Ein absolutistischer Egomane kämpft gegen das staatliche Establishment und verschwindet spurlos. Seine „Große Königliche Gemahlin” taucht unter – und vermutlich später wieder auf. Eine Konkubine betritt die Bühne, gebiert einen Sohn und geht. Es werden seltsame Briefe verschickt, Spione ermitteln, Priester kungeln im Tempel mit dem Militär. Ein Prinz wird ermordet. Der Polit-Krimi aus dem 14. Jahrhundert v.Chr. ist mit exzellenten Darstellern bestückt, drei haben Star-Charakter: Echnaton, Nofretete und Tutanchamun. Es ist ein Drama im Skakespeare-Format und eines der größten Rätsel der Ägyptologie. Jetzt wird – nach einer Anklage durch einen Ägypten-Experten vor einigen Jah-ren – von einem Keilschriftforscher ein zweiter Indizienprozess geführt. Und auch dabei deutet alles darauf hin: Nofretete war’s !
Was bisher geschah: Amenophis IV., der sich Echnaton nannte, verordnete dem traditionsverkrusteten Altägypten im 14. Jahrhundert v.Chr. eine krasse Kulturrevolution. Er schloss den ägyptischen Götterhimmel und verlangte die Anbetung nur eines Überirdischen, seines Sonnengottes Aton. Diesen ersten Monotheismus versuchte er mit allen Mitteln durchzusetzen, was die mächtige Priesterschaft des bisherigen Reichsgottes Amun zu seinem erbitterten Gegner machte. Um sich dem Druck zu entziehen und ganz seinem Kult leben zu können, ließ Echnaton sich eine neue Residenz bauen: Achetaton, heute bekannt als Amarna. Nach 17 Jahren Regierungszeit scheiterte der königliche Religionsstifter. Über sein Ende ist nichts bekannt. Er wurde aus den offiziellen Königslisten getilgt und für über 3000 Jahre der Verdammnis des Vergessens anheim gegeben. Seine Mumie wurde bislang nicht gefunden.
Die Frau an seiner Seite war die schöne Nofretete. Sie ist noch rätselhafter als ihr Mann. Auf den Wandgemälden und Reliefs der königlichen Propaganda tritt sie stets zusammen mit Echnaton auf. Sie ist – ungewöhnlich für die altägyptische Staatsauffassung – auch bei den Kulthandlungen immer dabei. Szenen mit Mann und spielenden Kindern finden sich ebenso auf den Reliefbildern wie das turtelnde Ehepaar im weiß-gold glänzenden Streitwagen. Ihre Titel: „Große Königliche Gemahlin” und auch „ Herrin beider Länder”. Sechs Kinder gebar sie, alles Töchter, keinen Thronfolger. Irgendwann stieg Kija zu des Pharaos Favoritin auf, vermutlich eine ausländische Prinzessin aus dem königlichen Harem. Die meisten Ägyptologen sehen in ihr die Mutter des einzigen Echnaton-Sohnes Tutanchamun. So jäh wie sie aufstieg, fiel Kija wieder ins Nichts zurück. Aber auch Nofretete verschwand. Nach dem zwölften Regierungsjahr Echnatons taucht sie nicht mehr in den offiziellen Darstellungen auf. Ihre Mumie ist bis heute verschollen.
DIE HAND AM DRÜCKER
Nofretete hatte eine starke Stellung im Machtapparat des königlichen Hofes. Der britische Ägyptologe Nicholas Reeves ist überzeugt: „Nofretete war einer der Architekten des Aton-Kults.” Für den Leiter des Amarna Royal Tombs Project gibt es kein Geheimnis um Nofretete, denn für ihn ist „ohne den geringsten Zweifel” klar, dass Nofretete zur Mitregentin Echnatons aufstieg – und aus diesem Grund den Namen wechselte.
Nicholas Reeves – ein umstrittener Ägyptologe, aber fest verankert in der Wissenschaftlergemeinde – stützt sich in seiner archäologisch-philologischen Beweisführung auf viele scheinbar nicht zusammenhängende Indizien. Den Weg weisen ihm von früheren Ägyptologen falsch interpretierte geschlechtslose Kolossalstatuen, eine unbeachtete Stele im Berliner Museum und eine zusätzliche Kartusche – die steinerne Hieroglyphen-Visitenkarte der ägyptischen Könige. Und die Ikonographie der Staatspropaganda: So wird Nofretete auf Reliefs schon früh dargestellt bei der symbolischen Handlung „Erschlagen der Feinde” – ein Bildtyp, der allein dem König zustand. Zudem legte sich Nofretete kurz vor ihrem Verschwinden einen weiteren Namen zu – „Nefernefruaton”. Kurz danach erscheint auf den offiziellen Darstellungen ein schemenhafter Mitregent Echnatons mit Namen Anchcheprure-Nefernefruaton. Den identifiziert Reeves als Nofretete, die nach dem Tod Echnatons als „Semenchkare” alleinige Herrscherin Ägyptens wurde. Reeves stellt fest: „ Nofretete war nachweislich Königin geworden.”
