Einst lag zwischen Dänemark und England festes Land. Menschen lebten dort über Jahrtausende. Doch dann holte sich die See jeden Meter. Heute ist Doggerland nur mehr eine Erinnerung auf dem Grund der Nordsee
Letzter kostenloser Artikel3/3
Text: Oliver Abraham
Es ist Eiszeit. Die Männer greifen zu ihren Speeren, sie haben das Mammut gestellt. Der Wind weht über eine kalte, baumlose Steppe. Seit Tagen sind sie ihm gefolgt. Jetzt steht es vor ihnen. Schnitt.
Viele Tausend Jahre später. Leise schlagen Paddel in den Fluss. Jäger lassen sich nordwärts tragen vom großen Strom. Die Beute, ein Hirsch, ein paar Hasen, sowie Pfeil und Bogen liegen in ihrem Boot. Die Ebene jenseits des Flusses ist über viele Kilometer gleichförmig. Doch dann steigt über dem Ufer Rauch auf und ein Klacken ist zu hören. Es stammt vom Zurechthauen der Feuersteine. Die Männer legen an, vertäuen das Boot und schlagen sich durch ein Gebüsch aus Haselstrauch. Nun riecht es nach geräuchertem Fisch und Fleisch. Es riecht nach Zuhause, hier lagert ihre Sippe. Und in der Ferne ragt ein großer, roter Felsen aus der Ebene – Helgoland.
So könnte es gewesen sein. Vielleicht. Vielmehr: Sehr wahrscheinlich haben sich vergleichbare Szenen dort abgespielt, wo heute Fischkutter fahren, Seehunde umherschwimmen und Plattfische am Meeresgrund ihrer Dinge harren.
Doch Doggerland, der Schauplatz dieser Szenen, ist ertrunken, liegt 50 Meter tief im Meer. Bilder können wir uns nur vorstellen, Funde hingegen beweisen seine Existenz. Vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit war der Neandertaler hier unterwegs, als das Eis schmolz, kam der Jetztmensch und durchstreifte mit seiner Sippe das weite Land. Viele Tausend Jahre später tauchen an der Nordsee bei extremem Niedrigwasser Reste von Bäumen auf. Rätselhaft sind die versunkenen Wälder in der Nordsee. Ende des 19. Jahrhunderts begab sich der englische Paläobotaniker Clement Reid auf die Spur der Spekulationen und versuchte, die frühe Küste zu finden. Als Rhein und Themse zusammenflossen, als die Ems in die Elbe mündete.
Mit dem Aufkommen der Schleppnetzfischerei tauchen nun auch immer mehr Knochen auf. Im Jahr 1931 lief der Fischtrawler „Colinda“ an der englischen Ostküste aus, um in der Nordsee zu fischen, ihre Netze zog die Mannschaft über die Untiefen der nordöstlich von Norfolk gelegenen Leman and Ower Bank. An Bord hievten sie einen Torfbrocken. Kapitän Lockwood war neugierig und als er den schwarzen Placken zerbrach, kam darin eine Harpune aus Geweih zum Vorschein. Damit war belegt, dass auch Menschen da draußen gelebt haben.
Ende des 20. Jahrhunderts untersuchte die britische Archäologin Bryony Coles diesen Lebensraum, infolgedessen brachte interdisziplinäre Forschung versunkenes Land in Form eines Computermodells zum Vorschein. 2007 schließlich holte ein Forscherteam um Vincent Gaffney im Rahmen des Forschungsprojektes „Mapping Doggerland“ auch ein Netz an Flüssen und einen großen zentralen See auf den Bildschirm – den Outer Silver Pit. Verlorenes Land bekam einen Namen und Gesicht.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Und eine Geschichte: „Infolge der nacheiszeitlichen Erwärmung und dem damit verbundenen Abschmelzen der Gletscher kam es zu einem rasanten Meeresspiegelanstieg“, sagt der Archäologe Hauke Jöns, „dadurch wurden die damaligen, im Bereich des heutigen Nordseebeckens gelegenen Lebensräume überflutet, die Lager- und Jagdplätze der die Landschaft nutzenden Jäger- und Sammlergemeinschaften gingen in der Nordsee unter.“ Jöns ist einer der Direktoren des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven.
