„DIE NEANDERTALER SCHEINEN ein wärmeres Klima bevorzugt zu haben als die anatomisch modernen Menschen.” Mit dieser Aussage – nachzulesen in bild der wissenschaft (Heft 6/2005, „Mörderische Klimasprünge”) – verblüffte der Archäologe William Davies von der University of Southampton vor einigen Jahren nicht nur die breite Öffentlichkeit. Auch die meisten Fachkollegen nahmen die Forschungsergebnisse des Briten nur kopfschüttelnd zur Kenntnis: Allzu sehr widersprachen sie dem, was bis dahin sicheres Wissen zu sein schien – dass nämlich die Neandertaler eine speziell an Kälte angepasste Menschenform gewesen seien.
Das schien zunächst plausibel. Mit durchschnittlich 1,60 Meter Größe und kurzen, muskelbepackten Armen und Beinen erinnert die aus Fossilien rekonstruierbare Gestalt der Neandertaler stark an die der heutigen Inuit (Eskimos). Der amerikanische Physiologe Christopher B. Ruff hatte in den Neunzigerjahren sogar theoretisch hergeleitet, warum die typische Tonnenform eines Neandertaler-Brustkorbs zu verminderter Wärmeabstrahlung führt – ein Selektionsvorteil in eisiger Umgebung. Und diese Menschenform sollte wärmeliebend gewesen sein? Das klang nach einer Außenseiter-Idee, die man beiseite schob.
Doch Davies hatte recht, wie jetzt eine aktuelle Forschungsarbeit zeigt. In einer systematischen Analyse haben die Archäologen Michael Bolus und Jordi Serangeli am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen den Nachweis geführt. Der Ansatz der beiden Wissenschaftler erscheint simpel: „Wir haben akribisch sämtliche Stellen, an denen jemals Neandertaler-Fossilien gefunden wurden, in Karten eingetragen”, erläutert Bolus (veröffentlicht im Fachblatt „Quartär” 55 (2008), S. 83–98). Entscheidend daran war das Adjektiv „sämtliche” – denn dieser Mühe hatte sich bisher niemand unterzogen. „Wir haben es zunächst nicht glauben wollen, dass es so etwas nicht schon längst gibt”, wundert sich der Tübinger Forscher noch immer. Aber es zeigte sich, dass alle existierenden Fundplatz-Karten unvollständig waren. Entweder hatten deren Autoren nur die für ihr Forschungsthema subjektiv „wichtigen” Funde dargestellt, oder aktuelle Funde fehlten.
Bolus und Serangeli kam es darauf an, Trends zu erkennen – daher unterschieden sie drei zeitliche Kategorien: „ Prä-Neandertaler” (älter als 200 000 Jahre), „Frühe Neandertaler” (zirka 200 000 bis 115 000 Jahre alt) und „Klassische Neandertaler” (jünger als 115 000 Jahre). Die Klassischen Neandertaler unternahmen weite Wanderungen bis in den Osten Eurasiens – sogar bis zum Altai-Gebirge in Sibirien. In Anlehnung an die „Out of Africa”-Hypothese sprechen die beiden Forscher von Neandertaler-Wanderungen „Out of Europe”. Doch das Kernland dieser von Beginn an europäischen Menschenform ist eindeutig durch dichte Punkte-Cluster konstanter Besiedlung in den Karten zu erkennen. Und es lag zu allen Zeiten in derselben Großregion: in Spanien, Frankreichs Südhälfte sowie – bislang kaum beachtet – in Italien.
Es ist sonnenklar: Die archaischen Menschenvettern zogen das mediterrane Klima dem kontinentalen oder subarktischen vor, das im heutigen Deutschland herrschte. Funde in nördlicheren Breiten, auch der namengebende aus dem Neandertal bei Düsseldorf, stammen meist aus Warmphasen, wo auch in Mittel- und Nordeuropa das Klima milder war. In diesen Phasen wanderten Neandertaler aus dem Kernland in Südeuropa nach Norden und Nordosten – wo sie periodisch immer wieder ausstarben, sobald eine neue Kaltphase das Land in baumlose Tundra verwandelte. So auch zwischen 40 000 und 30 000 Jahren vor heute: Anatomisch moderne Menschen – unsere Vorfahren – sickerten in das von Neandertalern leergefegte Mitteleuropa ein. Thorwald Ewe■





