Ungewöhnliche Frakturen
Um mehr über Lucys Lebensweise herauszufinden, hatten John Kappelman von der University of Texas in Austin und seine Kollegen die Knochen der berühmten Vormenschenfrau bereits 2008 in einem hochauflösenden Computertomografen (CT) gescannt. “CT ist nicht destruktiv, daher kann man sehen, was im Inneren ist, die interne Struktur und die Details der Knochen”, erklärt Kappelman. Als dann einige Jahre später die mehr als 35.000 Aufnahmen analysierten, stießen sie auf etwas Ungewöhnliches: Das Ende von Lucys rechtem Oberarmknochen war von vier feinen Brüchen durchzogen. “Unter natürlichen Bedingungen wird ein solcher Bruch am häufigsten durch einen Sturz verursacht, bei dem das Unfallopfer den Arm ausstreckt, um seinen Fall zu bremsen”, erklärt Kappelman. Der Kontakt mit dem Boden führt zu einer abrupten Stauchung von Hand und Arm, die den Oberarmknochen gegen die Schulter schlagen lässt. “Dabei brechen einige oder alle proximale Bestandteile des Humerus und das hinterlässt eine einzigartige Signatur”, erklären die Forscher.
Bei der Auswertung weiterer Knochen-Scans entdeckten Forscher auch beim linken Oberarmknochen, am rechten Knöchel, dem linken Knie und der Hüfte Frakturen. Bisher waren diese Brüche als postmortem eingestuft worden – Schäden, die erst nach dem Tod der Vormenschenfrau aufgetreten waren. Doch Kappelman und seine Kollegen sehen dies anders: “Ihre große Ähnlichkeit zu typischen klinischen Fällen deutet darauf hin, dass dies perimortale Verletzungen waren”, so die Wissenschaftler. Die Tatsache, dass die Fragmente und Knochensplitter in Position blieben, spreche dafür, dass Lucy sich diese Brüche durch einen Sturz aus großer Höhe zuzog – und dabei starb. Aus der Schwere der Frakturen schließen sie, dass die Vormenschenfrau aus mindestens zwölf Metern Höhe auf den Boden gefallen sein muss. Als Ausgangspunkt dieses Falls kommt nach Angaben der Forscher am ehesten ein Baum in Frage. “Rekonstruktionen der damaligen Umwelt haben ergeben, dass Hadar, wo Lucy gefunden wurde, damals eine von Gras durchsetzte Waldung mit großen Bäume war”, berichten sie.
So haben die Forscher Lucys Todesursache aufgeklärt (Video: Nature)
Tod beim Sturz
Aus den Ergebnissen ihrer Analysen haben Kappelman und seine Kollegen die Ereignisse bei Lucys Tod rekonstruiert. Demnach verlor die Vormenschenfrau beim Klettern den Halt und stürzte aus zwölf Metern Höhe vom Baum. Am Boden prallte sie mit den Füßen zuerst auf und brach sich dabei den Knöchel, das Knie und die Hüfte. Dann fiel sie nach vorne und streckte in letzter Sekunde ihre Arme, um den Aufprall abzufangen. “Die Brüche in ihren Armen liefern den Beleg dafür, dass sie bei Bewusstsein war, als sie dies tat”, betonen die Forscher. Doch der Aufprall war zu stark, so dass Lucy schließlich auch mit Brust und Kopf aufschlug. Der Tod folgte dann wahrscheinlich relativ schnell. “Als ich dieses Bild von Lucy vor Augen sah, fühlte ich einen Schwall von Mitleid über Zeit und Raum hinaus”, sagt Kappelman. “Lucy war nicht mehr nur ein Kasten voller Knochen, sondern wurde in ihrem Tod zu einer realen Person – einem kleinen, verletzten Körper, der hilflos unter einem Baum lag.”