Ein Land zwischen England und Dänemark
Zwischen Dänemark und England erstreckte sich noch vor 10.000 Jahren eine große Landfläche – diese Region in der heutigen südlichen Nordsee wird als Doggerland bezeichnet. Doch der Meeresspiegel stieg durch das Schmelzen der Eismassen an und Doggerland wurde überflutet, bis sich vor 7.500 Jahren die heutigen Küstenlinien bildeten.
Mit seinem Wildtierbestand für die Jagd sowie den Küsten- und Flussufern für den Fischfang war die Landschaft attraktiv für steinzeitliche Jäger und Sammler. Dann kam das Wasser; langsam, aber unaufhaltsam – Kliffe und Sandbänke erodierten, Graslandschaften und Wälder versalzten und starben, küstennahe Landschaftsräume wie Marsche und Watt gingen unter. „Höhergelegene Stellen wie Uferwälle, Moränenkuppen oder Dünen an der Küste dürften für die Jäger- und Sammlergemeinschaften des Doggerlandes attraktive Lagerplätze gewesen sein – aber gerade diese Stellen waren besonders anfällig für die Erosion durch den Meeresspiegelanstieg“, so Jöns.
Hauke Jöns berichtet von Unterwasserausgrabungen am Jäckelberg in der Wismarer Bucht an der Ostsee. Dort versank die Lebenswelt ähnlich schnell zur selben Zeit, auch die dort lebenden Gruppen waren auf Fischfang und Jagd ausgerichtet, so dass man die Ergebnisse aus der Wismarer Bucht modellhaft auf das Doggerland projizieren kann: „Es wurden dort Lagerplätze gefunden, die als Reaktion auf den Meeresspiegelanstieg sukzessive immer wieder verlegt, immer höher angelegt wurden. Man kann davon ausgehen, dass dies innerhalb von wenigen Generationen passierte.“ Ob die Leute gewusst haben, was da passierte?
Doggerland zwang zur Anpassung
„Stellen wir uns eine Gruppe vor, die im Frühjahr zum Lachsfang immer an eine bestimmte Stelle an die Mündung eines Flusses zog, um dort ihre Netze auszulegen oder Reusen aufzustellen“, so skizziert Hauke Jöns ein mögliches Bild, „und dann war dieser Platz kleiner oder er war gar nicht mehr da. Oder die Stellen zum Aufstellen der Netze und Reusen, die Mündung oder der Zusammenfluss zweier Wasserläufe war längst überflutet.“ Dann waren Erfahrungen und Kreativität gefragt, so dass eine Anpassung an die neuen naturräumlichen Verhältnisse möglich wurde.
Im neuen Museum „Steinzeithaus“ des Steinzeitparks Dithmarschen in Albersdorf sind Fundstücke ausgestellt, die zum größten Teil an der Nordseeküste von Schleswig-Holstein gefunden wurden. Dies hier sind zwar keine Funde aus der Nordsee, aus Doggerland, aber: „Das hängt zeitlich und örtlich unmittelbar zusammen. Es waren dieselben Kulturen“, sagt der Leiter des Steinzeitparks Rüdiger Kelm, „man kann das, was wir hier haben, durchaus ins Doggerland übertragen. Die heutige Westküste von Schleswig-Holstein ist ein verlängertes Stück von Doggerland, ihr östlicher Rand – nur liegt dieser Bereich weit über 50 Meter höher und ist nicht versunken.“
Will man spätes Doggerland erleben, so spaziere man hier umher; höre zu, schaue hin. Denn im Park stellen Experimentalarchäologen das Leben der Steinzeit nach – streng nach Wissenschaft, aus Funden und mit dem, was Steinzeitleute zur Verfügung hatten.
