Heimatforscher sind überzeugt: Ein Meteorit vertrieb die Kelten vor 2500 Jahren aus Bayern. Experten widersprechen – doch eine bessere Lösung bleiben sie schuldig.
Die Kelten vagabundierten durch die Welt auf der Suche nach einer neuen Heimat. Warum hatten sie ihre Stammlande im heutigen Baden-Württemberg und Bayern verlassen? Dem Welteroberer Alexander vertrauten sie um 335 vor Christus ihr kollektives Trauma an: Nichts fürchteten sie auf der Welt – außer dass ihnen der Himmel auf den Kopf falle. Eine Steilvorlage für Kord Ernstson: Der Würzburger Geologieprofessor mischt seit zwei Jahren die historische und geowissenschaftliche Gemeinde Deutschlands auf, denn er hat im bayrischen Alpenvorland die Relikte eines Meteoriteneinschlags ausgemacht – zur Keltenzeit zwischen 500 vor Christus und der Zeitenwende. Das propagiert er bei Vorträgen und im Internet. Ernstson ist das wissenschaftliche Aushängeschild einer Gruppe von bayrischen Heimatforschern, die seit einigen Jahren viele auffallend runde Seen, Bodenvertiefungen und „Krater” zwischen Chiemsee und Altötting ausgemacht haben. Und sie klaubten immer wieder „eigenartige metallische Stücke” aus dem Untergrund. Die sind der Grund für die Vermutung, dass das Keltenland verwüstet wurde. Unter dem Etikett CIRT (Chiemgau Impact Research Team) tritt die gemischte Truppe mit ihren Thesen inzwischen beherzt an die Öffentlichkeit – und der Würzburger Professor brach einen Forscherstreit vom Zaun.
ZERFETZTES GESCHOSS
Ernstson entwirft aus seinen Arbeiten und denen seiner Mitstreiter zu Geologie, Kosmochemie, Geschichte und Archäoastronomie ein Bild des dramatischen Geschehens vor 2500 Jahren. Demnach rauschte ein kosmisches Ein-Kilometer-Geschoss aus Nordosten kommend mit 12 Kilometern in der Sekunde und einem Winkel von 7 Grad zur Erde. In 70 Kilometer Höhe zerfetzte der Himmelskörper. Die Brocken bombten explosionsartig in den Boden und fegten Mensch, Flora und Fauna fort. Ganze Landstriche wurden unbewohnbar – aber nur zwischen Burghausen an der deutsch-österreichischen Grenze und dem Chiemsee. Dass die „ eigenartigen metallischen Stücke” unirdisch sind, sieht Ernstson als gesichert an, denn in dieser Zusammensetzung kämen die Metalle in der irdischen Natur nicht vor. Aus seltsam deformierten Gesteinen vom Tüttensee bei Grabenstätt, seinem Kronzeugen, liest er „Schockwellenmetamorphosen”, wie sie nur durch extrem hohen Druck und Temperaturen kosmischer Art zustande kommen. Den griechischen Phaethon-Mythos – nach dem der Jüngling Phaethon von seinem Vater, dem Sonnengott, den Sonnenwagen ausborgt, die Rösser aber nicht beherrschen kann und den halben Himmel in Brand setzt, bevor Zeus ihn mit einem Donnerkeil funkensprühend vom Himmel fegt – interpretiert Ernstson als „ Fernbeobachtung” des Chiemgau-Impakts: „Bei den antiken Autoren gibt es viele Hinweise auf dieses Ereignis.” Und nicht nur das: „ Der Mythos passt auch astronomisch.”
Das alles sehen die Kontrahenten anders, die sich um den Geologieprofessor Uwe Reimold am Naturkundemuseum Berlin scharen. Sie halten Ernstson entgegen: Die „merkwürdigen metallischen Stücke” können aus industrieller Produktion stammen – der Chiemgau ist das „chemische Dreieck Bayerns”. Die propagierten „ Impakt-Krater” sehen bayerische Landesgeologen lediglich als natürliche Eiszeit-Relikte. Das gestauchte Gestein, so Reimold, könnte auch durch Vulkanismus oder Erosion eines Gebirges entstanden sein. Reimold: „CIRT hat nichts von seinen angeblichen Befunden wissenschaftlich publiziert.” Ernstson: „Es steht doch alles auf unseren Internetseiten!” Reimold: „Jeder kann doch irgendwelches Geschreibsel auf eine Webpage setzen. Wir arbeiten innerhalb eines Peer-Review-Systems” (in dem Fachleute die eingereichten Texte vor der Veröffentlichung überprüfen). Ernstson: „Das ist ja die Crux: Da sitzen unsere Gegner.” Der Streit dreht sich im Kreis.
Keine keltischen Mythen
Dabei geht die Frage unter: Warum bricht die keltische Kultur vielerorts ab? Die Heuneburg an der Donau, als erste Stadt der Kelten apostrophiert (bild der wissenschaft 8/2006, „Frühe Kelten: Ritterschlag für die Barbaren”), wird um 500 vor Christus verlassen. Die befestigte Höhensiedlung Ehrenburg bei Forchheim hört um 400 vor Christus auf zu bestehen. Die Siedlungen verlagern sich nach Mittel- und Norddeutschland. Gegen Ende des vierten vorchristlichen Jahrhunderts setzen die keltischen Wanderungen in die Welt ein – bis nach Anatolien. Dieser tiefgreifende Wandel in der hauptsächlich süddeutschen Keltenwelt ist bislang nicht erklärt. Ernstson sieht voraus: „Das große Geschrei kommt erst noch – aus der Geschichtsforschung. Wenn unsere Befunde stichhaltig bewiesen sind, dann hat das Auswirkungen auf den ganzen mitteleuropäischen Geschichtsraum.” Aber selbst dann bliebe ein Rätsel: Deutschland ist nicht nur Germanenland, sondern auch Keltenland. Doch weder in unseren Mythen noch in kollektiven Erinnerungen haben die Kelten einen Platz. ■
von Michael Zick
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INTERNET
Die Kontrahenten im Streit um den Meteoriteneinschlag zur Keltenzeit: www.naturkundemuseum-berlin.de www.chiemgau-impakt.de
Das Stonehenge Riverside Project: www.shef.ac.uk/archaeology/research/stonehenge
Die Theorie des Architekten Jean-Pierre Houdin zum Bau der Cheops-Pyramide: khufu.3ds.com/introduction/
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