Im dichten Schneegestöber ist das Grüppchen, das sich ins Gestrüpp duckt, kaum noch zu sehen, und der jaulende Sturm verschluckt das Geflüster. Der junge Wisentbulle unten in der Talmulde hat die Jäger bislang weder gehört noch gewittert. Sie warten geduldig auf ihre Chance.
Haar und Bärte der Männer sind eisverkrustet. Macht die beißende Kälte ihnen nichts aus – vielleicht durch ihre spezielle Anatomie? Hinter der großen, weit über das kurze Kinn vorspringenden Nase liegen sehr große Nasenhöhlen, in denen die eingeatmete Luft vorgewärmt wird. Mit durchschnittlich 1,67 Meter sind die robusten Jäger auch 10 Zentimeter kleiner als der langgliedrige Homo sapiens – das vermindert die Wärmeabstrahlung.
Ja, so waren sie eben, die Neandertaler: perfekt an die Eiszeit in Europa angepasst, Kälte gewöhnt, ja geradezu Kälte liebend.
Tatsächlich?
Tjeerd H. van Andel, gebürtiger Niederländer und Geo-Archäologe an der britischen University of Cambridge, räumt auf mit dem Klischee: „Die Neandertaler waren etwa genauso kälteresistent und wärmeliebend wie die ersten anatomisch modernen Menschen, die in Europa einwanderten.” Sein Kollege William Davies von der University of Southampton setzt noch eins drauf: „Die Neandertaler scheinen ein wärmeres Klima bevorzugt zu haben als die anatomisch Modernen.”
Und das ist längst nicht alles, was die 34-köpfige Gruppe von Wissenschaftlern aus elf Nationen um van Andel und Davies Überraschendes gefunden hat. Das breit gefächerte Forschungsprojekt „Stage 3″, benannt nach dem Fachwort für den mittleren Teil der letzten Eiszeit („Oxygen Isotope Stage 3″), erbrachte auch: Extremer Klima-Stress etwa 30 000 Jahre vor heute (ab hier stets „v.h.” abgekürzt) führte die Neandertaler an den Rand des Abgrunds – und nicht nur sie.
Der 2004 erschienene Projektbericht „Neanderthals and modern humans in the European landscape during the last glaciation” dokumentiert: Auch der größte Teil der Träger der Aurignacien-Kultur, nach Ansicht vieler Forscher die erste Welle anatomisch moderner Zuwanderer, fiel damals dem europäischen Horrorklima zum Opfer.
Die Neandertaler waren keine Eintagsfliegen. Sie bewohnten in Frühformen schon seit etwa 250 000 v.h. ganz Europa bis zum heutigen Kasachstan in Westasien. Auch mit der letzten Eiszeit, die rund 75 000 v.h. einsetzte, schienen sie nach der bisherigen Sichtweise zurechtzukommen. Dass sie nach 29 000 oder spätestens 28 000 v.h. nicht mehr nachweisbar sind, bringt die Forscher ins Grübeln – und regt gleichzeitig ihre Fantasie an.
Denn in diesem prähistorischen Kriminalfall gibt es prominente Verdächtige: unsere eigenen Ahnen. Ab etwa 45 000 bis 40 000 v.h. sickert der anatomisch moderne Mensch Homo sapiens vermutlich von Osten durchs Donautal allmählich in Europa ein. Es wird heftig spekuliert, warum Homo sapiens seinen Cousin Homo neanderthalensis nach anscheinend vielen Jahrtausenden Koexistenz am Ende ablöste (siehe „Acht Szenarien eines rätselhaften Verschwindens”).
Das Klima galt häufig als möglicher Komplize – zu welchem Delikt auch immer. Hier hakten 1990 Tjeerd van Andel, von Haus aus Professor für Ozeanographie und Geologie, und seine Mitstreiter ein. Sie begannen ein breit angelegtes, ebenso internationales wie interdisziplinäres Forschungsprojekt, um zu klären: Hat vielleicht gar nicht der Homo sapiens das Ende der Neandertaler bewirkt, sondern das Eiszeitklima?
In der ersten Projektphase schwärmten die Archäologen, Anthropologen, Geologen und Klimatologen aus und trugen zusammen, was an aktuellen, aussagekräftigen Daten isoliert in separaten Archiven und Institutionen lagerte – von Flusskiesel-Analysen über Fossilfunde von Mensch und Tier bis zu Bohrkernen aus Grönlandeis und See-Sedimenten.