„Wisent, Elch und Auerochse – in der Mittelsteinzeit war die Auswahl an Jagdwild besonders groß“, sagt Rüdiger Kelm. „Auch Meeressäuger wie Schweinswale, Delfine und Robben wurden gejagt, Flüsse und Seen waren fischreich.“ Die Leute von Doggerland waren Jäger und Sammler, gewiss, aber sie waren auch Fischer. Das Boot war schließlich das Mittel der Wahl zum Unterwegssein auf den natürlichen Wasserwegen, denn die Landschaft, ihr Lebensraum, wurde mit steigendem Meeresspiegel zunehmend amphibisch.
„Während der Eiszeit gab es nördlich der Alpen keinen Wald“, sagt Rüdiger Kelm, „die Norddeutsche Tiefebene und in ihrer geografisch wie klimatisch natürlichen Fortsetzung damit auch das Doggerland waren zu der Zeit eine Tundra.“ Als es wärmer wurde, kamen als erste Bäume Birken und Kiefern, später auch Haselsträucher zurück, dann folgten im Laufe weiterer Jahrhunderte Eichen, Ulmen und Linden.
Die ersten Jetztmenschen im Norden kamen gegen Ende der Eiszeit zurück, sie lebten in kleinen Gruppen und vor allem von der Jagd. „Sie kamen zu Beginn einer wärmeren Phase, aber noch zur Eiszeit in diese Region“, berichtet Rüdiger Kelm, „es war noch eine Tundra, aber es wuchsen dort bereits Sanddorn, Wacholder und Zwergbirken. Neben Rentieren zog es auch schon Wildpferde her, es gab Schneehühner und Schneehasen.“ Dann wurde es über eine längere Zeit so warm, dass sich Böden entwickelten, auf denen lichte Wälder aus Birken und Kiefern standen.
Am Ufer eines Teiches stehen Hütten aus Schilf, hier lebt der „Steinzeitjäger“ Werner Pfeifer; der Museumspädagoge und Experimentalarchäologe im Albersdorfer Steinzeitpark. Er trägt Mokassins, eine Lederleggins und einen Wams aus Leder, eine Jacke aus grau und silbern schimmerndem Robbenfell. Er schlägt Klingen aus Feuerstein, erklärt den Alltag von damals. Heute riecht es in den Hütten angenehm nach Rauch und Heu, früher wird es nach Fisch, Fett und Fleisch gestunken haben, zwecks Haltbarmachung wurde geräuchert. „Hundertprozentig wird immer ein Feuer gebrannt haben“, sagt Werner Pfeifer, „die Leute mussten sich in dem kühlen und feuchten Land aufwärmen.“
Hier findet sich all das wieder, was die Leute aus den Funden nachgebaut haben: Beile aus Geweih und Feuerstein, Harpunen, Aalstecher und Fischspeere aus Holz und Horn, Messerschäfte aus Fischleder von Aal und Lachs. Fischnetze aus Linden- und Weidenbast, Pfeil aus Birkenholz und Bogen aus Ulmenholz. Heimstatt und Haushalt der Leute aus Doggerland; sehr wahrscheinlich.
Das Land ist untergegangen, verschwunden ist es aber nicht. Forscher wie der Geologe Daniel Hepp rekonstruieren die Topografie einer Welt und die Geschichte ihres Untergangs. „In dieser Zeit wandelte sich das Klima: Anfangs war das Doggerland vermutlich eine Kältewüste mit Permafrostboden, die sich mit zunehmender Klimaerwärmung und dem Abschmelzen der Eisschilde zu einer tundraartigen Landschaft entwickelte“, erklärt Hepp.
