Wichtig bei der Beurteilung der Knochenfunde ist laut White die Art der Bearbeitungsspuren. Starke Hinweise auf rituellen Kannibalismus seien Einkerbungen von scharfen Werkzeugen und Brandspuren, argumentiert White. Die Interpretation werde allerdings dadurch erschwert, dass Menschen erstaunlich viele Wege gefunden hätten, sich ihrer Toten zu entledigen. Viele Völker gruben Knochen wieder aus, wuschen und bemalten sie und verbuddelten die streblichen Überreste dann bündelweise.
Trotz der Schwierigkeiten, Kannibalismus von Bestattungen oder schlicht von im Kampf verletzten Knochen zu unterscheiden, ist White davon überzeugt, dass es diese Riten gab. Die klarsten Hinweise stammten von den Anasazi, einem Indianer-Stamm im südwestlichen Nordamerika. In einer Fundstelle von Behausungen aus dem Jahr 1150 hätten Forscher sowohl an einem Gefäß als auch in menschlischem Kot ein menschliches Muskel-Eiweiß gefunden.
Nach der Ansicht von White ein eindeutiger Beweis. Nach der Meinung von Alt können Wissenschaftler aus diesen Indizien dagegen keine zwingenden Schlussfolgerungen ziehen. «Die Bewertung solcher sehr alten biochemischen Spuren ist grundsätzlich sehr kompliziert», sagt der Anthropologe. Völlig ablehnend steht der Experte Augenzeugenberichten von Reisenden aus der frühen Neuzeit gegenüber: «Geschichten, bei denen Arme und Köpfe aus Kochtöpfen ragen, sind als unglaubwürdig einzuordnen».
Unbestritten ist in der Wissenschaft jedoch Not-Kannibalismus in extremen Hungersituationen. So verzehrten etwa die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes 1972 in den südamerikanischen Anden Menschenfleisch, um in der Ödnis nicht zu verhungern. Auch kriegerischer Kannibalismus aus Rachegründen oder pathologischer Kannibalismus psychisch kranker Mörder ist laut Experten belegt. Bekannt wurde Kannibalismus bei dem Stamm der «Fore» in Papua-Neuguinea. Sie aßen in Bestattungsriten das Hirn Toter und infizierten sich daher häufig mit der BSE-ähnlichen Krankheit Kuru. Nach dem Verbot des Rituals ging die Krankheit schlagartig zurück.