Dann kamen die Software-Spezialisten und Modellierer zum Zuge und gossen die Datenfülle in zeitlich gestaffelte Europa-Karten. Sie zeigen Klima- und Vegetationszonen und Fundstätten des Moustérien – der Werkzeugkultur der Neandertaler – sowie des darauf folgenden Aurignacien und Gravettien.
Das eindrucksvolle Ergebnis: Lässt man die Karten – sie beginnen 70 000 v.h. – Revue passieren, rollt wie im Zeitraffer ein europaweites Drama ab.
• 65 000 v.h.: Die erste große Vereisung löscht die Neandertaler nördlich der Alpen aus. Wenige überleben am Südrand Europas – im milden Klima Mittelitaliens, Südfrankreichs und der Iberischen Halbinsel.
• 59 000 bis 44 000 v.h.: Während einer langen, stabilen Warmphase expandieren die überlebenden Neandertaler entlang der großen Flusssysteme wieder nach Norden bis ins heutige Deutschland und nach Osten bis zur Ukraine und auf die Krim.
• 43 000 bis 34 000 v.h.: Das Klima wird zunehmend kühler. Die Neandertaler in Europa ziehen sich in wenige bevorzugte Regionen zurück: Ardennen, Süd- und Südwestfrankreich, Iberische Halbinsel, Ukraine, Krim. Zu Beginn dieses Zeitabschnitts tauchen die ersten Träger der Aurignacien-Kultur am Ostrand Europas auf – viele Forscher sehen in ihnen die ersten anatomisch modernen Menschen („Frühmoderne”). Auffällig ist: Die Neuen bevorzugen als Lebensraum meist dieselben Regionen wie die Neandertaler. In den Höhlen der Schwäbischen Alb entstehen gegen Ende dieses Zeitraums die ersten Kunstwerke der Welt, Statuetten aus Mammut-Elfenbein, und die ersten erhaltenen Musikinstrumente, Flöten.
• 33 000 bis 29 000 v.h.: Weitere Klima-Verschlechterung. Erneut leert sich das Zentrum Europas. Die letzten Neandertaler, ganz und gar nicht kälteliebend, sind auf zwei miteinander unverbundene Flecken mit mildem Klima reduziert: einerseits Südfrankreich und die Iberische Halbinsel, andererseits die nordöstliche Schwarzmeerregion. Dann verliert sich ihre Spur.
Nach kurzer Blüte ziehen sich auch die Träger der Aurignacien-Kultur in klimatisch begünstigte Refugien in Südwestfrankreich und in der russischen Ebene zurück – und verschwinden ebenfalls. Gleichzeitig tritt eine neue Kultur auf die Bühne: das Gravettien. Es ist möglicherweise aus Aurignacien-Siedlungsplätzen im heutigen Tschechien hervorgegangen.
Während Neandertaler und zumindest die Träger des frühen Aurignacien stark an die gemäßigten Zonen angepasst waren, kommen die Gravettien-Menschen glänzend mit dem Leben in der Kältesteppe zurecht. Die Daten legen nahe, dass sie neue Jagdstrategien entwickelten – mit Sommer- und Winterlagern: Saisonal hoch mobil folgten sie den Wanderzügen von Rentier und Mammut, bis in die subarktische Zone tief im heutigen Russland. Nicht die Neandertaler sind extrem kälteadaptiert gewesen, sondern die anatomisch Modernen des Gravettien. • 28 000 bis 22 000 v.h.: Die Gravettien-Siedlungsplätze nehmen stark zu. Erst nach dem letzten Kältemaximum der Eiszeit um 22 000 v.h. dünnt auch diese Bevölkerung aus.
Klar ist also: Das letzte Kältemaximum kann die Neandertaler nicht umgebracht haben – denn da gab es sie schon 7000 Jahre lang nicht mehr in Europa. Warum dann räumten die letzten, in Südspanien, Kroatien und Krim, schon so viel früher das Feld der Geschichte? Darauf hat eine Arbeitsgruppe des Stage-3-Projekts um den Londoner Anthropologie-Professor Chris Stringer eine fundierte Antwort.
Die Forscher haben sich nicht damit zufrieden gegeben, die seit den Neunzigerjahren existierenden Messkurven des Sauerstoff-Isotops 18 (O-18) im grönländischen Eisbohrkern GISP-2 einfach zu übernehmen. Zur Erinnerung: Der O-18-Gehalt lässt Rückschlüsse zu, welche Temperaturen vor Zehntausenden von Jahren in Europa herrschten. Denn je kälter es bei der Wolken-Kondensation an Grönlands Himmel war, desto kleiner ist das Verhältnis des schwereren Isotops O-18 zum „normalen” O-16 im resultierenden Eis.
