Tropfstein-Kreise im Dauerdunkel
Nun jedoch haben Jacques Jaubert von der Universität von Bordeaux und seine Kollegen in der Bruniquel-Höhle im Südwesten Frankreichs eine unerwartete und sensationelle Entdeckung gemacht: In einer großen Kammer rund 336 Meter vom Höhleneingang entfernt stießen sie auf zwei ungewöhnliche, kreisförmige Anordnungen von Tropfstein-Stücken, sowie vier kleinere Gebilde. Die Kreise formten einen gut sechs Meter großen und einen etwa zwei Meter großen fast geschlossenen Ring aus teilweise aufgestellten, teilweise übereinandergeschichteten Steinen. Insgesamt wurden in diesen Gebilden rund 400 Tropfsteinstücke von jeweils durchschnittlich 35 Zentimeter Länge verbaut. “Einige Elemente waren innerhalb von sich überlagernden Schichten angebracht, um diese zu stützen”, berichten die Forscher. “Andere Stalagmiten wurden vertikal gegen die Hauptstruktur gestellt, ähnlich wie Stützen, um die Konstruktion vielleicht zu verstärken.” Die gleichmäßige Größe der Fragmente und ihre Anordnung sprechen ihrer Ansicht nach dafür, dass es sich hier um keine natürliche Formation handelt, sondern um ein absichtlich errichtetes Bauwerk. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Tropfstein-Kreise nicht von Tieren, sondern von Frühmenschen errichtet worden sein müssen, liefern Feuerspuren an den Steinen sowie an einigen in der Nähe entdeckten Tierknochen.
Doch wer waren die Baumeister dieser rätselhaften Höhlen-Konstruktionen? Eine Datierung mit Hilfe von Isotopenmessungen ergab, dass diese Tropfsteinkreise vor rund 176.000 Jahren errichtet worden sein müssen. Sie stammen damit aus einer Zeit lange bevor der Homo sapiens Afrika verließ und nach Europa kam. “Die einzige menschliche Population, die in dieser Periode in Europa lebte, waren frühe Neandertaler”, so Jaubert und seine Kollegen. Ihrer Ansicht nach müssen diese seltsamen Steinkreise daher von ihnen errichtet worden sein. Wie sie erklären, waren die Neandertaler auch die ersten Frühmenschen, die in unseren Breiten regelmäßig Feuer nutzten und begannen, dieses zum Kochen und zur Herstellung neuer Materialien einzusetzen. Allerdings: Dass diese Frühmenschen so tief in Karsthöhlen eindrangen, wo es kein Licht mehr gab, ist äußerst ungewöhnlich. “Bisher gab es keine Belege für regelmäßige Exkursionen der Neandertaler in Höhlen, bis auf einige mögliche Fußabdrücke”, so die Forscher. Konstruktionen innerhalb von Höhlen waren bisher aus der Altsteinzeit völlig unbekannt.
“Beispiellose Entdeckung”
“Die Entdeckung der Bruniquel-Konstruktionen und ihre Zuordnung zu den Neandertalern ist auf gleich zweifache Weise beispiellos: Zum einen enthüllt sie erstmals die Aneignung eines tiefen Karstraums durch eine prämoderne Menschenart”, konstatieren Jaubert und seine Kollegen. “Zum anderen handelt es sich hier um ausgearbeitete Konstruktionen, die so noch nie gefunden wurden, erstellt aus hunderten von kalibrierten, zerbrochenen Stalagmiten die absichtlich bewegt und an ihren jetzigen Platz gebracht wurden.” Ihre Entdeckung spreche dafür, dass die Neandertaler-Gesellschaft weiter entwickelt war als bisher angenommen, denn sie umfasste bereits moderne Elemente wie eine komplexe räumliche Organisation, die Nutzung von Feuer und die Besiedlung tiefer Höhlen.





