Dass ihm einmal so große Beachtung geschenkt würde, hätte sich Heinrich von Kleist zu Lebzeiten wohl nicht erträumt. Im Oktober 1777 als Sohn des preußischen Offiziers Joachim Friedrich von Kleist und seiner Frau Juliane Ulrike geboren, begann er ab 1792 eine militärische Laufbahn beim preußischen Heer. Bald verschrieb er sich aber den geistigen Idealen der Aufklärung, verließ 1799 die Armee und studierte in Frankfurt an der Oder Natur- und Kulturwissenschaften. Die Lektüre von Kants Kritik an der Urteilskraft lösten eine tiefe Krise in Kleists neuer Weltsicht aus, weshalb er sich erneut umorientierte. Nach längeren Auslandsaufenthalten in Paris und der Schweiz arbeitete er ab 1805 für ein Jahr im preußischen Staatsdienst. In diese Zeit fällt auch der Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit mit den Dramen Der zerbrochene Krug und Robert Guiskard, das Kleist 1804 aus Verzweiflung selbst verbrannte. Die Schriftstellerei wurde in den Jahren bis zu seinem Tod Kleists Hauptarbeitsfeld, daneben versuchte er sich als Herausgeber des Kulturjournals Phöbus und der Berliner Abendblätter, beide scheiterten jedoch nach kurzer Zeit. Am 21. November 1811 beendete der verarmte Außenseiter am Kleinen Wannsee nahe Berlins zusammen mit der krebskranken Henriette Vogel sein Leben durch Selbstmord.
Kleists Werk spiegelt seine erfolglose Suche nach vollkommenem Glück wider, die letztlich am Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit scheiterte. kaum eine seiner Erzählungen, die für die deutsche Literatur große Bedeutung haben, greift dieses Thema besser auf als Michael Kohlhaas, die den Gegensatz zwischen Recht und Gerechtigkeit behandelt. Seinen Dramen dagegen, die durch ihre teilweise pessimistische Weltsicht für das Publikum eher befremdlich wirkten, war lange Zeit nur geringe Anerkennung beschieden. Das Werk des nonkonformistischen Außenseiters Kleist steht abseits zeitgenössischer literarischer Strömungen der Romantik und der Weimarer Klassik, weshalb ihn erst Vertreter der Moderne wie Gerhard Hauptmann und Frank Wedekind zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Vorreiter ihres Stils verehrten. Beachtliche Rezeption genoss Kleist dagegen von je her bei den Anhängern des deutschen Nationalismus. Diesen vertrat er energisch in seinen politisch motivierten Werken, wie den Dramen Prinz Friedrich von Homburg und Die Hermannsschlacht, oder Gedichten wie Kriegslied der Deutschen und Ode Germania an ihre Kinder. Der ehemalige Soldat verkörperte Preußen- und Deutschtum in einer Person, was ihn ab 1860 zum beliebten Vorbild von Verfechtern der kleindeutschen Lösung machte.
Mehr als 70 Jahre später entdeckten ihn auch die Nationalsozialisten für ihre Zwecke. Der junge Soldatendichter eignete sich wie kein zweiter als Projektionsfläche der eigenen Ideologie und als Möglichkeit, das Regime als Fortführung preußisch-militaristischer Traditionen darzustellen. „Was für ein Kerl ist doch dieser Kleist gewesen!“, notierte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch, nachdem er 1941 eine Aufführung des Prinzen von Homburg besucht hatte. Dieses Werk, genauso wie die Hermannsschlacht, eine Adaption der antiken Varusschlacht, deuteten die NS-Ideologen als prophetische Vorausschau des Führerkultes und des Faschismus. Filmemacherin Leni Riefenstahl wollte aus Kleists Penthesilea einen großen Monumentalfilm machen. Auch sonst erlebte das zuvor verschmähte Werk des nun als Vorzeigepatriot stilisierten Kleist auf deutschen Bühnen eine wahrhafte Renaissance. Sein 125ster Todestag wurde 1936 feierlich und mit großem propagandistischem Aufwand begangen, seine Grabstätte am Kleinen Wannsee pompös ausgestaltet.