Sie wurde Herrscherin über ein wirtschaftlich zerrüttetes Land mit innenpolitischen Zerfallserscheinungen. Außenpolitisch war die Situation ebenfalls gefährlich: Die Machtbalance im Vorderen Orient zwischen Babylonien, Mitanni, Assyrien und Ägypten wurde gestört durch einen Neuling auf der weltpolitischen Bühne. Die Hethiter drängten in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts v.Chr. aus ihrem Stammland Anatolien weit nach Süden, ins heutige Syrien und nach Mesopotamien. Während eines Kriegszugs gegen einen ägyptischen Vasallen erhielt der hethitische Großkönig Schuppiluliuma I. Post von einer ägyptischen Kö- nigin: „Mein Gemahl ist tot, und ich habe keinen Sohn. Aber man sagt mir, dass du viele Söhne hast. Wenn du mir einen deiner Söhne schickst, würde er mein Gemahl sein. Ich werde niemals einen meiner Diener zum Gatten nehmen … Ich habe Angst.”
Wer war Dahamunzu?
Die Briefschreiberin wird in der hethitischen Abschrift nur als „Dahamunzu” (Königsgemahlin) ohne Namen aufgeführt. Wer war diese Dahamunzu? Über den Namen des verstorbenen Pharaos kam man bislang nicht weiter. Er wird in den hethitischen Archivtexten „ Nibhururija” genannt. Diesen Namen können die Ägyptologen sowohl dem Vornamen Echnatons (Nefercheprure) als auch dem seines Sohnes Tutanchamun (Nebcheprure) zuordnen. Die Bittstellerin wäre also entweder die – unbedeutende – Witwe des Tutanchamun oder die machtvolle Nofretete gewesen. Für Nicholas Reeves steht fest: „ Dahamunzu war keine andere als Nofretete selbst.”
Die schöne Gattin des Echnaton interessierte Jared Miller nicht besonders. Der kanadische Hethiter-Experte, der seit Ende 2008 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrt, hatte bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz eine undankbare Aufgabe: Er sollte noch nicht gesichtete Keilschriftfragmente aus den Archiven der Hethiter-Hauptstadt Hattusa übersetzen und publizieren. Dabei stieß Miller auf sechs Bruchstücke, die zueinander passten und sich an zwei bereits bekannte Tontafel-Trümmer anschließen ließen. Und plötzlich bekam der Text einen völlig neuen Sinn.
PINGELIGE PUZZLEARBEIT
Bei der nun möglichen Zusammenschau handelt es sich um einen Annalentext des hethitischen Großkönigs Murschili II., Sohn und Nachfolger von Schuppiluli- uma I., der den ominösen Witwenbrief bekam. In dem Murschili-Memo geht es unter anderem um eine Strafexpedition des Hethiters nach Syrien und Auseinandersetzungen mit den Ägyptern, speziell um einen Ägypter namens Arma’a. Damit und mit weiteren neuen Bruchstücken kann Miller eine hethitisch-ägyptische Chronologie aufbauen, die klar macht, wer der verstorbene Pharao „Nibhururija” gewesen sein muss, Echnaton oder Tutanchamun. Drei Voraussetzungen müssen dafür zutreffen: Der Text stammt tatsächlich von Murschili II. – Miller: „Das ist unstrittig.” Und: Hinter Arma’a verbirgt sich Ägyptens oberster Feldherr Haremhab – Miller: „Das bezweifelt niemand.” Schließlich: Arma’a/ Haremhab war zu diesem Zeitpunkt noch nicht der spätere Pharao Djesercheprure. Miller meint: „Das halte ich für sicher, denn er wird in den Texten stets mit seinem Geburtsnamen ohne Königstitel und Thronnamen genannt.”