Die Landschaft ist erodiert
Wie Doggerland ausgesehen hat, weiß man trotzdem nicht, weil die Landschaft durch Überflutung erodiert wurde. „Wie es da wirklich aussah? Gute Frage! Größere Teile des Doggerlandes sehe ich hügelig, vielleicht so wie zum Beispiel die heutige Holsteinische Schweiz. Die Doggerbank wird eine auffallende Erhebung gewesen sein. Und Helgoland, der rote Fels, lag im Doggerland wie der Ayers Rock in Australien“, so Hepp.
Hepp arbeitet am Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven und hat gemeinsam mit anderen Forschenden vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften in Bremen Licht ins Dunkel der vergangenen Jahrtausende gebracht. Der Geophysiker berichtet davon, dass dieses Land von einem Netz aus Seen, Bächen und Flüssen durchzogen war, „das erkennen wir hauptsächlich an den eingeschnittenen Flusstälern, Rinnen und Vertiefungen. Torfschichten und Sedimentablagerungen innerhalb dieser Rinnen. Sie geben Aufschluss über die letzte Phase des Doggerlandes.“ An solchen Ablagerungen erkennen die Forscher zum Beispiel ehemalige Küstenlinien, die mit steigendem Meeresspiegel immer weiter landeinwärts wanderten.
Was die Forscher auch wissen: Von dem Gebiet, das heute als Doggerbank bekannt ist, flossen etliche Flüsse ab. Die Doggerbank, damals in der Landschaft, stellt man sich als einen großen, in Ost-West-Richtung bis zu 350 Kilometer langen und bis zu 120 Kilometer breiten Hügelzug vor, der rund 60 Meter über der Fläche aufragte.
Mit dem zunehmenden Anstieg des Meeresspiegels wurde die Doggerbank allmählich zur Insel und ging als letztes Relikt des Doggerlandes vor rund 8.000 Jahren unter.
Mit steigendem Meeresspiegel drang das Meer auch in das Urstromtal der Elbe, so Hepp, und bildete einen großen Meeresarm ähnlich der heutigen Förden an der Ostsee. Dieser reichte vermutlich bis in die Region des heutigen Helgoland. Auf ganzer Front verschob sich die Küstenlinie in Folge des Meeresspielanstiegs von Nord nach Süd, von den Mündungsgebieten der Flüsse landeinwärts. Hepp: „In einer flachen und niedrig gelegenen Gegend bedeutet der Anstieg des Meeresspiegels von nur wenigen Dezimetern Überflutung in der Fläche von mehreren Hundert Metern landeinwärts.“
Der Anstieg des Meeresspiegels war so massiv und ging so schnell vonstatten, dass den Menschen der Untergang ihres Lebensraumes möglicherweise bewusst gewesen sein könnte. „Stellen wir uns eine Gruppe Jäger vor, die an der Küste standen“, so skizziert Hepp eine mögliche Szene, „der Großvater wusste vielleicht noch aus Erzählungen, dass dort, wo sich nun das Meer befand, einstmals Jagdwild durch die Landschaft zog.“ Vielleicht erinnerte er sich an eine Insel, die es nicht mehr gab. Was wurde aus den Leuten? Die Steinzeitjäger werden wahrscheinlich einfach zurückgewichen sein.
Das Hauptereignis zum Untergang des Doggerlandes war nach Ansicht von Daniel Hepp die rasche Küstenverlagerung infolge des Meeresspiegelanstiegs. Vor rund 8.150 Jahren aber kam der Paukenschlag zum Abgang – ein Tsunami.
11. Juni 2026
Die erste Fußballweltmeisterschaft fand 1930 in Uruguay statt. Aber warum eigentlich gerade dort? Bis dahin hatten die großen europäischen…
Geschichte & Archäologie
Rätsel um kopflose Skelette geht weiter
9. Juni 2026
Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen…
Geschichte & Archäologie
Mammutfund erweist sich als steinzeitliches Cold Case
8. Juni 2026
Cold Case: Ein bei Regensburg entdecktes Mammutskelett hat sich als wichtiges Zeugnis der menschlichen Frühgeschichte entpuppt. Denn…