Stringer und sein Team hatten die Idee, anstatt – wie üblich – die Jahres-Durchschnittstemperaturen über einer Zeitachse auf- zutragen, den „klimatischen Stress” darzustellen. Ihre These: Nicht die absoluten Tiefsttemperaturen jener Epoche waren für Pflanzen- und Tierwelt inklusive Menschen besonders schwer zu ertragen, sondern vielmehr der rasche Wechsel von Warm- und Kaltphasen.
Die Stage-3-Forscher addierten eine aus dem grönländischen Eisbohrkern gewonnene Temperaturkurve zu einer zweiten Kurve, die die Differenzen zwischen jeweils zwei aufeinander folgenden Temperatur-Messpunkten darstellt: ein Spiegelbild des Tempowechsels zwischen Warm und Kalt. Die resultierende Kurve ist ein zackiges Gebirge mit zwei markanten Gipfeln.
Der erste Stress-Gipfel ragt bei etwa 65 000 v.h. auf, der zweite – deutlich höhere – bei ungefähr 30 000 v.h. Die Klimatologen sprechen für den Zeitraum zwischen etwa 38 000 und 28 000 v.h. von Dansgaard-Oeschger-Oszillationen (kurz: D/O-Oszillationen). Mehr als zwei Dutzend Mal folgten hier starke Schwankungen schnell aufeinander. Innerhalb weniger Jahrzehnte schraubten sich die Jahres-Durchschnittstemperaturen um bis zu sieben Grad Celsius in die Höhe, um dann wieder tief in den Keller zu stürzen – gefolgt vom nächsten Anstieg.
Das ist Stress pur für die gesamte Biosphäre, kommentiert Projektleiter Tjeerd van Andel: „Die D/O-Oszillationen erforderten immer wieder sehr rasche Anpassungen an neue Klimata, Vegetationen und Faunen.” Man kann sich das vorstellen wie bei zwei Faustkämpfern im Ring: Ein Boxer kann sich gut auf einen Gegner einstellen, der ein reiner Rechts- oder ein reiner Linksausleger ist. Doch ein überraschender Hagel von Rechts-Links-Kombinationen hat schon viele in die Seile taumeln lassen – oder gar auf die Bretter geschickt.
Während der D/O-Oszillationen, das fanden die Ökologen im Stage-3-Projekt, verarmte Europas Ökosphäre nördlich der Alpen unverkennbar. In Analysen von Bodenproben aus dieser Epoche registrierten die Forscher eine Abnahme der Biomasse insgesamt. Die Natur muss aus dem Tritt gekommen sein. Der Wald wurde in Kaltphasen nach Süden abgedrängt, subarktische Tundra rückte nach – und kaum hatte sich die Tierwelt in Zahl und Artenzusammensetzung auf die Verhältnisse eingestellt, rollte der Klima-Express wieder in die Gegenrichtung.
Diesem Stress erlagen zirka 30 000 v.h. typische waldbewohnende Großsäuger wie der zuvor in Europa heimische Waldelefant (Elephas antiquus) und das Waldnashorn (Stephanorhinus kirchbergensis), stellten die Stage-3-Ökologen fest. Eine andere Großsäuger-Spezies namens Neandertaler teilte das Schicksal der großen Vierbeiner – nicht anders als ein Großteil der Menschen des frühen Aurignacien: Sie starben aus.
„Soll ich es wirklich wagen, vorzuschlagen”, fragt Tjeerd van Andel kokett, „dass die Neandertaler periodisch – nach jeder großen Vereisung seit 250 000 Jahren – in Europa immer wieder ausgestorben sind? Und dann jedesmal, in Phasen der Wiederbesiedlung, aus Refugien neu einwanderten?”
Er beantwortet die eigene Frage mit: „Das ist ziemlich wahrscheinlich.” Aber warum, fragt der Stage-3-Koordinator weiter, haben sie es in der zweiten großen Stressphase um 30 000 v.h. nicht mehr geschafft – es gab doch Refugien mit Überlebenden in Spanien und auf der Krim?
