Der letzte gemeinsame Vorfahre von Homo sapiens und seinen eurasischen Schwesterarten, den Neandertalern und den Denisova-Menschen, gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Genetische Vergleiche deuten darauf hin, dass sich die drei Menschenarten vor etwa 765.000 bis 550.000 Jahren voneinander getrennt haben müssen. Doch wie ihr gemeinsamer Urahn aussah und wo er lebte, ist weiterhin ungewiss.
Manche Hypothesen gingen davon aus, dass es sich bei Homo heidelbergensis um das gesuchte Bindeglied handelte, doch neuere Untersuchungen legen nahe, dass aus dieser Frühmenschenart nur Neandertaler und Denisova hervorgingen, während sich die Entwicklungslinie des Homo sapiens schon früher abspaltete. Als weiterer Kandidat für einen gemeinsamen Vorfahr gilt der Homo antecessor, von dem etwa 774.000 Jahre alte Fossilien in Spanien gefunden wurden.
Archaische und moderne Merkmale
Ein Team um Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat nun frühmenschliche Fossilien untersucht, die in der Grotte à Hominidés in Marokko gefunden wurden und aus einer ähnlichen Zeit stammen wie die Überreste des Homo antecessor aus Spanien. Das Team datierte die Funde – mehrere Unterkiefer, Zähne und Wirbel – auf ein Alter von 773.000 Jahren. Dabei half ihnen der Umstand, dass sich genau in dieser Zeit das Magnetfeld der Erde umkehrte, was sich in den stratographischen Schichten, die die Fossilien umgaben, widerspiegelt.
CT-Aufnahmen und anatomische Vergleiche ergaben, dass die Fossilien eine Kombination aus urtümlichen und modernen Merkmalen aufweisen: So entspricht die Form der Unterkiefer eher der von Homo erectus und anderen frühen afrikanischen Homininen. Die Backenzähne ähneln dagegen schon denen der ersten Homo sapiens und Neandertaler. Ähnliche Muster fanden sich auch bei den spanischen Exemplaren von Homo antecessor. „Diese Ähnlichkeiten lassen die Frage nach möglichen Austauschprozessen über die Straße von Gibraltar während des Frühen Pleistozäns wieder aufleben“, so das Forschungsteam. Demnach wären die afrikanischen und eurasischen Populationen früher Menschenformen gegen Ende des frühen Pleistozäns nicht voneinander isoliert gewesen, sondern hätten sich miteinander vermischt.
Verwandte des letzten gemeinsamen Vorfahren
Zugleich stellten Hublin und seine Kollegen aber auch Abweichungen gegenüber Homo antecessor fest, unter anderem bei der Form der Zähne und Unterkiefer. So sind viele Merkmale der Zähne aus der Grotte à Hominidés noch vergleichsweise primitiv, ohne für Neandertaler charakteristische Strukturen. „In diesem Sinne unterscheiden sie sich vom Homo antecessor, der in einigen Merkmalen bereits Ähnlichkeit mit den Neandertalern aufweist“, erklärt Co-Autorin Shara Bailey von der New York University.
Diese Ergebnisse legen nahe, dass es trotz des möglichen Austausches regionale Unterschiede zwischen den Frühmenschen in Nordafrika und Südeuropa gab. „Unsere Analyse legt nahe, dass die Hominiden aus Marokko wahrscheinlich zu einer weiterentwickelten Form von Homo erectus im weiteren Sinne in Nordafrika gehören, ähnlich wie Homo antecessor in Europa“, folgern die Forschenden.
Aus Sicht von Hublin und seinem Team handelt es sich auch bei den neu entdeckten Fossilien wahrscheinlich nicht um den letzten gemeinsamen Ahnen von Homo sapiens und Neandertaler, sondern eher um einen nahen Verwandten. Dennoch unterstützt der Fund deutlich die These, dass sich unsere eigene Spezies in Afrika entwickelt hat und anders als die Neandertaler und die Denisova nicht auf Vorfahren zurückgeht, die bereits früh nach Eurasien kamen. „Die Fossilien aus der Grotte à Hominidés sind die derzeit wohl besten Belege für afrikanische Populationen, die nahe an der Wurzel der gemeinsamen Abstammung liegen, und stützen damit die Sicht eines tiefen afrikanischen Ursprungs unserer Spezies“, sagt Hublin.
Quelle: Jean-Jacques Hublin (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-025-09914-y





