Viele Jahrhunderte vor der Erfindung der Computer nutzten die Inka bereits eine Art Binärcode: Sie hielten Informationen in Form von komplexen Systemen aus geknoteten Schnüren, sogenannten Khipus fest. Jedes Khipu besteht aus einer langen Hauptschnur, an der zahlreiche geknotete Nebenstränge befestigt sind. Die Position der Knoten stand für Zahlen und womöglich Schriftzeichen. Auch Material, Farbe und Drehrichtung der einzelnen Stränge übermittelten Informationen. Auf diese Weise konnten die Inka beispielsweise Steuerlisten führen und vielleicht auch Erzählungen speichern.
Haare als Signatur
„Auf der Grundlage vor allem spanischsprachiger Kolonialchroniken geht man klassischerweise davon aus, dass Khipus ausschließlich von männlichen bürokratischen Eliten hergestellt wurden“, erklärt ein Team um Sabine Hyland von der University of St Andrews in Großbritannien. Demach nutzten vor allem hohe Beamte oder Priester des Inkareichs diesen Schnurkode. Doch Berichte zeitgenössischer indigener Chronisten legen nahe, dass beispielsweise auch Frauen zu „Khipukamayuqs“ werden konnten, also zu Spezialistinnen für Khipus.
Um mehr über die Personen, die Khipus erstellten, herauszufinden, haben Hyland und ihre Kollegen nun ein Khipu aus der Zeit um 1498 nach Christus analysiert, dessen Hauptstrang aus menschlichem Haar besteht. „Historisch gesehen diente das Menschenhaar in einem Khipu als eine Art Signatur, um den Schöpfer des Khipus zu identifizieren“, berichten die Forschenden. Und tatsächlich kann uns das Haar des von ihnen untersuchten Khipus bis heute viel über seinen Besitzer verraten. Mit einer Länge von 104 Zentimetern musste es über mindestens acht Jahre gewachsen sein. Da manche der Haare im Strang bereits weiß waren, stammten sie wahrscheinlich von einer Person im fortgeschrittenen Alter.
Pflanzliche Ernährung
Noch genauere Einblicke erhielten die Forschenden, indem sie kleine Proben von beiden Enden eines Haares mit Hilfe der Massenspektrometrie untersuchten. Das darüber identifizierte Isotopenverhältnis von Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel im Haar verrät, wie sich die Person, der das Haar gehörte, ernährt hat. „Unsere Analyse ergab, dass dieses Individuum eine für einfache Bürger charakteristische Ernährung zu sich nahm“, berichten Hyland und ihre Kollegen.
Konkret legten geringe Stickstoffwerte in der Haarprobe nahe, dass die Person, die ihre Haare im Khipu verwoben hatte, kaum tierische Proteine zu sich nahm. Bei den Inka-Eliten dagegen machte Fleisch einen wichtigen Bestandteil der Ernährung aus. Die Kohlenstoffisotope ließen zudem darauf schließen, dass sich das Individuum vor allem von sogenannten C3-Pflanzen ernährte, also beispielsweise Knollen und Gemüse, nicht aber von nährstoffreichen, hochproduktiven C4-Pflanzen wie Mais. Auch das passt nicht zur Ernährung hochstehender Inka-Persönlichkeiten, für die Maisbier eine wichtige Rolle spielte.
„Es mag zwar möglich – wenn auch unwahrscheinlich – sein, dass ein Mitglied der Inka-Elite über mehrere Jahre aus rituellen Gründen kein Fleisch gegessen hat“, schreibt das Forschungsteam. „Ein Szenario, in dem ein offizieller Khipukamayuq allerdings kein Maisbier getrunken haben sollte, ist schwer vorstellbar.“ Ihre Ergebnisse deuten laut Hyland und ihren Kollegen deshalb darauf hin, dass Khipus nicht nur von hochrangigen Bürokraten angefertigt wurden, sondern auch von einfachen Menschen aus dem Volk.
Quelle: Sabine Hyland (University of St Andrews, UK) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.adv1950