Mit diesen Ergebnissen aus unspektakulärer und überaus pingeliger philologischer Puzzlearbeit kann der Keilschriftgelehrte nun belegen: Aus chronologischen Gründen scheidet Tutanchamun aus. Mit Nibhururija kann nur Echnaton gemeint sein. Mithin war Nofretete die Königswitwe, die den Hethiter-König zum Schwiegervater haben wollte. Jared Miller: „ Ich kenne nur einen Kollegen, der diese Sichtweise ablehnt.” Der Empfänger des Witwen-Schreibens, Hethiterkönig Schuppiluliuma I., war übrigens misstrauisch, was die Aufrichtigkeit des Briefs betraf. Er schickte seinen Kanzler zur Recherche an den Nil: „ Bringe mir die Wahrheit.” Die Reaktion der Herrscherin klingt gereizt: „Warum redest du von Täuschung? … Einem anderen Land schrieb ich nicht. … Gib mir einen deiner Söhne. Für mich zum Gatten, für Ägypten als König.”
MORD AUF DEM WEG ZUR MACHT
Eine unvorstellbare Mitgift: Es entstünde ein Reich unter hethitischer Herrschaft vom Schwarzen Meer bis zum schwarzafrikanischen Nubien. Dem kann kein Machtmensch widerstehen. Also wurde Hethiter-Prinz Zananza nach Ägypten geschickt. Doch er kam nie an. Er wurde ermordet, noch bevor er und seine Eskorte die ägyptische Grenze erreichten. In Ägypten gewannen die konservativen Kräfte aus Priesterschaft und Militär endgültig die Oberhand und revidierten die Neuerungen Echnatons. Das Schicksal Nofretetes nach dem Techtelmechtel mit dem Todfeind liegt völlig im Dunkeln. Doch die Folgen der Untat sind für Nicholas Reeves klar: „Wir dürfen annehmen, dass bei ihrem Tod natürliche Ursachen eine untergeordnete Rolle gespielt haben.” ■
MICHAEL ZICK, ehemaliger Archäologie-Redakteur von bdw, ist stets auf der Suche nach neuen Erkenntnissen über alte Zeiten.
von Michael Zick
NOFRETETE findet keine RUHE
Sie ist das berühmteste Stück des Ägyptischen Museums in Berlin und lockt jährlich mehr als 600 000 Besucher an. Doch seit die ägyptische Regierung im Jahre 1924 von der Existenz der Nofretete-Büste erfuhr, fordert sie die Nil-Schönheit zurück. Deutschland besteht bis heute auf dem Besitz und will die Büste nicht einmal für die Einweihung des Echnaton-Museums im Jahr 2010 nach Ägypten ausleihen.
Was die Ägypter schon länger ahnten, bestätigt jetzt ein bislang geheimer Übergabebericht der Deutschen Orient-Gesellschaft: Demnach hat der damalige Ausgrabungsleiter Ludwig Borchardt getrickst, als die Fundstücke, wie früher üblich, zwischen Ägypten und Deutschland aufgeteilt wurden. Nach der Ausgrabung in Tell el-Amarna im Dezember 1912 soll Borchardt dem Antikeninspektor Mittelägyptens ein unvorteilhaftes Foto der Büste vorgelegt haben. Außerdem soll er behauptet haben, die Figur sei aus Gips gefertigt, obwohl sie in Wahrheit aus einem Kalksteinkern mit Stucküberzug besteht.
Heute dürfen ägyptische Funde nicht mehr ins Ausland ausgeführt werden. Sie gehen laut dem Deutschen Archäologischen Institut sofort in den Besitz der örtlichen Altertümerverwaltung über und werden von Inspektoren vor Ort in Magazinen verschlossen aufbewahrt. HB
KOMPAKT
· Nofretete war Mitregentin von Echnaton und nach seinem Tod Königin über ein zerrüttetes Land.
· Neu entschlüsselte Keilschrifttexte geben Aufschluss über ihr Bittgesuch an den hethitischen König.
· Fast wäre ein Großreich vom Schwarzen Meer bis zum afrikanischen Nubien entstanden.
LESEN
ECHNATON – DER MYSTERIÖSESTE PHARAO bild der wissenschaft 11/2002, Titelgeschichte
TUTANCHAMUN – DER UNTERSCHÄTZTE PHARAO bild der wissenschaft 12/2004
Nicholas Reeves ECHNATON – ÄGYPTENS FALSCHER PROPHET von Zabern, Mainz 2002 (vergriffen, antiquarisch erhältlich ab € 20,–)
INTERNET
Infos und Bilder aus dem Pharaonenreich: www.aegyptisches-museum-berlin.de
GEBALLTE MACHT
Hätte der Deal zwischen Nofretete und dem Hethiterkönig Schuppiluliuma I. funktioniert, wären zwei Großmächte zu einem Riesenreich verschmolzen.





