Moraltest per Handy
Um die Bedeutung von Moral außerhalb dieser gestellten Situationen zu erforschen, nutzten Hofmann und seine Kollegen die Tatsache aus, dass fast jeder heute mit einem Handy herumläuft. An ihrem Experiment nahmen 1.252 Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher sozialer und wirtschaftlicher Hintergründe teil. Fünf Mal am Tag zu zufällig ausgewählte Zeiten erhielten die Probanden ein SMS der Forscher, durch die sie gefragt wurden, ob sie innerhalb der letzten Stunde selbst eine moralische oder unmoralische Tat begangen oder bei anderen gesehen hatten. Die Teilnehmer beschrieben diese dann und klickten auf einem Kurzfragebogen an, welche Gefühle diese Handlung bei ihnen auslöste. Insgesamt gingen so innerhalb von drei Tagen 13.340 Feedbacks bei den Forschern ein, in knapp 30 Prozent der Fälle berichteten die Teilnehmer, gerade eine moralische oder unmoralische Tat begangen oder gesehen zu haben.
Bei der Auswertung der Berichte kristallisierten sich mehrere Merkmale unseres moralischen Alltagsverhaltens heraus, wie die Forscher berichten. So wirken gute Taten ansteckend: Wenn jemand anderes sich uns gegenüber hilfsbereit, fair, ehrlich oder anderweitig “gut” verhält, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns dann ebenfalls moralisch verhalten. Geht es um die eigene gute Tat, funktioniert diese Ansteckung allerdings nicht – im Gegenteil: “Wenn jemand früh am Tag moralisch gehandelt hatte, dann machte dies eine unmoralische Tat später am Tag überproportional wahrscheinlicher”, berichten Hofmann und seine Kollegen. Offenbar werden wir uns selbst gegenüber nachsichtiger, wenn wir schon mal mit einer guten Tat “vorgelegt” haben.
Religiöse handeln nicht moralischer
Die Auswertung enthüllte aber auch interessante Details darüber, ob und wie Religion und politische Einstellung das moralische Verhalten im Alltag beeinflussen. So fanden die Forscher keinerlei Hinweise darauf, dass religiöse Menschen mehr “gute Taten” vollbringen als nicht-religiöse. Religiöse Menschen reagierten jedoch emotionaler: Sie waren beschämter und fühlten sich schuldiger, wenn sie sich bei einer unmoralischen Handlung ertappten, dafür aber auch stolzer und dankbarer, wenn sie Gutes taten. Einen noch deutlicheren Einfluss hatte die politische Ausrichtung der Teilnehmer: Eher liberal eingestellte Probanden berichteten sehr viel häufiger über Situationen, in denen es um Fairness/Unfairness, um Freiheit oder Unterdrückung oder um Ehrlichkeit gegenüber Lügen ging. Bei Konservativen spielten dagegen Loyalität, Autorität versus Subversion und Recht gegenüber Unrecht eine wichtigere Rolle. “Unser Alltagsverhalten bestätigt damit, dass politische Ideologien ganz unterschiedliche Schwerpunkte in den Moralvorstellungen setzen”, konstatieren die Forscher.





