Del Giudice und sein Team suchten deshalb nach einer Methode, mit der solche falschen Schlussfolgerungen vermieden werden können. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass die optimale Anzahl von zu untersuchenden Charaktereigenschaften zwischen 10 und 20 liegt. Für ihre Untersuchung nutzten die Wissenschaftler 16 Persönlichkeitsfaktoren als Basis, die der Psychologe Raymond Cattell schon in den 1940er Jahren entwickelte. Aus diesem Katalog wählte das italienisch-britische Forscherteam die 15 Wesenszüge Wärme, emotionale Stabilität, Dominanz, Lebhaftigkeit, Regelbewusstsein (Moral), Soziale Kompetenz, Empfindsamkeit, Wachsamkeit (zum Beispiel Misstrauen), Abgehobenheit, Zurückgezogenheit (zum Beispiel beim Umgang mit Problemen), Besorgtheit, Offenheit für Veränderungen, Selbstgenügsamkeit, Perfektionismus und Anspannung.
Im Jahr 1993 waren über 10.000 Amerikaner, je 5.000 Männer und Frauen, zu diesen Faktoren befragt worden. Sie sollten einschätzen, wie stark diese Eigenschaften bei ihnen selbst ausgeprägt sind. Diese umfassenden Daten bildeten die Grundlage von Del Giudices Untersuchung.
Große Unterschiede im Detail
Das italienisch-britische Team wertete die Eigenschaften für die Geschlechter einzeln aus. Nicht weiter überraschend: Frauen wiesen bei den Eigenschaften Empfindsamkeit, Wärme und Besorgtheit höhere Werte auf, Männer bei emotionaler Stabilität, Dominanz, Regelbewusstsein und Wachsamkeit.
Allerdings kamen die Unterschiede sehr viel stärker zum Tragen als in vorherigen Studien. Im Durchschnitt gab es bei den einzelnen Eigenschaften nur Überschneidungen von etwa 10 Prozent. Selbst wenn der Faktor mit den größten Unterschieden ? Sensibilität ? nicht miteinbezogen wurde, überschnitten sich die Ergebnisse von Männern und Frauen lediglich zu 24 Prozent, so die Wissenschaftler.
Die charakterlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau seien in der Vergangenheit also stark unterschätzt worden. Diese Erkenntnis eröffne neue Ansätze für die Untersuchung psychologischer und kultureller Ursachen dieser ganz und gar nicht kleinen, aber feinen Unterschiede.





