bild der wissenschaft: Herr Fansa, im Oktober 2013 erscheint Ihr Buch „Aleppo. Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe”. Sie geben es zusammen mit syrischen und deutschen Kollegen heraus. Wie kam es zu diesem Projekt?
Mamoun Fansa: Das hat mit meiner Biografie zu tun. Ich bin Archäologe und stamme aus Syrien. Meine Familie kommt aus Aleppo, und ich habe dort die ersten 20 Jahre meines Lebens verbracht. Ich kann also nicht einfach wegsehen, wenn dort Kulturdenkmäler zerstört werden. Außerdem habe ich während meiner Zeit am Landesmuseum in Oldenburg oft und eng mit syrischen Wissenschaftlern, Architekten und Denkmalpflegern zusammengearbeitet. Im Jahr 2000 etwa haben wir eine große Ausstellung mit dem Titel „Damaskus – Aleppo. 5000 Jahre Stadtentwicklung in Syrien” auf die Beine gestellt. Viele, die damals mitgearbeitet haben, sind jetzt wieder dabei. Wir wollen auf die Situation in Syrien aufmerksam machen. Denn verglichen mit den Revolutionen in Ägypten, Tunesien oder Libyen wird ziemlich dürftig über das Geschehen in Syrien berichtet.
Aleppo steht im Mittelpunkt Ihres Buchs. Gibt es dafür noch andere Gründe – außer dass es sich um ihre Heimatstadt handelt?
Ja, die gibt es. Aleppo blickt auf eine lange Geschichte zurück. Vor etwa 4000 Jahren entstand die erste Siedlung am Fuße eines Hügels, auf dem heute die Zitadelle thront. Seitdem ist der Ort kontinuierlich besiedelt. In Aleppo waren Assyrer, Hethiter, Griechen und Römer. In byzantinischer Zeit wurde die Zitadelle errichtet und nach der Eroberung durch die Araber die Große Umayyaden-Moschee. In der Altstadt mit ihren mittelalterlichen Basaren und Wohnquartieren lassen sich noch die schachbrettartig angelegten Straßenzüge der Antike nachvollziehen. Nicht umsonst erklärte die Unesco den Stadtkern 1986 zum Weltkulturerbe. Doch nun sind große Teile des geschützten Areals durch die Kampfhandlungen bedroht – und vieles wurde schon zerstört.
Das trifft auch für die Hauptstadt Damaskus zu.
Ja, aber in Aleppo gibt es sehr engagierte Leute. In den letzten Jahren wurde dort sehr viel mehr für die Denkmalpflege und die Belebung der Altstadt getan als in Damaskus. Das Problem ist: Die alten Wohnquartiere sind recht beengt. Und viele Syrer empfinden die traditionellen Wohnhäuser nicht mehr als zeitgemäß. Wer es sich leisten kann, zieht in die modernen Vorstädte. Viele Häuser in der Altstadt verfallen oder werden modernisiert, doch damit geht auch ihr Charme verloren.
Und was macht man dagegen?
Reden, reden, reden. Tamim Qasmo von der städtischen Denkmalpflege konnte in den letzten zehn Jahren mit viel Geduld die Altstadtbewohner davon überzeugen, dass ihre Häuser etwas Besonderes sind. Zumindest teilweise ist ihm das geglückt. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat ihn unterstützt. Die Menschen wurden bei Umbauten beraten und erhielten Gelder aus einem Hilfsfond. Tatsächlich hatte sich die Lebensqualität in der Altstadt bis zum Beginn des Krieges deutlich verbessert und der mittelalterliche Charakter blieb erhalten.
Hat der Krieg alle Arbeit zunichte gemacht?
Vieles davon, aber nicht nur in den Wohnquartieren. An der Zitadelle, die erst vor wenigen Jahren saniert worden war, hat man kurzerhand den Eingangsbereich größer gesprengt. Genauso erging es der Kreuzfahrerfestung Krak des Chevaliers in der Nähe von Homs. Teile des alten Basars von Aleppo sind durch Bombardierungen dem Erdboden gleich gemacht worden. Es ist fraglich, ob sich die betroffenen Bereiche überhaupt wieder aufbauen lassen. Zum Beispiel die Gewölbe über den Handwerkerstraßen – in ganz Syrien gibt es höchstens einen oder zwei Handwerker, die eine ähnliche Überdachung rekonstruieren könnten. Im April 2013 wurden auch noch die Große Umayyaden-Moschee beschossen und das Minarett zerstört. Das Gotteshaus blickt auf eine tausendjährige Geschichte zurück. Seine aufwendige Restaurierung wurde erst kurz vor Ausbruch des Krieges abgeschlossen.