„Vielleicht”, so van Andel, „müssen wir uns an dieser Stelle doch umdrehen, dem anatomisch modernen Menschen jener Zeit in die Augen sehen und ihn fragen: ,Was hast du getan?‘”
Eine Frage, auf die der US-Anthropologe Jim O’Connell bemerkenswerte Antworten hat. Blättern Sie bitte um. ■
Thorwald Ewe
Ohne Titel
· • Im Stage-3-Projekt haben Wissenschaftler Klima, Vegetation und menschliche Besiedlung im Europa der letzten Eiszeit im Computer modelliert.
· • Mit den Kalt- und Warmphasen nahm auch die Neander- taler-Bevölkerung – offenbar an mildes Klima angepasst – periodisch ab und zu.
Ohne Titel
In Büchern und Zeitschriften selbst neueren Datums liest man immer wieder: Der Neandertaler sei das Ergebnis einer langen, vom Klima getriebenen Selektion im eiszeitlichen Europa und im europäischen Russland und daher speziell an Kälte adaptiert gewesen. Sein zylindrischer Rumpf, sein im Vergleich zum modernen Menschen höheres Körpergewicht sowie seine kurzen Gliedmaßen seien „arktische” oder „hyperarktische” Körpermerkmale, wie sie etwa die heutigen Inuit (Eskimos) trügen.
Im Rahmen des Stage-3-Projekts überprüften die Anthropologen Leslie Aiello vom University College London und Peter Wheeler von der Liverpool John Moores University anhand von umfangreichen Modellrechnungen, wie viel Wahres an diesem Bild ist. Ihr Ergebnis: Der Neandertaler ertrug Umgebungstemperaturen bis hinab zu 8 Grad Celsius, ohne dass sein Körper auszukühlen begann – der frühe anatomisch moderne Mensch bis 10,5 Grad Celsius. Das ist kein drastischer Unterschied. Noch geringer fällt er für die Temperatur aus, bei der zur Thermoregulation des Körpers erstmals mit Nahrungskalorien „geheizt” werden muss: beim Neandertaler 27,3 Grad Celsius, beim Frühmodernen 28,2.
Das Fazit von Leslie Aiello und Peter Wheeler: Diese Unterschiede sind viel zu klein, als dass man von markanten Vorteilen des Neandertalers in einer kaltzeitlichen Umwelt gegenüber dem anatomisch modernen Menschen sprechen dürfte.
Ohne Titel
Warum sind seit 29 000 Jahren keine Neandertaler in ihrem angestammten Heimat-Subkontinent Europa mehr nachzuweisen – nach einer Erfolgsstory, die, je nach Definition, rund 100 000 Jahre („ klassische Neandertaler”) bis 220 000 Jahre (inklusive den „ frühen Neandertalern”) gedauert hatte? Es mangelt nicht an Hypothesen:
1 Aufgesogen
Die Neandertaler sind im üblichen Sinn überhaupt nicht ausgestorben. Sie sind vielmehr aufgrund ihrer geringen Kopfzahl von den in Massen einwandernden anatomisch modernen Menschen (AMM) aufgesogen worden. Nach Jahrtausenden, in denen sich immer wieder Erbsubstanz der AMM zumischte, sind genetische Spuren von ihnen im Erbgut der heutigen Europäer längst nicht mehr auffindbar.
2 Durchgefallen
Die AMM waren kulturell (Werkzeugindustrie, Jagdtechnik, Intelligenz) derart überlegen, dass die Neandertaler im Wettbewerb um lokale Ressourcen hoffnungslos abgehängt wurden – und schließlich ausstarben.
3 Zu wenig Kinder
Bereits eine geringfügig höhere Geburtenrate der AMM hätte die Population der Neandertaler innerhalb von wenigen Tausend Jahren verschwinden lassen.
4 Zu kurzlebig
Derselbe Effekt wie in Szenario 3 wäre eingetreten, falls die Neandertaler eine geringfügig höhere Sterberate hatten als die AMM.
5 Zu einseitig
Ein breiteres Nahrungsspektrum kann den AMM einen Ressourcenvorteil gegenüber den Neandertalern eingebracht haben – eine Variante von Szenario 4.
6 Massakriert
In kriegerischen Konflikten wurden die Neandertaler durch die AMM europaweit ausgerottet.
7 Infiziert
Die AMM schleppten Krankheitskeime ein, gegen die die Neandertaler keine Abwehrkräfte hatten: Sie starben bei Epidemien.
8 Klima als Killer
Die Neandertaler erlagen den Folgen der Klimaverschlechterung: In Europa breitete sich immer mehr eine Kältesteppe aus, was den daran bereits angepassten AMM mit deren Jagdstrategien entgegenkam, doch die Neandertaler verhungern ließ.





