der Psychologe Holger Wiese herausfand. Er arbeitet an der Universität Jena an einem großen Forschungsprojekt zur Personenerkennung. Seine jungen deutschen Versuchspersonen kamen mit Bildern von alten Asiaten nicht schlechter zurecht als mit solchen von jungen Asiaten. Wiese favorisiert daher eine andere Erklärung für den „ Die-sehen-doch-alle-gleich-aus”-Effekt: Wer nicht zur eigenen Gruppe gehört, dessen Gesicht wird erst gar keiner genaueren Analyse gewürdigt. Dazu passt, dass auch umgekehrt Asiaten Probleme haben, Europäer auseinanderzuhalten.
Hat man viel Kontakt zu Menschen fremder Herkunft, ändert sich das, fand Gillian Rhodes von der University of Western Australia heraus. Sie untersuchte chinesische Studenten, die in Australien lebten. Je länger sie dort wohnten, desto ganzheitlicher verarbeiteten sie Fotos von Einheimischen, und die Erkennungsprobleme ließen nach. Doch zu Super-Erkennern wurden sie nicht. Das ist eine seltene Spezies – und mit der hat der britische Forscher Josh Davis viel vor. Er kann sie sich gut als Sicherheitsleute oder Zollbeamte vorstellen. Sie einzusetzen hält er für eine große Verbesserung, denn: „Es ist anzunehmen, dass zurzeit Tausende gesichtsblinde Sicherheitsleute Ausweisbilder kontrollieren.”
Die britische Polizei arbeitet bereits mit solchen Super-Erkennern. Beim größten europäischen Straßenfest, dem Notting Hill Carnival in London, starrten in einem Kontrollraum 17 dieser Spezialisten auf die Monitore der Überwachungskameras und hielten nach Verdächtigen Ausschau. Im Alltag verbergen Super- Erkenner allerdings oft, dass sie jemanden nach einer flüchtigen Begegnung vor Jahren wiedererkennen. „Sonst steht man als Stalker da”, erklärt eine Studentin. •
bdw-Autor JOCHEN PAULUS ist kein Super-Erkenner. Er findet es sogar schwierig, Schauspieler auseinander zu halten.
von Jochen Paulus
Gesichtserkennung ohne Gesicht
Kein Teil des menschlichen Körpers drückt so viel aus wie das Gesicht. Deshalb glauben wir, andere selbst dann an ihrem Gesicht zu erkennen, wenn wir in Wirklichkeit auf etwas ganz anderes geachtet haben. Das hat Allyson Rice von der University of Texas in Dallas vor Kurzem nachgewiesen. Sie zeigte Versuchspersonen Bilder, die aus einem Test von elektronischen Gesichtserkennungs-Systemen stammten. Auf ihnen waren jeweils Kopf und Oberkörper eines Menschen zu sehen. Der Clou: Rice wählte vor allem solche Fotos aus, an denen der Computer gescheitert war, weil die Gesichter auf den Schnappschüssen kaum zu erkennen waren.
Wenn die Versuchspersonen nur die Gesichter aus diesen Bildern zu sehen bekamen, konnten sie folgerichtig kaum korrekt angeben, ob zwei Bilder den gleichen Menschen zeigten oder nicht. Viel mehr Treffer erzielten sie aber, wenn sie die ganzen Bilder sahen – selbst dann, wenn die Gesichter darauf abgedeckt waren. Offensichtlich urteilten die Teilnehmer anhand von Körpermerkmalen. Doch das war ihnen nicht klar. Wenn sie gefragt wurden, worauf sie ihr Urteil hauptsächlich gründeten, antworteten sie: Nase, Gesichtsform, Ohren, Mund, Augenform.
Wenn wir einem Freund zulächeln, der gerade am anderen Ende des Bahnsteigs aus dem Zug steigt, haben wir ihn also wahrscheinlich nicht an seinem Gesicht erkannt, auch wenn wir fest davon überzeugt sein sollten.
Gut zu wissen: Gesichtserkennung
Ein getoastetes Käse-Sandwich brachte bei einer Online-Versteigerung 28 000 Dollar. Denn im Muster der Röstung ließ sich ein Bild der Jungfrau Maria erkennen. Die absurde Auktion wurde durch eine Eigenart unseres Gehirns möglich: Es entdeckt überall Gesichter – in Wolken, Felsformationen, Steckdosen, Möbelstücken oder eben Lebensmitteln. Auf einem berühmt gewordenen Kartoffelchip soll das Antlitz von Elvis Presley zu sehen gewesen sein.
Die Evolution hat diese Fähigkeit nicht zufällig entstehen lassen. Am Gesicht können wir erkennen, wohin jemand blickt und welche Gefühle ihn bewegen. Das ist nützlich, denn Menschen leben seit jeher in Gruppen zusammen – und da ist es sinnvoll, Freund und Feind schnell unterscheiden zu können. Das gilt ebenso für tierische Feinde mit Gesichtern, wie der Psychologe David Navon von der University of Haifa erklärt: „Ein Urmensch hätte es teuer bezahlt, wenn er ein Paar leuchtender Punkte in der Dunkelheit nicht als Augen eines Raubtiers erkannt, sondern für zwei Glühwürmchen gehalten hätte.”
Schon 170 Millisekunden, nachdem wir ein Gesicht erblickt haben, wird im Gehirn eine spezielle Struktur aktiv, die sogenannte fusiforme Gesichtsregion. Sie reagiert auf alles, was auch nur entfernt wie ein Gesicht aussieht. Diese Reaktionsfreudigkeit hat Nouchine Hadjikhani von der Harvard Medical School 2009 entdeckt, als sie die Gehirnströme von Probanden auswertete.
Kompakt
· Super-Erkenner besitzen ein hervorragendes Gedächtnis für Gesichter.
· Bei ihnen ist die Fähigkeit, Gesichter als Ganzes („ holistisch”) zu erfassen, besonders ausgeprägt.
· Gesichtsblinde haben ebenso wie Autisten große Schwierigkeiten, Personen wiederzuerkennen.
Mehr zu Thema
Internet
Super-Erkenner bei der Polizei und in der Bevölkerung: Josh Davis I never forget a face! The psychologist 2013, 26 (10), S. 726–729 www.thepsychologist.org.uk/archive/ archive_ home.cfm?volumeID=26&edition ID =231&ArticleID=2347
Dieser Artikel hat die Super-Erkenner bekannt gemacht: Richard Russell Super-recognizers People with extraordinary face recognition ability Psychonomic Bulletin & Review 2009, 16 (2), S. 252–257 ruccs.rutgers.edu/tempdocs/russell%20 duchaine%20%26%20nakayama%202009%20 super-recognizers.pdf
Lesen
Kurzeinführung in die Psychologie der Gesichtserkennung: Gillian Rhodes Face recognition In: Daniel Reisberg (Ed): The Oxford handbook of cognitive psychology Oxford University Press, New York 2013, S. 46–68
bild der wissenschaft 4/1998 PersonSpotter is watching you
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