Hat die syrische Armee bewusst Kulturdenkmäler zerstört, um Volks- oder Religionsgruppen zu demoralisieren?
Davon ist mir nichts bekannt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Minarett mit Absicht zerstört wurde. Es ist Krieg. Mal verschanzen sich die Regierungstruppen, mal die Rebellen in massiven Gebäuden wie der Umayyaden-Moschee oder der Zitadelle. Und wenn die Regierung in der Altstadt rebellische Kämpfer vermutet, feuert sie einfach in den denkmalgeschützten Basar hinein. Aber: Offiziere einer gut ausgebildeten Armee sind darin geschult, Unesco-geschützte Bauwerke zu schonen. Bei dem Durcheinander in der syrischen Armee ist das aber kaum möglich. Zumal das Bewusstsein für die eigene Geschichte in Syrien nicht so stark ausgeprägt ist wie in Deutschland – mit Ausnahme vielleicht der oberen Gesellschaftsschichten.
Ist das ein Grund, warum immer häufiger archäologische Stätten und Museen geplündert werden?
Der Handel mit archäologischen Funden ist ein lohnendes Geschäft. Ich weiß von einem libanesischen Antikenhändler, dass er sich eine riesige Halle gemietet hat, um alle Artefakte aus Syrien unterzubringen. Die meisten Stücke dürften illegal dorthin gelangt sein. Meistens überfallen Plünderer kleine Museen in der Provinz, etwa in Ma‘arat al Nu‘man in Nordsyrien oder Dayr al Zawr im Osten. Nordsyrien ist so stark umkämpft, dass es faktisch keine Polizei mehr gibt. Museen und archäologische Stätten sind völlig ungeschützt. Die großen Museen in Aleppo und Damaskus wurden bisher nicht beraubt. Doch mehr Kopfschmerzen als die Museumsexponate bereiten mir die Stücke, die aus Raubgrabungen stammen.
Warum?
Wenn Gegenstände aus dem Museum im Kunsthandel angeboten werden, weiß ein Fachmann sofort, woher sie kommen. Vor Kurzem etwa sind Teile eines byzantinischen Mosaiks am Persischen Golf aufgetaucht, die ganz klar aus dem Museum von Hama entwendet wurden. Bei Stücken aus Raubgrabungen weiß man nicht unbedingt, woher sie stammen. Es hat sie ja keiner dokumentiert. Als ich kürzlich die Satellitenbilder der antiken Siedlung von Apameia in Nordsyrien gesehen habe, war ich zutiefst erschüttert. Die Fläche ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Wissenschaftlich ist dieser Ort verloren. Die Leute aus der Umgebung haben schon immer das eine oder andere Stück aus der Erde geholt und verkauft. Doch das Ausmaß der derzeitigen Plünderungen sprengt alle Vorstellungskraft. Nichts scheint mehr sicher zu sein. In Palmyra, einer römerzeitlichen Ruinenstadt in der Syrischen Wüste, wird während der Nacht auch mal eine ganze Säule umgelegt und mitgenommen. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich Ihnen das erzähle.
Stimmt es, dass die Rebellen ihre Waffen auch durch den Antikenhandel finanzieren?
Schon möglich. Ich glaube aber, dass die meisten Raubzüge auf das Konto professioneller Diebesbanden gehen. Sie nutzen schlicht die prekäre Situation im Land aus. Was die Rebellen betrifft: Es liegt mir fern, mit dem Finger auf die eine oder andere Gruppe zu zeigen und Verurteilungen auszusprechen, seien es nun die Rebellen oder die Regierungstreuen. Wir wollen in unserem Buch zeigen, welche Zerstörungen der Krieg anrichtet, aber nicht nach den Schuldigen suchen. Kaputt ist kaputt. Wir müssen jetzt einen Weg finden, mit den Folgen umzugehen. Das ist viel wichtiger.
