Wann lebte “Little Foot”?
Doch eine genaue Einordnung von “Little Foot” in den Menschenstammbaum ist schwierig – vor allem, weil das Skelett bisher nicht eindeutig datiert werden konnte. Der Grund dafür: Das Alter der Knochen lässt sich nur indirekt, durch Datierung des umliegenden Gesteins bestimmen. Aber der Untergrund der Höhle in Sterkfontein besteht nicht aus säuberlich aufeinanderfolgenden Schichten. Stattdessen ist das Gestein stellenweise von Erosion abgetragen und durch tropfsteinähnliche Kalkablagerungen wiederaufgefüllt. Dadurch ist es schwer festzustellen, in welchen Horizont das Skelett gehört. Weil die meisten der Knochen von Kalkstein umgeben sind, hielten viele Forscher dieses bisher für ausschlaggebend. Eine Uran-Blei-Datierung dieses Gesteins ergab ein Alter von 2,2 Millionen Jahren. Doch andere, unter ihnen auch Ronald Clarke von der University of the Witwatersrand, zweifeln dies an. Sie sind der Ansicht, dass der Kalkstein erst nach dem Skeletts abgelagert wurde – “Little Foot” müsste daher älter sein.
Darryl Granger von der Purdue University in West Lafayette und seine Kollegen haben die Kontroverse nun wieder aufgegriffen und die Gesteinsschichten in der Sterkfontein-Höhle erneut gründlich untersucht. Dafür unterzogen sie elf Gesteinsproben von unterschiedlichen Stellen des Fundorts einer Isotopendatierung. Aus den Gehalten von Aluminium-16 und Beryllium-10 rekonstruierten sie die chronologische Abfolge der verschiedenen Gesteine und vor allem das Alter des Brekzien-Gesteins, das direkt unter und neben einigen der Knochen zutage tritt. Ihre Schlussfolgerung: Der Kalkstein bildet keine einheitliche Schicht, sondern füllte nur nachträglich Löcher im älteren Brekzien-Gestein aus – dem Gestein, dem sie auch das Skelett von Little Foot zuordnen. “Dieses wurde vor 3,67 Millionen Jahren abgelagert – und damit weit früher als die Tropfsteine”, berichten Granger und seine Kollegen.
Das aber bedeutet, dass auch “Little Foot” gut eine Million Jahre älter ist als bisher angenommen. Er wird damit nicht zu einem Nachfolger, sondern zu einem Zeitgenossen des Australopithecus afarensis – der Vormenschenart, zu der auch “Lucy” gehörte. In der Zeit vor gut 3,5 Millionen Jahren lebten demnach in Ostafrika noch mehr Vormenschenarten als bisher gedacht. “Das wirft interessante Fragen über die Artenvielfalt der frühen Hominiden und ihre Verwandtschaftsverhältnisse auf”, konstatieren Grander und seine Kollegen. Wie sich “Little Foot” in den Stammbaum einfügt, muss nun geklärt werden.





