Deutlich mehr Licht in die bewegte Geschichte unserer Vorfahren bringen nun Axel Timmermann und Tobias Friedrich von der University of Hawaii in Honolulu. Denn sie haben in der bisher umfassendsten Studie zu diesem Thema ein Modell entwickelt, das die Auswirkungen des vergangenen Klimas auf Vegetation, Meeresspiegel und die Lebensbedingungen des frühen Menschen für die letzten 125.000 Jahre simuliert. Ihr Modell erlaubt es einerseits, die Zeiten einzugrenzen, in denen sich dem Homo sapiens grüne Korridore durch die Wüsten Nordafrikas und Arabiens auf andere Kontinente eröffneten. Andererseits aber kalkulieren die Forscher anhand ihrer Simulation sogar, wie viele unserer Vorfahren diesen Routen folgten und zu den verschiedenen Zeiten in den neu eroberten Gebieten lebten.
Vier große Wellen
Das erste wichtige Ergebnis: Unsere Vorfahren verließen Afrika in vier großen Wellen. Die erste wurde vor 106.000 bis 94.000 Jahren ausgelöst, als ein günstiges Klima einen grünen Korridor durch den Süden der Arabischen Halbinsel öffnete. Eine zweite Migrationswelle folgte vor 89.000 bis 73.000 Jahren, als der Homo sapiens sowohl über den Nahen Osten als auch durch Südarabien nach Asien und Europa vordrang. Dies aber bedeutet, dass die ersten Vertreter des Homo sapiens sehr viel früher in Europa angekommen sein könnten als bisher angenommen. “Unsere Modellsimulation spricht für eine fast zeitgleiche Ankunft des anatomisch modernen Menschen in Südchina und Europa vor rund 90.000 bis 80.000 Jahren”, konstatieren Timmermann und Friedrich. Das allerdings widerspricht archäologischen Funden, nach denen unsere Vorfahren sich erst vor rund 45.000 Jahren in Europa etablierten. Eine mögliche Erklärung für diesen Widerspruch liefert die Simulation der Forscher gleich mit: Ihren Berechnungen nach erreichte die Dichte der allerersten afrikanischen Einwanderer in Europa maximal fünf Menschen pro hundert Quadratkilometer. “Diese kleine Population könnte damals komplett von den noch dominierenden Neandertalern assimiliert worden sein”, vermuten die Forscher. Das würde erklären, warum von diesen allerersten “modernen” Europäern keine Spuren gefunden wurden.
Nach diesen ersten beiden Wellen der Auswanderung gab es erst einmal eine Pause. Denn ein trockeneres Klima ließ die Wüsten in Nordafrika und auf der Arabischen Halbinsel wieder wachsen und unterbrach damit die Hauptrouten aus Afrika heraus. Erst vor rund 59.000 Jahren folgte die dritte große Migrationswelle. In dieser bis vor 47.000 Jahren anhaltenden Phase verbreitete sich der Homo sapiens in Europa, dem Mittleren Osten, Indien und Indonesien. “Diese Auswanderungswelle hinterließ wahrscheinlich die meisten genetischen Spuren im Erbgut der heutigen Menschen außerhalb Afrikas”, berichten die Forscher. Diese Migration war es auch, die in Europa endgültig die Ära des Homo sapiens und das Ende des Neandertalers einläutete. Die vierte Welle der Migration schließlich ereignete sich vor 45.000 bis vor 29.000 Jahren. “Am Ende dieser großen Reise des Homo sapiens steht die Besiedelung Amerikas über die Bering-Landbrücke vor 14.000 bis 10.00 Jahren”, schließen die Forscher.