Wie wollen Sie das schaffen?
Tamim Qasmo hat da klare Vorstellungen. Nach dem Krieg, der hoffentlich bald zu Ende ist, müssen als Erstes die Schäden in der Altstadt von Aleppo dokumentiert werden. Welche Gebäude sind beschädigt, und welche lassen sich reparieren? Dazu brauchen wir die Hilfe der Bevölkerung. Im Klartext: Jemand muss von Tür zu Tür gehen und die Leute befragen. Dafür sind viele Helfer nötig. Qasmo hofft, dass alle öffentlichen Stellen und dann auch die städtische Denkmalpflege schnell wieder ihre Arbeit aufnehmen können. Im nächsten Schritt müssen Geldmittel für den Wiederaufbau aufgetrieben werden. Wir hoffen natürlich, mit unserem Buch ein wenig die Werbetrommel zu rühren. Vielleicht schaffen wir es ja, die GIZ wieder ins Boot zu holen.
Das hört sich gut an. Aber werden Bevölkerung und Politiker da mitmachen?
Es ist gut möglich, dass die Leute nach dem Krieg kein Interesse haben, alte Häuser wiederaufzubauen. Wer will es ihnen verdenken? Doch die Altstadt stellt einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für Aleppo dar. Der Basar ist keine reine Touristenattraktion. Hier werden verschiedenste Dinge produziert und Dienstleistungen angeboten – beides ist wichtig für die einheimische Bevölkerung. Die Altstadt wiederherzustellen, bedeutet auch, Aleppos Wirtschaft anzukurbeln. Dies kann nur im Sinne der Politiker sein.
Die könnten die alten Wohnquartiere aber auch abreißen und neu bauen lassen.
Kurzfristig gesehen, ja. Aber langfristig lohnt es sich, so viele Altbauten wie möglich zu erhalten. Schließlich machen sie Aleppo für den Tourismus attraktiv – ein nicht unerheblicher Wirtschaftsfaktor. Allerdings gilt es, schnell zu handeln. Wenn man zu lange wartet, richtet keiner mehr einen beschädigten Altbau her. Dieses Schicksal hat viele deutsche Innenstädte nach dem Zweiten Weltkrieg ereilt. Das Ergebnis kennen wir. Streng genommen müsste man schon jetzt die ersten Schritte zum Wiederaufbau einleiten.
Mitten im Krieg?
Ja! Es hilft schon viel, wenn man gut erhaltene Bauteile auf die Seite schafft oder Zerstörungen mit der Kamera dokumentiert. Tamim Qasmo etwa ist es gelungen, den Minbar der Großen Moschee, das ist eine Art Kanzel, vor der Zerstörung zu retten. Wie er handeln aber nur ganz wenige. Da gehört viel Idealismus dazu. Den haben auch die jungen Leute, die für uns Bilder von den Zerstörungen in der Altstadt machen. Sie nennen sich „Plattform Augenzeuge” und fotografieren auch andere Kriegsschauplätze in Syrien. Ihre Bilder veröffentlichen sie im Internet. Ihnen ist es wichtig, dass die Leute im Ausland sehen, was in ihrem Land geschieht.
Das hört sich gefährlich an …
Ja, das ist es auch. Tamim Qasmo erzählte mir bei unserem letzten Gespräch, er habe seit Tagen das Haus nicht verlassen. Dort, wo er hingehen wollte, kam es zu Schießereien. Von unseren Fotografen habe ich auch schon einige Zeit nichts mehr gehört. Gerade toben wieder heftige Kämpfe in Aleppo – auch in der Altstadt. Die Situation ist unüberschaubar. Fast alle ausländischen Organisationen haben das Land verlassen, und Syrien wird kaum noch angeflogen. Das ist auch ein Grund, warum ich seit Kriegsausbruch nicht mehr dort war. Aber sobald alles vorüber ist, fahre ich hin. Ich möchte nicht nur von Deutschland aus helfen, Aleppo wiederaufzubauen. ■
Das Gespräch führte Karin Krapp





